Für Medienschaffende wird’s eng

Monique Hofmann, Web-Editorin bei ver.di, freie Journalistin, Mitarbeiterin der Geschäftsstelle von ProQuote Medien e.V.
Foto: Kay Herschelmann

Gewalt gegen Medienvertreter*innen ist längst nicht mehr neu. Schon vor Corona nahmen Angriffe auf Reporter*innen und ihre Teams stetig zu. Doch das, was uns in den letzten Wochen an Schreckensmeldungen über brutale Übergriffe auf Medienschaffende erreichte, beschreibt eine völlig neue Dimension. Die jahrelange Hetze gegen Journalist*innen und Medien zeigt grausige Wirkung. Für die Medien und vor allem die Menschen, die sie machen, wird es eng. Sehr eng.

Am 1. Mai wurden ein TV-Team der ZDF-„heute-show“ sowie mehrere Sicherheitsleute, die sie begleiteten, von 25 maskierten Personen attackiert. Vier von ihnen mussten im Krankenhaus behandelt werden, einer davon wurde bis zur Bewusstlosigkeit getreten, drei blieben unverletzt. Eine Woche später dann: Bei einer vom Vegankoch und mittlerweile profiliertem Verschwörungsideologen Attila Hildmann initiierten Versammlung vor dem Berliner Reichstag stürmt ein Mann aus der Menge und tritt nach einem Tontechniker des anwesenden ARD-Teams. Diesmal wurde zum Glück niemand verletzt. Wenige Tage später wird ein TV-Team des WDR bei einer sogenannten „Hygienedemo“ in Dortmund attackiert und wieder nur wenige Tage später haben Teilnehmende einer offenbar impfkritischen Versammlung am Hamburger Jungfernstieg am Montagabend einen Kameramann attackiert und dessen Kamera beschädigt.

„Wenn man Journalisten als Feindbild postuliert, senkt man damit auch die Hemmschwelle zur körperlichen Gewalt“, sagte Lutz Kinkel vom Europäischen Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) kürzlich gegenüber dem Medienmagazin Zapp. Und er hat Recht. Die Parolen und bizarren Erzählungen der Verschwörungsideologen dieser Tage fallen auf einen fruchtbaren Nährboden. Wie so vieles andere potenziert die Corona-Krise offenbar auch das seit dem Aufkommen von Pegida jahrelang inszenierte Narrativ der „Lügenpresse“.

Schon länger schickt, wer es sich leisten kann, seine Reporter*innen und TV-Teams nur noch in Begleitung von Personenschützer*innen auf Demonstrationen und Versammlungen. Freie Journalist*innen und Fotograf*innen, die auf eigene Faust arbeiten, müssen sich auf die Polizei verlassen. Doch auch deren Verhalten stimmt besorgt. Als „Freund und Helfer“ erleben die von Demos berichtenden Medienschaffenden sie nur selten. Vereinzelt wird sie sogar selbst zur Angreiferin. Wie im Fall einer jungen Journalistin, der bei einer Demo am 1. Mai von einem Beamten gezielt ins Gesicht geschlagen wurde, obwohl sie mit ihrer langen Mikrofonangel eindeutig als Pressevertreterin erkennbar war. Immerhin: Die Polizei hat umgehend ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung im Amt eingeleitet.

Dass sie in den meisten Fällen allerdings weniger schnell reagiert, zeigt erneut der Fall des Journalisten David Janzen, der vor allem über die extreme Rechte berichtet und immer wieder Opfer von Morddrohungen, Ketchup- und Säureattacken auf sein Haus und auch körperlichen Attacken bei der Berichterstattung von Versammlungen wird. „Ich habe heute ziemlich eklige Post bekommen: In einem an meine Familie adressierten Paket lag unter Zeitungspapier ein vergammelter Schweinekopf“, postete Janzen vor zwei Tagen auf seinem Twitterprofil. (Halbherzige) Ermittlungen habe die Kripo allerdings erst eingeleitet, so Janzen, nachdem er dem Beamten am Telefon mit einem Anruf beim niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius sowie dem Polizeipräsidenten und der Presse gedroht habe.

Doch wohin steuern wir, wenn Medienvertreter*innen aus Angst vor Übergriffen lieber nicht mehr von Versammlungen berichten? Wenn Journalist*innen aus Angst um sich und ihre Familien lieber nicht mehr im rechten Umfeld recherchieren, weil die Polizei und die Justizbehörden ihnen bei Bedrohungen nicht zur Seite stehen?  In den nächsten Monaten und möglicherweise Jahren wird sich unsere Gesellschaft mit den Folgen der Corona-Pandemie auseinandersetzen. Rechte Parteien und Gruppen, das deutet sich jetzt schon an, werden versuchen, all die Verschwörungsideolog*innen, Impfgegner*innen und Corona-Relativierer*innen für ihre Ziele zu instrumentalisieren. Gerade dann brauchen wir Journalistinnen und Journalisten wie David Janzen, Kameramänner- und –frauen, Tonassistentinnen und –assistenten, die wachsam sind, die uns über dieses Geschehen informieren, die für die Öffentlichkeit einordnen und analysieren. Wenn all dies hinter verschlossenen Türen passiert, dann steuern wir in eine düstere Zukunft.

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