Film: Fördersystem braucht Veränderung

Kurzfilmproduktion bei Nacht Foto: Shutterstock/Faboi

Ein Jahr nach den „Frankfurter Positionen zur Zukunft des deutschen Films“

Im April 2018 formulierten Vertreter*innen der Filmbranche nach einem zweitägigen Kongress ein Ergebnispapier, die „Frankfurter Positionen zur Zukunft des deutschen Films“. Das Papier beinhaltet Vorschläge für Reformen des Fördersystems von Filmherstellung und –verwertung. Beim diesjährigen Lichter Filmfest in Frankfurt diskutierten Parlamentarier und Filmschaffende, wie die Reformen politisch umgesetzt werden könnten.

Beim Schlagwort „Frankfurter Positionen“ (FP) denken nicht Wenige an das Oberhausener Manifest. Im Jahre 1962 erklärten 26 Filmemacher, darunter Alexander Kluge und  Edgar Reitz, „Papas Kino ist tot!“ Die künstlerische Erneuerung der damals als desolat empfundenen Filmproduktion in der BRD war das Ziel. Fünfzig Jahre nach Oberhausen war es wiederum Edgar Reitz, der die Erneuerung der deutschen Filmkultur forderte, diesmal mit vier Thesen. Sie waren Grundlage für den 2018 vom Lichter Filmfest veranstalteten Kongress zu den Bereichen: Förderung und Finanzierung, Ausbildung und Filmbildung, Vertrieb und Kinokultur. Daraus folgten die Frankfurter Positionen, die im Laufe des letzten Jahres auf diversen Veranstaltungen beim Filmfest in München, in Hof und während der Berlinale weiter diskutiert wurden.

Zu Reitz‘ Thesen gehören zwei, die sich explizit mit dem Fördersystem für die Filmproduktion befassen: „Der deutsche Gremienfilm hat ausgedient“, und „das Fernsehen muss sich vom Kinofilm zurückziehen“. Die Entscheidungen, welche Filme entstehen, liegen tatsächlich fast ausschließlich in der Hand von Fördergremien und Fernsehredaktionen. In den meisten Gremien sitzen nun auch Redakteur*innen, da sich die Sendeanstalten zunehmend direkt an der Ausstattung der Filmförderungen beteiligten. Im Gegenzug, so die FP, fordern die Sender mehr Einflussnahme sowie die Förderung ihrer eigenen Filme, oft reine TV-Produktionen. Deren öffentlich-rechtlichen Geschmacksvorgaben orientierten sich an einer „middle-of-the road“-Erzählung und -Ästhetik.

Mehr Mittel für künstlerisch orientierte Filme

Die FP fordern daher, das Finanzierungsmodell Kino-Koproduktion der Länderförderungen mit den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten zu beenden. Anstatt der Gremien sollten Kurator*innen im Rotationsprinzip über die Vergabe entscheiden und 50 Prozent der Mittel nur für künstlerisch orientierte Filme bewilligen. Da sich ein Systemwechsel länger hinziehen dürfte, verlangen die FP einige Sofortmaßnahmen, wie die Erhöhung der Entwicklungs- und Verleihförderung. Die Regionaleffekte der Länderförderungen müssten abgeschafft werden oder man einige sich auf eine „Effekt-Tauschbörse“. Außerdem sollte „der kalkulatorische Realismus vor allem in Bezug auf sozialverträgliche Gagen“ endlich anerkannt werden.

Das diesjährige Frankfurter Fachpodium zur Zukunft des deutschen Films am 29. März gestaltete sich als Agora mit Vertretern aus dem Bundestag und der Filmbranche. Dazu gehörten neben Filmschaffenden, auch Festivalleiter*innen, Kurator*innen und Filmkritiker*innen. Man war sich einig, das Fördersystem von Filmherstellung und –verwertung steckt in einer Sackgasse. Die Kinofilm-Förderung auf Bundes- und Landesebene sei zu niedrig, sie summiere sich 2018 auf nur 272,5 Mio. in Frankreich dagegen auf 800 Mio. Außerdem werde die Filmkunst in Deutschland von der Politik vornehmlich als Wirtschaftsgut betrachtet, dabei sei es eher ein Kulturgut. Man diskutierte Strategien, wie man die FP politisch umsetzen könnte. Martin Rabanus, Sprecher für Kultur und Medien in der SPD-Bundestagsfraktion rief dazu auf, dass sich die Verbände aus der Filmwirtschaft zusammenschließen sollten, um als starke Lobby Reformen voranzutreiben. Nur so könne man der Politik etwas in die Hand geben.

Verbesserung der prekären Arbeitsbedingungen notwendig

In welche Richtung sollte sich das Fördersystem für die Filmherstellung auf Bundesebene erneuern? Hartmut Ebbing, kulturpolitischer Sprecher der FDP Bundestagsfraktion, befürwortet die in den Frankfurter Positionen geforderte Rückkehr zu den Anfängen der deutschen Fördergeschichte: Die Vergabe von 50 Prozent der Mittel müssten über ein klar an kommerziellen Zielen ausgerichtetes, stark automatisiertes Auswahlverfahren erfolgen. Die weiteren 50 Prozent sollten in einem anderen Verfahren primär künstlerisch orientierten Filmen gerecht werden. Zusätzlich wirft Ebbing das Tax Credit-System in den Raum: Wer in die Filmindustrie investiert, könne mit Steueranreizen rechnen.

Oliver Zenglein von Crew United betont dagegen, dass vergessen werde, wie viel der Steuerzahler bereits an der Selbstausbeutung der Filmschaffenden spare. Er habe sich bei den FP eingebracht, weil es ihm um die Verbesserung der prekären Arbeitsbedingungen ginge, unter denen die Filmschaffenden in Deutschland arbeiten.

ver.di-FilmUnion fordert soziale Mindeststandards

Cornelia Grünberg, geschäftsführender Vorstand des Bundesverband Regie (BVR) und von Pro Quote Film wünscht sich ebenfalls, dass sich die Verbände unter den Filmschaffenden stärker vernetzen. So könne man seine Interessen bei der demnächst anstehenden FFG-Novelle 2021/22 zielgerichteter vertreten. Gerade bereite sie eine erste Stellungnahme mit Forderungen von Seiten des BVR vor. Hört man sich um, haben auch vom BKM unaufgeforderte Verbände um eine Fristverlängerung gebeten. Sie wollen ihre Stellungnahmen für die Branchenanhörung im Herbst nachreichen. Die ver.di-FilmUnion vertritt in ihrer ersten Stellungnahme Forderungen, die sich auch in den FP finden, unter anderem die Berücksichtigung von sozialen Mindeststandards und von Gender- und  Diversity-Aspekten. Außerdem die Einrichtung eines Sonderbudgets für Weiterbildungsförderung und eine Filmabgabe ausländischer VoD-Anbieter.

Unabhängig von der Anhörung zur FFG-Novelle wird Kulturstaatsministerin Monika Grütters noch vor der Sommerpause Vertreter*innen  der deutschen Filmwirtschaft und –kultur zu einem offenen Austausch zur Filmförderung sowie dem Kulturort Kino einladen. Hauptthemen sind laut BKM: „Der Rückgang der Besucherzahlen in den Kinos und die allgemeinen Veränderungen am Markt – wie bleibt der deutsche Film attraktiv und wettbewerbsfähig? Wo sollte – auch im Fördersystem – nachjustiert werden?“ Die Diskussion um den kulturellen Stellenwert des deutschen Kinofilms, wie sie zum Beispiel anhand der Frankfurter Positionen geführt wurde, spiele bei der Initiative ebenfalls eine Rolle.

nach oben

weiterlesen

Big Brother Awards zum 20. Mal verliehen

Rollende Kameras, Gehirnstrommessung zur Konzentrationskontrolle in Schulklassen, millionenfache Autokennzeichen-Speicherung und das Ausspähen von Mitarbeiter*innen: Das sind nur vier Fälle, die Digitalcourage mit dem Big Brother Award 2020 aufspießt. Insgesamt hat Digitalcourage den Preis achtmal in sieben Kategorien vergeben, in diesem Jahr vor kleinem Publikum und online. Der Verein setzt sich seit 1987 für Grundrechte und Datenschutz ein – zum 20. Mal wurden nun die Big Brother Awards verliehen.
mehr »

Radio switcht sachter von analog zu digital

Das Radio ist auch während der Corona-Krise auf digitalem Wachstumskurs. Jeder vierte Bundesbürger hat aktuell Zugang zu mindestens einem DAB+-Gerät. UKW behauptet sich noch, verliert aber im Verhältnis zum Digitalempfang sukzessive an Bedeutung. Dies ergibt sich aus dem dritten Digitalisierungsbericht Audio, der am 7. September beim diesjährigen Digitalradiotag online vorgestellt wurde.
mehr »

Das Wahlalter, die Reife und die Medien

Wählen mit 16? Diese Möglichkeit stand im Mittelpunkt des Berliner Mediensalons, nach dem Corona-Lockdown nun wieder vor einem kleinen Publikum im taz-Café und  parallel im Netz zu verfolgen. Im Jahr vor der Bundestags- und sechs Landtagswahlen eine aktuelle Frage, die auf dem Podium überwiegend positiv beantwortet wurde. Eine angeblich unterschiedliche Mediennutzung zwischen den Jahrgängen ist jedenfalls kein Argument für ein Wahlalter von 18 Jahren, zeigt eine aktuelle Studie der Otto-Brenner-Stiftung.
mehr »

Dreiste Verknüpfung

Was ist bloß los mit dem Sommerloch? Wann immer in früheren Jahren Boulevard-Redaktionen händeringend nach schaurigen oder skandalträchtigen Themen fahndeten, tauchte irgendwann zuverlässig „Nessie“ auf, das Ungeheuer von Loch Ness. Oder der „Killer-Wels“ aus dem Berliner Schlachtensee. In diesem tristen Corona-Sommer muss jetzt ein fünf Wochen altes Zweieinhalbminuten-Satire-Video herhalten, um den öffentlichen Erregungspegel vorübergehend hochschnellen zu lassen.
mehr »