Monatlich neue Webradio-Kanäle

Screenshot der Website von Hitradio FFH

Ob Musik für das Workout, German Hip Hop oder Klänge speziell für Frauen und für Männer: Jeweils drei bis fünf neue Webchannels haben führende Radiohäuser in den vergangenen Monaten nochmal draufgelegt. Radio Energy (NRJ) führt mit derzeit 44 frei empfangbaren Zusatzangeboten im Netz, auf dem Muttermarkt Frankreich sind es bereits über 150 Kanäle. Das hohe Wachstum gibt den Sendern Mut für neue Formate. Aber auch für neue Experimente, wie sie in Deutschland bisher noch nie funktioniert haben: Pay-Radio.

Jedes Jahr scheint beim „Webradiomonitor“ ein Jahr der Superlative. Der Monitor wird im Auftrag der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. und des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien e.V. (VPRT) damit beauftragt, zu beobachten, wie sich Radio im Internet entwickelt. Neben Webradio- und Online-Audio-Anbietern wurden auch Online-Audio-Hörer_innen in Deutschland befragt. Die Zahlen klingen nicht nur gut, sie klingen jedes Jahr besser. Die Anbieter von Webradio und anderen Online-Audio-Angeboten verzeichneten im letzten Jahr erneut ein signifikantes Wachstum bei der Nutzung und den Werbeumsätzen. Für Werbekunden, Agenturen und Hörer_innen werden die Webradio- und Online-Audio-Werbeumfelder immer relevanter, es wird ein Wachstum der Werbeumsätze von Online-Audio-Anbietern um 40 Prozent auf 35 Millionen Euro erwartet, alle befragten Anbieter verzeichneten zuletzt mehrheitlich steigende Abrufzahlen.

Noch glänzender sind nur die Aussichten: Die Anbieter rechnen in den kommenden Jahren mit einer hohen Wachstumsdynamik. Bis 2019 soll der Anteil der digitalen Umsätze an den Netto-Werbeumsätzen erstmals bei über 50 Prozent liegen.

Landeswellen rüsten mit Mainstream-Angeboten nach

Webradio in Deutschland läuft. Auf präzise Zielgruppen zugeschnittene Formate, die auf Antennenverbreitung kaum eine Chance auf Ausweisung in der Hörerbefragung hätten, versammeln sich nun im Netz. Auch konservative Stationen, die ungern abseits des krisensicheren Mainstreams experimentieren, wagen sich im Netz mit Zusatzangeboten aus der Deckung. Ein wenig zumindest. Dazu gehören Landessender wie z.B. „Hitradio FFH“ aus Hessen. Vier neue Webradio-Formate für „besondere Momente“ bietet der Sender seit wenigen Monaten zusätzlich. Zu hören sind „FFH Acoustic Hits“, „FFH Workout“, „FFH Deutsch pur“ und „FFH Summer-Feeling“; zusätzlich zum FFH-Liveprogramm und den 13 bereits existierenden  Webradio-Kanälen. FFH setzt damit vor allem auf die „Basics“ und das, was sonst auch schon bei anderen Anbietern offenbar ganz gut funktioniert.

Auch „radio SAW“ aus Sachsen-Anhalt machte sich zuletzt „fit für die digitale Welt“, wie es der Sender selbst beschreibt. Die SAW-Musikwelt bietet nun auch die Webchannel “radio SAW-Hits für Kids”, “radio SAW-Fitness”, “radio SAW-Urban Music”, “radio SAW-Good Life” und “radio SAW-Partyschlager”. „Wir wollen mit unseren insgesamt 16 Webradios die Stärken des Radios ausspielen“, meint SAW-Geschäftsführer Mario A. Liese.

Auch im Süden sind inzwischen neue Webchannel zu hören. Statt klassischer Musikrichtungen startete „Antenne Bayern“ zuletzt geschlechterspezifische neue Angebote. „Radio Lina –nur für Frauen“ und „Radio Ludwig –nur für Männer“. Geschlechterklischees hin oder her, in der Vermarktung spielen sie eine nicht zu verachtende Rolle. Musikalisch orientiert sich Radio Lina an den Wünschen und Hörgewohnheiten von Frauen, der Fokus liegt auf aktuellen Popsongs. Radio Ludwig versucht sich an einem „kernigen, handgemachten Sound“ für Männer. „In der Welt der Webstreams gibt es eine Vielzahl an Musikrichtungen – wir hingegen setzten erstmals auf Zielgruppen, weit gefasst auf Männer und Frauen. Über Marktforschung können wir die Musik genau aussteuern, hinzu kommen zielgruppengenaue Inhalte“, so Ina Tenz, Programmdirektorin und Geschäftsleiterin Content von Antenne Bayern zum Sendestart.

Im Lokalfunk trägt die Diversifizierung der Angebote im Netz ebenfalls erste Früchte.  Allerdings, je kleiner die Station, desto weniger experimentell oder gar wirklich regional sind die Angebote, wie „Radio Chemnitz“ mit einem „80er“ und einem „90er“ Channel belegt, oder „Hitradio N1“ aus Nürnberg mit den „Top40“ und einem „Weihnachtsradio“.

So sind es die bundesweiten Angebote, die mit neuen Formaten den Ton angeben.   Beim Technosender „sunshine live“ sind es 15 zusätzliche Angebote, darunter „Clubsound Berlin“ oder „Bunker“, die immer mehr Nischenzielgruppen bedienen.

Erste Gehversuche mit Pay-Radio

Große Aufmerksamkeit erreichte Klassik Radio im letzten Jahr mit dem Start seines neuen Musik-Streaming-Dienstes „Klassik Radio Select“. Das Konzept: maßgeschneiderte Musikangebote für Fans von Klassik, Oper, Filmmusik, Jazz und Lounge. Damit hält erstmals ein Sender in Deutschland für seine Webradioangebote die Hand auf. Die werbefreie Variante kostet 5,99 Euro pro Monat und liefert auch das Klassik Radio Live-Programm erstmals ohne Werbung. 100 Programme bestimmter Komponisten, Stilrichtungen, Klangwelten oder Stimmungen stehen bereit.

Zahlreiche Radiochefs in Deutschland bescheinigen ihren Respekt – dem Projekt und dem Versuch, vom Hörer für Webradioangebote Geld zu verlangen. Der Glaube daran scheint überschaubar, nacheifern will zunächst offenbar keiner. Deutschland sei im Radiobereich eben ein gelernter free-to-air-Markt. Alle anderen, die sich auf dem deutschen Markt mit innovativen Pay-Radio-Konzepten versuchten, haben sich innerhalb kurzer Zeit eine blutige Nase vom Nutzer abgeholt, wie zuletzt das TechniSat-Radio-Bouquet zeigte.

Energy setzt auf breites Angebot  

Auf Radio als rein kostenfrei empfangbares Produkt setzt dagegen weiterhin Radio Energy. Das Berliner Radiohaus gehörte im letzten Jahr mit 40 Sendern in Deutschland bereits zu den führenden Anbietern von Webprogrammen. Im Frühjahr dieses Jahres verteidigte das Unternehmen nochmals seine Führungsposition und erweiterte das Angebot auf nunmehr insgesamt 44 Kanäle. Neu an Board: “Energy German Hip Hop”, “Energy German Pop” und “Energy Germany Top40”.

„Unser Ziel ist es, jedem Hörer seinen Lieblingsstream zu bieten, immer passend zum aktuell favorisierten Musikstil oder der aktuellen Stimmung. Wir beobachten intensiv den Markt und greifen jeden neuen Trend auf“, so Benjamin Galouye, Nationaler Programmdirektor & Head of Music Energy Deutschland. Und er kündigt weitere Webradioangebote an. Obwohl Radio Energy in Deutschland mit seinen 44 Angeboten führt, so ist dies im Vergleich zum Mutterhaus in Frankreich noch relativ wenig. Dort ist Radio NRJ France mit über 150 kostenfreien Webradios besonders breit aufgestellt. Die Vielfalt von NRJ France ist beachtlich. So werden z.B. Angebote nach Jahren zusammengestellt („NRJ Hits 2011“; NRJ Hits 2012“ etc.), Gattungen wie Rap erhalten zahlreiche Verspartungen á la „NRJ Gangsta Rap“ oder „NRJ Classic Rap France“. Der Blick nach Frankreich zeigt, wohin die Reise auch bei der deutschen Tochter Radio Energy in den kommenden Jahren gehen wird.

Smart Speaker beflügeln Webradios

Grundsätzlich entspricht die Marktentwicklung in Deutschland dem internationalen Trend. Grund für die zu erwartenden positiven Zahlen der Zukunft seien u.a. die neuen Smart Speaker, die auch in Deutschland immer stärker Einzug hielten, meint Carsten Achterfeld, Stellvertretender Vorsitzender der Fokusgruppe Audio im BVDW. Der Online-Audio-Markt wachse derzeit sehr dynamisch und werde nochmal einen deutlichen Schub durch die Smart Speaker von Google, Telekom, Amazon und Co. erhalten. Auch andere Stimmen bestätigen das: „Ich sehe tatsächlich Alexa und alle Sprachassistenten als Chance für Radiosender, weil es den Kanal Audio weiter in das Zentrum von Mensch-Computer-Interaktion stellt und neue Touch Points für Radios zur Verfügung stellt. Das ist eine große Chance fürs Radio“, so Malte Kosub, Gründer und Geschäftsführer der Radioberatung Future of Voice.

Nach aktuellen Zahlen aus der Marktforschung wurden 2017 weltweit mehr als 30 Millionen Geräte mit Sprachsteuerungsfunktion verkauft. In Deutschland rechnet man für 2017 mit annähernd zwei Millionen solcher Produkte. Auch für das laufende Jahr wird ein starkes Wachstum in diesem Segment prognostiziert. Aufwind für die Webradios. Denn den Smart Speaker werden künftig immer weniger Nutzer_innen nach ihrem Lokal- und Regionalsender fragen, sondern nach Stilrichtungen und aktueller Laune. Rap aus Frankreich, deutscher Schlager, Musik zum Joggen, Musik zum Einschlafen. Gut, wer da was anzubieten hat.

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