Kunstfreiheit statt Empörungsunkultur

Foto: Jan-Timo Schaube

Meinung

Die Aktion sei zynisch, arrogant, eine „Verhöhnung der Corona-Opfer“ durch einige „Privilegierte“, ein „Schlag ins Gesicht der erschöpften Pfleger“, besorge das Geschäft der „Querdenker“, usw. Infolge der wüsten gegen sie gerichteten Medienattacken distanzieren sich einige der 53 beteiligten Schauspieler*innen von der gemeinschaftlichen Aktion #allesdichtmachen. Manche üben nach dem Shitstorm Selbstkritik, einige ziehen ihre Videos zurück. Recht so?

Ein bemerkenswerter Vorgang. Seit einem Jahr steckt die gesamte Kulturbranche in einer vom Staat erzwungenen Quarantäne. Eine Branche, die mit mehr als 1,5 Millionen Kulturarbeiter*innen etwa doppelt so stark ist wie die Automobilindustrie. Letztere gilt der Politik als „systemrelevant“, die Kultur dagegen nicht. Sie wird mit Fitnessstudios, Spielbanken und Bordellen in eine Reihe mit anderen „Freizeiteinrichtungen“ gestellt. „Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und der Veranstaltungsbranche ALG II anbieten?“ wetterte daher bereits Ende Oktober der Jazztrompeter Till Brönner in seinem 6-Minuten-Video „Zur Lage“ auf YouTube. Darin zeigte er sich verwundert darüber, „wie auffällig verhalten und geradezu übervorsichtig“ Bühnenkünstler sich auch nach (damals) acht Monaten zu dieser Misere äußerten, „obwohl ihre Existenz gerade fundamental auf dem Spiel steht“.

Damit ist es jetzt vorbei. Erstmals haben sich Künstler*innen in einer konzertierten Aktion gegen die chaotische Regierungspolitik zur Wehr gesetzt. Schauspieler*innen, darunter einige der populärsten dieses Landes, protestieren gegen die Corona-Politik der Regierung. Sie tun dies in Form von Kurzvideos auf einer YouTube-Plattform. Mit ihrem Mitteln – satirisch, ironisch, zugespitzt. An keiner Stelle wird die Existenz von Corona geleugnet, keine Spur von Verschwörungsmystik. Die Kritik richtet sich gegen die Auswüchse einer staatlichen Pandemie-Eindämmungspolitik, die Widersprüche einer vermeintlich „alternativlosen“ Bundesnotbremse. Mal witzig, mal ernsthaft, manchmal auch weniger gelungen, na und? Wenn zum Beispiel Schauspielerin Kathrin Osterode das Regierungs-Geeire mit den Inzidenzwerten in den familiären Bereich überführt (über 100: TV- und Internetverbot für die Kids, ab 80: keine Süßigkeiten, bei 30: gemeinsame Fahrradtour – ab 250 wird das erste Kind zu Adoption freigegeben), dann ist diese Parodie vermutlich harmlos im Vergleich zu den realen gesellschaftlichen Kollateralschäden des einjährigen Lockdowns.

Künstler als nützliche Idioten von AfD und „Querdenkern“? Wenn man sich nicht mehr traue, Selbstverständlichkeiten anzumahnen, weil man Applaus von der falschen Seite fürchtet, zeige das allenfalls, „dass der Diskurs in eine Schieflage geraten ist“, verteidigen sich die Künstler. Zu Recht. Das Reflexhafte In-die-Ecke-Schieben, dieses vermaledeite Lagerdenken – selbst da, wo es um Satire geht – ist einmal mehr Ausweis einer Empörungsunkultur, die mittlerweile offenbar selbst seriöse Medien infiziert hat. Leider sogar Stefan Niggemeier („eklige Ironie“) von „Übermedien“.

Ein Werk eitler Selbstverwirklicher? Die arrogante Aktion einer Clique von Privilegierten? Dieser Vorwurf fällt im Lichte der ökonomischen Realitäten wohl eher auf die meisten Absender zurück. Im Gegensatz zu vielen der Kritisierten, die auch stellvertretend für ihre Branche reden, dürfen die empörten Meinungsmacher*innen nämlich trotz Corona weiterhin ihrem Job nachgehen. Die darstellenden Künstler*innen dagegen knapsen seit Pandemiebeginn am Existenzminimum. Selbst ein „Tatort“-Star wie Ulrike Folkers musste sich vor Jahren noch arbeitslos melden, zwecks Sicherung der Rentenansprüche. Der Promifaktor der Aktion sorgt diesmal immerhin für öffentliche Aufmerksamkeit. Einer Handvoll Komparsen wäre diese Resonanz wohl eher nicht zuteil geworden. Jan-Josef Liefers‘ Video wurde 1,2 Millionen Mal abgerufen, das von Trompeter Brönner bekam vor einem halben Jahr gerade mal 43.000 Klicks.

Zur Erinnerung: Grundrechtsartikel 5 garantiert nicht nur die Presse- und Meinungsfreiheit. Sondern auch die Kunstfreiheit. Eine Kleinigkeit, die der WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin (SPD) wohl übersehen hatte, als er per Tweet ein Beschäftigungsverbot für Jan-Josef Liefers und Ulrich Tukur forderte. Dass er später zurückruderte, macht die Sache nicht viel besser. Wie sagt die Actrice Nina Gummich („Babylon Berlin“, Charité“) in ihrem Video: „Mein Ratschlag für alle, die noch was werden wollen: Befreit euch von eurer Meinung. Keine Meinung ist die beste Meinung!“ Im Lichte der folgenden Empörungswelle möglicherweise fast schon eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Dass Videos von der Plattform verschwunden sind, bedeute nicht zwingend, dass die jeweiligen Leute sich vom Inhalt distanzierten, teilte #alles dichtmachen am Wochenende mit. „Es kann auch bedeuten, dass jemand sich einfach nicht in der Lage sieht, diesen Shitstorm auszuhalten oder dass Familie und Kinder bedroht werden.“

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