Auf Social Media lässt sich ein neuer Trend beobachten: Väter setzen sich in ihren Accounts öffentlich, selbstkritisch und selbstbewusst mit ihrer Vater-Rolle, ihren Unsicherheiten und ihren biographischen Prägungen als Mann und Sohn auseinander. Das ist ein relativ neues Phänomen. Wir sprachen mit dem Dadfluencer Felix Schenk.
Felix Schenk ist gelernter Erzieher und Vater von zwei Söhnen. Er lebt mit seiner Familie bei Dortmund. Als „Papa ohne Plan“ setzt sich der 37-Jährige auf Instagram für aktive Vaterschaft ein. Seit 2017 gibt er seinen mittlerweile 72 Tausend Followern Impulse, um als Papa nicht mehr nur in die Assistentenrolle zu schlüpfen, sondern als moderner Vater zu agieren. Darüber hat Schenk auch ein Buch geschrieben.
Warum haben Sie sich entschieden, Dadfluencer zu werden?
Als meine beiden Söhne noch sehr jung waren, gab es für mich kaum Anlaufpunkte, um mich mit anderen Vätern auszutauschen und mich davon inspirieren zu lassen, wie sie den Alltag mit ihren Kindern meistern. Zudem fehlte mir ein Vorbild in meiner Familie. Denn ich bin mit einem emotional und physisch abwesenden Vater aufgewachsen. Mein Account „Papa ohne Plan“ war anfangs eine Art digitales Tagebuch – und der Name Programm. Darüber hinaus reflektiere ich in meinen Posts viel stärker, wie ich selbst als Kind war, wie sich das von meinem heutigen Ich unterscheidet und wo ich vielleicht auch mal überlegen muss, etwas zu verändern. Dabei versuche ich auch, aus meinem eigenen Leben herauszuzoomen und aufs große Ganze zu schauen – aber ohne moralischen Zeigefinger. Denn ich glaube nicht, dass ich die Weisheit mit der Baggerschaufel gefressen habe.
Auch viele Eltern setzen sich auf ihren Social-Media-Profilen stark in Szene. Sie stellen dann meist ihren Konsum-Lifestyle und vor allem ihr angeblich makelloses Leben demonstrativ zur Schau. Was lösen solche Posts und Profile bei Ihnen aus?
Es fiel mir oft schwer, mich von solchen Inszenierungen abzugrenzen und mich und mein Leben nicht mit dieser schillernden, angeblich stets schönen und bunten Welt zu vergleichen. Ich schätze es daher, dass in den Medien auch mal ungeschönt das Scheitern gezeigt wird. Oder besser gesagt: das, was wir, wenn wir den inszenierten Perfektionismus zum Maßstab machen, bei uns selbst und bei anderen schnell als Scheitern aburteilen. Ich meine damit zum Beispiel die Augenringe wegen des Schlafmangels, die Überforderung, wenn uns das Verhalten unserer Kinder mal wieder wütend macht, oder die Wochenbettdepression, unter der viele junge Mütter leiden. Immer nur das Schöne, Gute und Privilegierte zu zeigen, vermittelt aber nicht nur ein unrealistisches Bild. Es schürt meiner Beobachtung nach auch schnell Neid, wenn wir uns zu oft mit Menschen vergleichen, die als schillernde Influencer oder Celebrities ein ganz anderes Leben führen und auch als Eltern oft ganz andere Startvoraussetzungen haben.
Es ist auffällig, welchen hohen Stellenwert auf ihrem Kanal progressive Entwürfe von Männlichkeit haben. Verstehen Sie sich als feministischer Dadfluencer?
Ich bin dezidiert pro-feministisch, würde mich aber eher als Ally bezeichnen – also als Verbündeten. Das heißt natürlich nicht, dass ich frei von Fehlern bin und in der Vergangenheit nicht unbewusst oder auch bewusst von patriarchalischen Strukturen profitiert habe. So bin ich in meinem Job als Erzieher mit Sicherheit schon das ein oder andere Mal aufgrund meines Geschlechts priorisiert behandelt worden, weil es leider zu wenig männlicher Erzieher gibt. Mir den Stempel „feministischer Influencer“ zu geben, fände ich aber anmaßend. Und allein dafür, dass ich mich um meine Kinder kümmere und versuche, Care-Arbeit mit meiner Partnerin gleichberechtigt aufzuteilen, möchte ich mich nicht übermäßig feiern lassen. Denn das sollte für Väter normal sein. Als ich vor einigen Jahren zusammen mit meinen Kids einen Drogerie-Einkauf gemacht habe, hat mich der Kommentar der Kassiererin sehr irritiert. Sie sagte: „Oh, hat die Mutti heute frei?“ Der Spruch bringt für mich viel auf den Punkt, was in unserer Wahrnehmung von Vaterschaft und in der Art, wie wir als Eltern Care-Work organisieren, falsch läuft. Auch das adressiere ich auf meinem Channel.
Welche weiteren Perspektiven und Werte möchten Sie als „Papa ohne Plan“ hervorheben?
In meinem kommenden Buch wird es darum gehen, was unsere Söhne von uns als Väter brauchen. Darin wird das Thema emotionale Intelligenz und vor allem der Umgang mit den eigenen Gefühlen eine große Rolle spielen. Männer und Jungs sind immer noch häufig so geprägt, dass für sie vor allem Wut ein legitimer Gefühlsausdruck ist – sei es, indem sie mit der Faust auf den Tisch hauen, sei es, indem sie herumschreien, wenn sie etwas oder jemand provoziert. Andere Emotionen hingegen, so wie Unsicherheit, Traurigkeit oder Angst, gelten nach wie vor als „unmännlich“. Kein Wunder, dass der mentale Gesundheitszustand von vielen Männern insgesamt schlecht ist, sie ihre Gefühle oft nicht regulieren können, zur Entspannung zu Suchtmitteln greifen oder ihren Frust oder ihre Unzufriedenheit an anderen Menschen herauslassen. Das wird sich nicht verbessern, wenn wir an diesem Bild des immer starken, autonomen Mannes festhalten, der keine anderen Emotionen als Wut und kein anderes Verhalten als Aggression und Dominanz zeigen darf. Ganz im Gegenteil: Gefühle wie Unsicherheit, Traurigkeit oder Angst zu unterdrücken und die eigene Verletzlichkeit und das Angewiesen-Sein auf andere Mitmenschen zu verdrängen, hilft uns überhaupt nicht weiter.
Was Sie schildern, betrifft aber nicht nur Väter – sondern alle Männer und sicherlich auch manche Frauen.
Auf meinem Channel spreche ich darüber, wie ich meinen Söhnen offen und ehrlich sage, wenn mich Dinge, die sie tun, überfordern. Oder, dass ich auch mal Pausen vom Zusammen-Sein mit ihnen brauche oder dass es Momente gibt, in denen ich nicht so präsent sein kann, wie ich das möchte und sollte, weil es auf der Arbeit für mich anstrengend oder frustrierend war und ich diese Erfahrung erst einmal ein bisschen verarbeiten muss. Das alles wegzuschlucken und sich emotional hart zu machen, um irgendwie funktionieren zu können, wäre da die vollkommen falsche Strategie. Auch als Väter müssen wir unsere Bedürfnisse benennen und normalisieren und uns Freiräume schaffen, die es ermöglichen, präsent und achtsam zu sein und uns emotional intelligent zu verhalten. Das heißt zum Beispiel auch, sich bei den eigenen Kindern zu entschuldigen, wenn wir mal etwas verbockt haben. Mein oberstes Ziel als Vater ist es, das alles meinen Kindern gut vorzuleben. Und die greifen das auch auf. Wenn mich mein ältester Sohn in einer Situation, in der ich kommuniziere, dass ich gestresst bin oder mich etwas triggert, fragt, ob ich zur Entspannung einen Kaffee oder vielleicht nur auch kuscheln möchte, macht mich das sehr glücklich. Auch solche versöhnlichen Glückmomente möchte ich als „Papa ohne Plan“ offen und ehrlich zeigen.
Ein wichtiger Teil der eigenen biographischen Arbeit ist es, sich im Laufe des eigenen Lebens bewusst zu machen: Was von den eigenen Eltern möchte ich in die eigene Elternrolle mitnehmen – und was nicht. Welche Bedeutung hat der Blick auf ihre eigene Kindheit bei „Papa ohne Plan“?
Eine große. Ein Beispiel: Wenn einem für lange Zeit das Urvertrauen gefehlt hat, ist es eine Herausforderung, das bei den eigenen Kids entstehen zu lassen. Für sie der sichere Hafen zu sein, setzt voraus, mit sich selbst klarzukommen. Deshalb habe ich mit Mitte dreißig zwei Jahre Therapie gemacht. Dabei wurde mir bewusst, wie wichtig mir das Thema Gesehen-werden war, gerade auch von meinem eigenen Vater, der emotional präsent ist und auch mal sagt: „Ich bin stolz auf dich!“ oder „Du bist gut genug, wie Du bist.“ Genau so etwas trägt bei Kindern und Jugendlichen dazu bei, das Urvertrauen zu schaffen, das auch später noch so wichtig ist. Zudem gibt es Situationen, in denen ich merke: Ich schäme mich dafür, dass ich manchmal so wie mein Vater früher reagiere.
Was für Situationen sind das?
Wenn es mir zum Beispiel nicht gelingt, meine Impulse zu kontrollieren, ich zornig werde und mit der Faust auf den Tisch haue – anstatt ruhig, klar und wertschätzend meine Bedürfnisse und Wünsche zu artikulieren. In der Auseinandersetzung mit meiner eigenen Biografie ist mir zudem bewusst geworden, dass ich eigentlich schon als Kind mitbekommen habe, wie der Gender Care Gap und der Gender Pay Gap ganz greifbar im Alltag, jenseits der Statistiken funktioniert. Damit das Geld am Ende des Monats reicht, hat sich meine Mama damals in zwei Jobs abgerackert. Dafür habe ich größten Respekt. Dass ich heute mit einer Vollzeit-Stelle als Erzieher relativ privilegiert bin und einen Lebensstandard genieße, den viele andere Menschen in Deutschland und anderswo nicht haben, versuche in meiner Rolle als „Papa ohne Plan“ stets im Blick zu behalten.
Auffällig an ihrem Channel ist die wertschätzende Kommunikation sowie eine differenzierte, empathische Haltung sich selbst, aber auch anderen gegenüber. Wo stößt das Format Dadfluencer bzw. ihr Social-Media-Kanal an seine Grenzen?
Mit einigen Videos, in denen ich zeige, wie mein Jüngster ein Kleid und lackierte Fingernägel trägt, bin ich in der rechten Bubble gelandet. Die wollten mich dann provozieren und haben mich auch bedroht und homophobes Zeug geschrieben. Das hat mich sehr wütend gemacht. Eine weitere Grenze liegt in der Struktur der Sozialen Medien selbst. Es gibt Tage, an denen ich nichts Substanzielles zu sagen habe oder ich bin im Urlaub und möchte die Zeit mit meiner Familie und auch allein offline genießen. Wenn ich aber für längere Zeit nichts gepostet habe, dann rutsche ich im Algorithmus der User schnell nach hinten. Wenn ich mir anschließend viel Mühe bei der Produktion eines Clips gegeben habe, den dann aber kaum jemand sieht, startet in meinem Kopf immer wieder das Gedankenkarussell und ich frage mich: Lohnt sich meine Arbeit überhaupt? Mache ich das überhaupt gut genug? Wenn ich dann aber an die wertschätzenden User-Kommentare denke oder das kurze, aber kraftvolle „Danke“, die mir einige Menschen immer mal wieder hinterlassen haben, merke ich, warum ich „Papa ohne Plan“ mache.
Was können Journalist*innen in ihrer Berichterstattung über Vaterschaft, Familie und Eltern-Sein besser machen?
Die Normalität von Vaterschaft sollte präsenter werden. In meiner persönlichen Bubble werden diverse Kinderbücher immer präsenter. In ihnen sind dann nicht mehr alle Menschen blond und weiß, sondern es sind auch BIPOC-Kinder und Kinder von überall auf der Welt, Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen oder gleichgeschlechtliche Eltern repräsentiert. Dass diese Diversität und Normalität besser abgebildet wird, wünsche ich mir auch für die journalistische Berichterstattung über Vaterschaft, aber genauso in Serien und Spielfilmen. Und zur Normalität gehört auch, dass Väter nicht heroisiert und auf ein Podest gehoben werden, nur wenn sie mit ihrem Kind einkaufen gehen – und erst recht nicht, wenn sie auch noch dazu stark tätowiert sind und einen Vollbart tragen so wie ich.

