Filmtipp: Was haben wir gelacht

Archiv: Radio Bremen, Nachtschwester Kroymann, 27.04.1996

Der Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ mit Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins blickt facettenreich, differenziert und  kurzweilig aus weiblicher Perspektive auf die Rolle der Frau in der Fernsehunterhaltung der Neunziger- und Nullerjahre. Eva Müller und Isabel Schneider dokumentieren mit Hilfe vieler Show-Ausschnitte, wie misogyn und homophob diese Zeit war.

Der Unsatz des Jahres 1995 fiel in der „Harald Schmidt Show“ (Sat.1): „Die würde kein Mann freiwillig anfassen.“ Zuvor hatte Schmidt im Rahmen eines Bilderrätsels vier Fotos in die Kamera gehalten. Die Aufnahmen zeigten eine Ausgabe der feministischen Zeitschrift „Emma“, eine Klobrille, eine Flasche Eierlikör sowie die WDR-Moderatorin Bettina Böttinger. Heute müsste der Moderator für diese Ehrverletzung womöglich mit einer Anzeige rechnen, damals war die Grenzüberschreitung bloß ein Beispiel von vielen: Scherze auf Kosten von Frauen waren ganz normal. Eva Müller und Isabel Schneider präsentieren in ihrem Dokumentarfilm mit dem gern auch sarkastisch zu verstehenden Titel „Was haben wir gelacht“ eine Vielzahl von Ausschnitten, die aus aktueller Sicht mehr als bloß gemischte Gefühle wecken. Das Spektrum reicht von peinlicher Berührtheit bis zu Scham in eigener Sache, weil sich auch Männer fragen werden: Warum hat mich das eigentlich nicht schon damals empört?

Humor als Machtfaktor

Die Rückblicke illustrieren, welche Rolle den Frauen in der klassischen TV-Show zugedacht war. Im besten Fall waren sie kaum beachtetes schmückendes Beiwerk, im schlechtesten wurden sie zur Zielscheibe schmuddeliger Herrenwitze oder mussten sich widerspruchslos betatschen lassen; gerade Thomas Gottschalk kannte in dieser Hinsicht auf dem „Wetten, dass..?“-Sofa kein Pardon. Zentrale Figuren dieses facettenreichen, differenzierten und darüber hinaus ausgesprochen kurzweiligen Films sind jedoch nicht die Männer, sondern Komödiantinnen, die sich in der maskulin geprägten Fernsehunterhaltung durchsetzen konnten: Maren Kroymann, Esther Schweins, Gaby Köster und Hella von Sinnen. Böttinger fällt als Moderatorin etwas aus dem Rahmen, gehört als vermeintliches „Opfer“ jedoch unbedingt ebenfalls in diesen Reigen. Die fünf Protagonistinnen haben sich das Material zwar nicht gemeinsam angeschaut, kommen aber dank einer klugen Montage quasi dennoch miteinander ins Gespräch, weil sie zu den Kommentaren der anderen Stellung nehmen.

Leitmotiv des Films ist die Überlegung, was Humor mit Macht und Gleichberechtigung zu tun hat. Auch wenn die Frage zunächst abwegig klingen mag: Bei näherer Betrachtung erschließt sich ihr tieferer Sinn umgehend, denn Witze spiegeln gesellschaftliche Befindlichkeiten wider. Wer sie zum Besten gibt, hat die Deutungshoheit; und natürlich zementieren sie tradierte Rollenbilder. „Frauen sind nicht komisch“, habe sie früher ständig gehört, erinnert sich Kroymann, als Kabarettistin mit allen wichtigen Fernsehpreisen und mehrfach für ihr Lebenswerk ausgezeichnet: „Da waren sich alle einig.“ Sie selbst hat als TV-Pionierin des weiblichen Humors erheblich dazu beigetragen, dieses Vorurteil abzubauen, unter anderem mit Sketchen über typische Fragen, die bis dahin überhaupt nicht vorkamen, weil auch die Gag-Schreiber ausnahmslos Männer waren. Als Frau, sagt Köster, sei man sich im Fernsehen der Neunzigerjahre „wie ein Wesen vom anderen Stern vorgekommen.“

Antiquiertes Weltbild

Wie das aussah, zeigen die vielen Ausschnitte. Allein die Archivrecherche dauerte mehr als zwei Jahre. Die geballte Häufung der Grenzverletzungen verzerrt zwar zwangsläufig das Gesamtbild, verdeutlicht jedoch eins: Abgesehen von wenigen emanzipierten Ausnahmen wie etwa Evelyn Hamann an der Seite Loriots waren Frauen in der Unterhaltung Zielscheiben des Humors. Der Film zeigt ein Weltbild, das aus heutiger Sicht fast antiquiert wirkt. Noch 2009 schüttete Schmidt in seiner zwischenzeitlich zur ARD abgewanderten Sendung dem Model Monica Ivancan Brause auf den Bauch, spuckte mehrfach darauf und leckte dann den Nabel aus. Esther Schweins wendet sich bei Ansicht der Szene mit Grausen. Umso größer ist ihr Respekt vor Böttinger, die kurz nach dem Klobrillen-Eklat den Mut hatte, Schmidt in dessen eigener Show die Meinung zu sagen. Anschließend stand sie auf und ging.

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Das war jedoch eine seltene Ausnahme. In der Regel haben Frauen gute Miene zu dem offenkundig bösen Treiben gemacht: weil sie, so Böttinger, nicht als Spielverderberin gelten wollten. Deshalb hätten sie, sagt Kroymann, auch bei frauenfeindlichen Witzen mitgelacht. Manche verspürten angesichts des Humors „von oben nach unten“ aber wohl durchaus ein gewisses oder gar ausgeprägtes Unbehagen. Aufgrund seiner fragwürdigen Witze über Minderheiten wird Schmidt zum Prototypen dieser Haltung, die derzeit eine gruselige Auferstehung erlebt. Mit Blick auf die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen befürchtet Hella von Sinnen einen „Backlash“: Das reaktionäre Imperium schlägt zurück.


„Was haben wir gelacht“. Deutschland 2026. Buch und Regie: Eva Müller und Isabel Schneider. Kinostart: 16. Juli 2025

 

 

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Tilmann P. Gangloff (tpg)
Höhrenbergstr. 33
D-78476 Allensbach

Tel. 07533 / 93 45 76
E-Mail: tpgangloff@aol.com

 

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