Auch Faktenchecker streichen Stellen 

Bild: Britta Pedersen/dpa

Correctiv ist spätestens seit der Enthüllung zu einem Geheimtreffen von rechtsextremen Akteuren im November 2023 in Potsdam deutschlandweit bekannt. Die Faktenchecker aus Essen und Berlin haben in Folge der Berichterstattung über einen „geheimen Masterplan“, auch „zur Ausweisung von deutschen Staatsbürgern“, gegen die es Unterlassungsklagen und Gerichtsurteile gibt, Massenproteste gegen die AfD, Ausgrenzung und Rassismus ausgelöst.

Das gemeinwohlorientierte, 2013 vom früheren WAZ-Redakteur David Schraven gegründete Medienhaus war in aller Munde, verteidigte seine Berichterstattung und bekam viel Kritik. Correctiv wurde im Zuge der Enthüllung teilweise eine unzulässige Verengung und falsche Tatsachenbehauptung vorgehalten. Zur Wahrheit gehört aber auch: Es gab viel Zustimmung und journalistische Auszeichnungen für die Recherchen.

„Mit der Geheimplan-Recherche hat Correctiv erstmals einer breiten Öffentlichkeit aufgezeigt, was sich hinter dem völkischen Tarnbegriff der Remigration verbirgt, und mit welchen rechtsextremen Akteuren die AfD in diesem Kontext strategisch eng zusammengearbeitet hat“, heißt es von Correctiv auf Anfrage. Diese Fragen hätten auch heute noch eine hohe gesellschaftspolitische Relevanz; sie bildeten mitunter den Kern der Debatte um die Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens.

Man könnte also annehmen, dass Correctiv, das für Faktenchecks, Medienbildung und Investigativjournalismus steht, durch die viele Aufmerksamkeit, die ihm zu Teil wurde, profitiert – vor allem wirtschaftlich durch mehr Spender (Correctiv als „Non-profit-Organisation“ finanziert sich in erster Linie durch Dauerspender) und auch dass im Zuge dessen die Redaktion aufgestockt werden würde, weil es in unruhigen Zeiten von Desinformation, Fake news und Manipulationen noch mehr zu „faktenchecken“ und zu enthüllen geben sollte. Correctiv-Gründer David Schraven drückt es so aus: „Die zunehmende Verbreitung von Desinformation erfordere eine massive Skalierung von Faktenchecks und Medienbildung.“

Umstrukturierung bei Correktiv

Tatsächlich aber hat Correctiv kürzlich Personalstellen abgebaut. Dies sei auf eine interne Umstrukturierung zurückzuführen, teilt Correctiv gegenüber M mit. Personalstellen im unteren zweistelligen Bereich wurden bereits im neu ausgebauten Geschäftsbereich Bewegtbild, in der Redaktion und bei den Faktencheckern abgebaut. „Wir haben Personal eingespart, indem wir geplante Stellen zunächst nicht besetzt, auslaufende Verträge in Einzelfällen nicht verlängert und frei gewordene Stellen nicht nachbesetzt haben“, erklärt Correctiv auf Anfrage weiter. In zwei Fällen sei es zu Aufhebungsverträgen gekommen.

Also Personalabbau trotz zunehmender Relevanz von Faktenchecks. Correctiv dementiert: „Der bereits erfolgte Personalabbau steht nicht im Zusammenhang mit einer veränderten Einschätzung der Bedeutung von Faktenchecks“, heißt es. Die Entscheidung habe „ausschließlich organisatorische und wirtschaftliche Gründe, zu denen auch die Reduzierung von Personalkosten gehört“. Faktenchecks blieben indes ein wichtiger Bestandteil der journalistischen Arbeit und sollen sogar weiter ausgebaut werden.

Und dennoch werden die zumeist jungen Faktenchecker und Redakteure weiterhin nicht nach Tarif bezahlt, sondern nach „einem internen Gehaltsmodell“ vergütet. Laut der virtuellen Arbeitgeber-Bewertungsplattform Kununu und anderen Stimmen aus dem früheren Umfeld von Correctiv sei die Bezahlung aber alles andere als „gut“ und „fair“. Kurzum, so die Kritik, gebe Correctiv sich nach außen als „antikapitalistisch“, divers und modern, arbeite aber intern aufgrund der fehlenden Tarife mit den gleichen Mittel wie Konzerne. Correctiv hält dagegen und argumentiert, dass die „transparenten Gehaltsstrukturen“ ihnen ermöglichten, unterschiedliche berufliche Wege zu berücksichtigen. „So können auch Quereinsteiger und junge Talente ohne entsprechenden Abschluss bei fachlicher Eignung und entsprechendem Organisationsbedarf eingestellt und befördert werden.“

Aber wie sieht nun die Umstrukturierung bei Correctiv mit Standorten unter anderen in Essen, Bottrop und Berlin im Einzelnen aus? Es soll mehr Community-Beteiligung bei Recherchen und Faktenchecks, neue Digitalprodukte sowie ein Umbau der Bewegtbild-Sparte geben. Der gemeinwohlorientierte Journalismus – also Journalismus, der nicht auf Gewinne ausgerichtet ist, sondern dem öffentlichen Interesse und der Aufklärung dient – soll durch Produktentwicklung und eine Anpassung des spendenbasierten Geschäftsmodells zukunftsfähig zu machen, erklärt das Medienhaus.

Mehr Community-Beteiligung

Im Kern geht es darum, Correctiv „strategisch stärker auf digitale Reichweite, Skalierung und Beteiligung“ auszurichten. Faktenchecks, Medienbildung und Recherchen sollen laut Correctiv über digitale Produkte, lokalisierte und mehrsprachige Angebote noch mehr Menschen erreichen und sie zugleich befähigen, selbst aktiv zu werden. Parallel dazu setzt Correctiv „stärker als bisher auf eigene Ausspielwege und technologische Lösungen, um die digitale Souveränität zu stärken und die Entwicklungen der Plattformen kritisch zu begleiten“.

Faktenchecks würden künftig demnach noch konsequenter mit Community-Beteiligung und systematischer Datennutzung verbunden. Hierfür stehe die Plattform „Faktenforum“.

„Community-Beteiligung bedeutet für uns mehr als nur Finanzierung durch Spenden“, so Correctiv. Es bedeute einerseits die Miteinbeziehung in Recherche- und Faktencheckarbeit, anderseits einen „offenen Dialog und Ansprechbarkeit, etwa im Rahmen unserer mobilen Lokalredaktionen“. Zudem teilt Correctiv journalistische Methoden und Werkzeuge über firmeneigene Medienbildungsangebote mit Nutzer*innen und zahlt damit auf die gemeinnützigen Zwecke (wie die Förderung von Kunst und Kultur oder etwa die allgemeine Förderung des demokratischen Staatswesens; A.d.R.) ein, die auch in ihrer Satzung verankert sind.

Hintergrundrecherchen zu Big-Tech-Themen wie Plattformregulierung und dem Digital Services Act sollen künftig in der Investigativredaktion angesiedelt werden.

Auch eine eigene App soll Anfang 2027 an den Start gehen, mit der Nutzer*innen stärker in Recherchen eingebunden werden sollen. „Die Zukunft des Journalismus liegt in der Community“, teilt Correctiv mit. Da wäre es natürlich auch schön, wenn künftig nach Tarifen bezahlt würde.

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