Mentale Belastungen im Journalismus

Foto: Kay Herschelmann

Immer mehr Journalist*innen fühlen sich in ihrem Beruf unwohl. Der Druck ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Zum einen werden Menschen, die journalistisch tätig sind, über Hasspostings in den sozialen Medien angefeindet. Zum anderen steigt der interne Druck durch Arbeitsverdichtung und Vorgesetzte. Mit Helpline bietet „Netzwerk Recherche“ seit einigen Jahren ein telefonisches Gesprächsangebot – anonym, vertraulich und kostenlos.

Vor allem im Print-Journalismus hat sich das psychische Wohlbefinden der dort arbeitenden Menschen erheblich verschlechtert. Journalist-*innen leiden zunehmend unter Existenzängsten und sorgen sich um ihren Job. Hinzu treten ein immer höherer Zeitdruck, ein allgemeiner Personalmangel, der das Zeitproblem verstärkt und Aktivismusvorwürfe aus Reihen der Leserschaft.

Viele Journalist*innen beklagen, ihre Arbeit werde nur noch an Klickzahlen gemessen. Und über allem schwebe neuerdings generative KI. Ihre Kritik richtet sich auch an Vorgesetzte. Der steigende Druck im Printbereich wird dann noch durch Aussagen befeuert wie: „Wir machen das hier noch ein paar Jahre, dann ist alles vorbei.“

Wissenschaftlich belegt

Die zunehmende psychische Belastung ist inzwischen auch gut erforscht. In der gemeinsamen Studie „Strapazierter Journalismus“ des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) und des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld wurden Journalist*innen bundesweit befragt. Das Fazit aus der Wissenschaft: Die geschilderten Anfeindungen und der zunehmende ökonomische Druck sind kein randständiges Phänomen mehr, sondern gehören für viele der Befragten zum beruflichen Alltag.

Eine nicht repräsentative Online-Umfrage des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München diagnostizierte aus den Antworten von 1.301 befragten Journalist*innen ein erhöhtes Burnout-Risiko. Zudem hat M schon im Jahr 2024 darüber berichtet, wie Menschen in den Medien bis zum Umfallen produzieren. Dazu gibt es inzwischen auch wissenschaftliche Antworten und Handlungsoptionen für den Journalismus. Die Friedrich-Ebert-Stiftung plädiert dafür, die Resilienz der Medien zu stärken.

Helpline: Hilfe zur Selbsthilfe

Soforthilfe bietet Helpline der Journalist*innen-Vereinigung „Netzwerk Recherche“. Hier können journalistisch tätige Menschen von Montag bis Freitag zwischen 18 und 19 Uhr ihre Sorgen loswerden. In dieser Zeit sitzen am anderen Ende der Leitung ebenfalls Journalist*innen. Diese sind speziell geschult. Sie liefern keine vorgefertigten, einfachen Lösungen.

Da bei Helpline Berufskolleg*innen den Hörer abnehmen, erfolgt das anonyme Gespräch auf Augenhöhe. Auf Nachfrage berichtet eine Person, die bei Helpline berät: „Durch das Sprechen über eigene Sorgen und Ängste bekommen Menschen einen anderen Blick.“ Sie würden sich ihrer Probleme bewusster. Erst von dieser Position aus sei es möglich, auf die Lösungsebene zu gelangen und nach Möglichkeiten zu suchen, Sorgen und Ängste besser bewältigen zu können.

Empathie und aktives Zuhören dienen den Berater*innen als Türöffner. Dadurch werden die anrufenden Menschen ermächtigt, über eigene Lösungen nachzudenken. Gleichzeitig werden sie auch mental gestärkt, um sich künftig bei wiederkehrenden, ähnlichen Situationen selbst helfen zu können.

Doppelt so viele Frauen wie Männer rufen an

Laut Helpline rufen doppelt so viele Frauen wie Männer an. Über die Gründe kann nur gemutmaßt werden. Nutzen männliche Journalisten andere Kanäle, um mit ihren Sorgen klarzukommen? Oder herrscht unter den Männern eher eine gewisse Angst, sich seiner Sorgen bewusst zu werden?

Zumindest diese Angst sei völlig unbegründet, erklärt ein Sprecher von Helpline. Selbstfürsorge sei enorm wichtig. „Es ist kein Zeichen von Schwäche, Hilfe anzunehmen.“ So lautet die Kernbotschaft hinter dem telefonischen Gesprächsangebot von Helpline. Es spielt auch keine Rolle, ob jemand frei oder festangestellt in den Medien arbeitet. Helpline hört jedem, unabhängig vom Beschäftigungsverhältnis, ganz genau zu.

Außerhalb der Sprechzeiten läuft ein Anrufbeantworter. Wer möchte, hinterlässt eine Nachricht. Auf Wunsch ruft Helpline zurück. Auch per Mail ist das Help-line-Team erreichbar. Gleiche Regel: Wer das ausdrücklich möchte, bekommt zu einem passenden Zeitpunkt einen Rückruf, anonym, vertraulich und kostenlos.

Viele Menschen in den Medien empfinden ihren Beruf nach wie vor als Berufung, trotz der zunehmenden psychischen Belastungen im Job und regelmäßigen Anfeindungen von verschiedenen Seiten.

Gegen Selbstzweifel bietet Helpline eine Möglichkeit, um sich seiner eigenen Sorgen bewusst zu werden und an eigenen Lösungen zu arbeiten. Der Druck wird dadurch vielleicht nicht weniger, allerdings der Umgang damit besser erträglich.  


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