Zwischen Abendprogramm und Algorithmus

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Die aktuelle ARD/ZDF-Medienstudie zeigt eine Mediennutzung ohne Wachstum. Ältere bleiben beim linearen TV-Programm, Jüngere wechseln zu digitalen Plattformen und KI-Tools. Für Sender und Redaktionen verschärft sich damit ein zeitlicher Wettbewerb, den Reichweitenzahlen allein nicht mehr abbilden.

Der Medienkonsum in Deutschland scheint gesättigt. 385 Minuten am Tag verbringen Menschen ab 14 Jahren mit Video, Audio und Text. Im Vorjahr waren es 387 Minuten und davor 385 Minuten. Diese unscheinbare Veränderung im Verlauf der Jahre ist der wichtigste Befund der ARD/ZDF-Medienstudie 2026. Das verfügbare Zeitbudget stößt an Grenzen. Somit bedeutet jede Minute, die jemand mit einem Angebot verbringt, Zeit, die anderen Angeboten genommen wird.

In den Begleitmaterialien zur Medienstudie von ARD und ZDF ist die Rede von einem Verdrängungswettbewerb zwischen den verschiedenen medialen Angeboten. Der Befund reicht über Netflix und Instagram hinaus. Er betrifft Radio- und Fernsehsender, Verlage und Newsletter-Angebote gleichermaßen. Und noch etwas zeigen die Zahlen: Über die Verteilung der knappen Zeit entscheidet vor allem das Alter des Publikums.

Das TV-Programm gehört den Älteren

Menschen ab 70 Jahren verbringen täglich im Schnitt gut vier Stunden mit linearem Fernsehen. Bei der Sehdauer macht das einen Anteil in dieser Altersgruppe von 93 Prozent. Noch deutlicher ist der Anteil bei der Audionutzung. Mit dem Radio verbringen ältere Menschen 97 Prozent ihrer gesamten Hördauer.

Wenig überraschend zeigt sich bei den 14- bis 29-Jährigen ein gegenteiliges Bild. 88 Prozent ihrer Sehdauer entfallen auf digitale Medienangebote. Knapp die Hälfte davon entfällt allein auf Social Video und YouTube.

Der gemeinsame Konsum von Sendungen über Altersgrenzen hinweg scheint endgültig Geschichte zu sein. Die Jüngeren interessieren sich immer weniger für den von den Sendern vorgesehenen Programmplan. Für die Älteren bleiben hingegen digitale Plattforme unentdecktes Medienland.

Für die ARD/ZDF-Medienstudie befragte das Marktforschungsinstitut GIM vom 27. Januar bis 19. April 2026 insgesamt 2.462 deutschsprachige Personen ab 14 Jahren, per Telefon und online. Die Daten geben nur private Nutzung wieder. Sämtliche Minutenwerte beruhen auf Angaben zum Vortag zwischen 5 und 24 Uhr. Die Studie ist im Auftrag der ARD/ZDF-Forschungskommission erstellt worden.

Auch der Blick über einen längeren Zeitraum belegt, lineares Fernsehen verliert an Bedeutung. 2019 entfielen noch 76 Prozent der Sehdauer auf lineares Fernsehen, 2026 sind es 55 Prozent. Allerdings herrscht bei dieser Frage Stillstand, denn 2025 lag die Quote ebenfalls bei 55 Prozent. Das Radio konnte im Vergleich zum Vorjahr sogar Hörer*innen zurückgewinnen. Sein Anteil an der gesamten Hördauer stieg von 68 auf 71 Prozent.

Für die öffentlich-rechtlichen Sender bedeutet das, um künftig ein jüngeres Publikum zu erreichen, sind eigene Plattform-Formate für die digitale Welt notwendig. Eine reine Zweitverwertung über sendereigene Mediatheken allein reicht nicht. In Zeiten, in denen Medienschaffende um ihren Job bangen, lässt sich das auch positiv lesen. Denn für das zusätzliche Digitalangebot braucht es mehr Journalist*innen, um alle relevanten Kanäle zielgruppenkonform zu bespielen.

Reichweite ist noch kein Alltag

Wenn ARD und ZDF in ihrer Pressemitteilung schlussfolgern, ihre Streaming-Angebote erreichten mehr als die Hälfte der Bevölkerung, so stimmt das nur bedingt. Denn die Reichweite allein sagt nichts darüber aus, wie viel Zeit Menschen dort tatsächlich verbringen und wie oft jemand wiederkehrt. Zudem haben beide Mediatheken im Vergleich zum Vorjahr bei der Nutzung eingebüßt. Das ZDF verlor zehn Prozentpunkte. Das ist besonders bitter, weil der Sender seine Mediathek erst im März 2025 optisch umgestaltet hat.

Aussagekräftiger ist eine Kennzahl aus dem Begleitmaterial zur ARD/ZDF-Medienstudie 2026. Sie zeigt, welcher Anteil der monatlichen Nutzer*innen täglich zurückkehrt. Bei YouTube sind es 38 Prozent, bei der ARD-Mediathek 6 und beim ZDF-Streamingportal 5 Prozent. Von alltäglicher Nutzung kann bei den digitalen Angeboten der öffentlich-rechtlichen Sender also keine Rede sein.

Allerdings stoßen auch die großen digitalen Plattformen allmählich an ihre Grenzen. Instagram und TikTok legten erstmals nicht mehr zu. Beim Video-Streaming wächst nur noch YouTube. Auch bei den digitalen Platzhirschen macht sich der angesprochene zeitliche Verdrängungswettbewerb inzwischen bemerkbar.

KI liest mit, klickt aber selten

Ein Medium, das laut Medienstudie gar kein Medium ist, wächst am schnellsten. 59 Prozent der Befragten nutzen KI-Tools wie ChatGPT zumindest gelegentlich. Ein Jahr zuvor waren es 42 Prozent. Auch hier zeigen sich Unterschiede zwischen Alt und Jung. Bei den unter 30-Jährigen nutzen 92 Prozent KI-Tools, ab 70 Jahren sind es nur 15 Prozent.

Blindes Vertrauen schenken die Menschen den Tools nicht. Nur 6 Prozent der monatlichen Nutzer*innen halten die Informationen für sehr vertrauenswürdig. 81 Prozent finden Quellenangaben wichtig. Auf die Links zu den Originalquellen klicken aber nur 38 Prozent meistens oder immer.

Für den Journalismus liegt hier der Kern des Problems. KI-Tools nutzen für ihre generierten Antworten aufwendige Recherchen, ohne dafür zu bezahlen. Noch ist der Klick-Effekt klein. 16 Prozent der Befragten rufen Nachrichtenseiten und -Apps seltener auf, seit sie KI-Tools nutzen.

Um weiterhin sichtbar zu bleiben, werde es für Redaktionen immer wichtiger, Recherche, Einordnung und Transparenz zu stärken, heißt es im Begleitmaterial zur Medienstudie. Gut dokumentierte Quellen verbesserten die Sichtbarkeit journalistischer Inhalte auch in KI-Zusammenfassungen.

Aufgrund des zeitlichen Verdrängungswettbewerbs spielt Reichweite nur noch bedingt eine Rolle. Wegen des begrenzten Zeitbudgets wird ein fester Platz im Alltag des Publikums in den kommenden Jahren bedeutender.

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