Lokaljournalismus: Die Welt vor der Haustür

Foto: verdi

„Echte Reporter*innen sitzen nicht in der Bundespressekonferenz, sondern schießen um 11 Uhr Fotos beim Grillfest der Freiwilligen Feuerwehr, schauen sich nachmittags das Kindertheater in der Turnhalle an und schreiben am Abend bei der Hauptversammlung des Geflügelzuchtvereins mit.“ Wer nach einer Definition von Lokaljournalismus sucht: das wäre eine.

Sie stammt aus dem ZDF Magazin Royale vom 20.09.2024 „Wie Rechtspopulisten die Krise des Lokaljournalismus nutzen“ und sie erklärt, warum diese Arbeit so wichtig ist: Sie handelt von echten Menschen und ihrem Leben.

Dinosaurier der Medienlandschaft: Tageszeitungen

Die höchste Reichweite hatten lokaljournalistische Beiträge über Jahrzehnte vor allem in regionalen Tageszeitungen. Viele haben ihre gedruckten Auflagen inzwischen massiv verringert oder ganz ein- beziehungsweise auf Online-Auftritte umgestellt. Eine entscheidende Ursache war der bereits mit der Jahrtausendwende beginnende Einbruch des Werbemarkts, der mehrheitlich das Rubrikengeschäft vieler Blätter finanziert hatte. Viele Verlage stiegen in diesem Zuge auf multimediale Erscheinungswege und andere Strategien um.

Aber auch da, wo Einnahmeverluste über Preisanhebungen oder Personaleinsparungen kompensiert wurden und werden, gehen die Leser*-innen-Zahlen zurück. Die Aufgabe, Menschen möglichst breit und umfassend zu informieren, wird hier zugunsten kapitalwirtschaftlicher Interessen zurückgestellt – allen voran derer großer Medienhäuser wie Madsack und Funke.

Die Zusammenlegungen von Redaktionen und damit einhergehend der Verlust regionalspezifischer Berichterstattung gelten als wirtschaftliche Maßnahme, schwächen aber vor allem im ländlichen Raum die lokaljournalistische Arbeit. Die mit Aufwand und Kosten verbundene Zulieferung vor allem in dünn besiedelten Regionen wird als verzichtbar erachtet. Entwicklungen wie Nachrichtenwüsten und Nachrichtenvermeidung sind nur zwei der Schlagworte, die umschreiben, wieviel journalistische Informationen und Einordnungen an politischem und gesellschaftlichem Stellenwert eingebüßt haben.

Plattformen drücken auf Qualitätsjournalismus

Zwar versorgt sich ein Großteil der Menschen nach wie vor regelmäßig mit Nachrichten, zugleich werden die Gegenstände der qualitativen Berichterstattung in gleichem Maße komplexer wie die Zugänge spezifischer und individueller. Plattformkonzerne erfüllen mit ihren algorithmischen und werbefinanzierten Angeboten und Kanälen sowohl ihre eigenen Interessen als auch das wachsende Bedürfnis nach simplifizierenden Echokammern. Sie schüren das Misstrauen gegenüber Qualitätsmedien, die den Verlust ihrer Deutungshoheit an dynamische Reichweite-Kunstformen nur langsam erkennen und aufarbeiten.

Die überproportional hohe Dichte an Falschnachrichten und Desinformation haben den Aufstieg von Big Tech eher noch befördert. Weiter beschleunigt hat ihn der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Bislang sind es allein Staaten und Staatengemeinschaften, die dieser Dynamik mithilfe juristischer Barrieren Einhalt gebieten könn(t)en. Allerdings sind viele Profiteure und ihre Lobbyisten in der politischen Sphäre fest verankert.

Gesucht: Konkrete Öffentlichkeit, lokale Verankerung

So driften in ganzen Regionen Öffentlichkeiten und gesellschaftliche Entitäten auseinander, es fehlt an konkreten Begegnungs- und Verständigungsebenen. Zugleich finden sich viele Menschen in öffentlicher Berichterstattung nicht (mehr) wieder beziehungsweise betrachten diesen Umstand inzwischen als Problem. Regionale Formate und Inhalte verschwinden oder verändern sich derart, dass ein Teil der Nutzer*innen gleich ganz auf die journalistischen Produkte verzichtet.

Die freiwerdenden Lücken und Räume nutzen vor allem Akteure, die über finanzielle Ressourcen verfügen, um eigene Medienkanäle zu betreiben oder sich mithilfe von lokalen Anzeigenblättern als (neutrale) regionale Angebote zu gerieren. Viele gehören dem rechtspopulistischen bis rechtsextremen Spektrum an.

Sie bespielen das Prinzip der Aufmerksamkeitsökonomie vor allem mittels boulevardesker Empörung und Krisenstimmung. Journalistische Standards sind für sie verzichtbar. Damit einher geht im Kulturkampf-Duktus von rechts: Die Unterstellung, Medien und allen voran der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk verfüge über keine oder zu wenig staatliche Unabhängigkeit. Polemisch angeheizt wird das Ganze mit Begriffen wie „Lügenpresse“ oder „Mainstream-Medien“. Eine weitere Erschwernis für den Lokaljournalismus. Nicht nur strukturell, sondern auch für Reporter*innen, die sich in den vergangenen Jahren verstärkt tätlichen Angriffen ausgesetzt sehen, wenn sie vor Ort recherchieren und arbeiten.

Projekte, die sehr konkrete lokale Angebote entwickelt haben, um die Nachrichtenkompetenz zu stärken und das Vertrauen in Medien (wieder) herzustellen, sehen sich mit unerwarteten Herausforderungen konfrontiert. „Wo nichts ist, ist es auch schwer, an etwas anzuknüpfen“, erklärt zum Beispiel Judith Kretzschmar, die das Projekt „Bürger machen Journalismus“ der Universität Leipzig in zehn sächsischen Landkreisen leitet. „Volkshochschulen, Kirchenchöre, soziokulturelle Zentren, Amtsblätter – wir suchen überall nach interessierten Menschen ab 18 Jahren und nach Multiplikatoren, aber der Rücklauf ist bisher gering“, berichtet Kretzschmar über die Schwierigkeiten, Medienprofis und Bürger*innen niedrigschwellig und langfristig zusammenzubringen, um passgenaue lokale Formate zu entwickeln.

Lokaljournalismus ist Infrastruktur

Wenn in kleinen und ländlichen Gemeinden Dorfkneipen, kleine Supermärkte oder im Osten eben der „Konsum“ schließen, der öffentliche Nahverkehr auf ein Minimum heruntergefahren ist und die Mobilität sich auf individuelle Verfügbarkeiten verlagert, dann verlieren die Menschen sowohl den Zugang zu Austausch und Begegnung als auch zu Information und Beteiligung. Populismus fördert das Ausweichen auf weltpolitische Großthemen und Sündenbock-Strategien für Probleme, die lokal nicht zur Lösung kommen. Gleichzeitig sind gesellschaftliche und wirtschaftliche Transformationsprozesse im Bereich Klima, Infrastruktur sowie Energie- und Mobilität derart dynamisch und zahlreich, dass es nicht genug niedrigschwellige Öffentlichkeit geben kann, um die damit verbundenen Fragen, Ängste und Veränderungen zu beobachten und zu betreuen.

Für den Bereich Lokaljournalismus eröffnet sich dadurch zusätzlich eine Vielfalt von Themen, die auch im Sinne des Gemeinwohls zu bearbeiten dringend und nötig wäre. Manche Akteure haben inzwischen erkannt, dass gerade im Bereich von lokaler Demokratiearbeit gemeinwohlorientiertem Journalismus eine tragende Rolle zufällt. Besonders in den ostdeutschen Bundesländern gibt es aus vielen Bereichen die Forderung, Lokaljournalismus flächendeckend und vielfältig zu fördern, weil man erkannt hat: Ohne Lokaljournalismus fehlt eine Kontrollinstanz, die politische Polarisierung nimmt zu, das gesellschaftliche Engagement wird weniger.

So fördert die Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg seit 2021 regelmäßig und gezielt neue lokaljournalistische Angebote, die sächsische Landesmedienanstalt seit 2023. Das Netzwerk Recherche unterstützt gezielt lokale Arbeiten, die mit investigativer Recherche und damit zeit- und geldaufwändig sind. Das Medienhaus Correctiv hat mit Correctiv.Lokal eine bundesweite Vernetzung von Lokaljournalist*innen ins Leben gerufen.

Strukturförderung eingestellt

Im Mai dieses Jahres diskutierte auch die Bundesregierung zum Thema „Meinungsvielfalt und Bürgerbeteiligung – Lokalmedien als unverzichtbarer Baustein unserer Demokratie“. Die Strukturförderung der Bundesregierung unter Olaf Scholz (SPD) wurde dennoch nach zwei Förderperioden eingestellt. Ein weiteres Geschenk an diejenigen, die sich schon jetzt damit brüsten, wie sie demokratische Rechte, wozu auch die Pressefreiheit gehört, massiv attackieren und abbauen werden.

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