Filmtipp: Holofiction

"Unter den Brücken" in "Hitlers Hollywood" Filmbild: Kinofreunde eG 2017

Für seinen bildarchäologischen Dokumentarfilm „Holofiction“ über die Darstellung des Holocausts hat der polnisch-deutsche Regisseur Michal Kosakowski über 3.000 Kino- und Fernsehproduktionen analysiert. Seine Zusammenstellung unzähliger Ausschnitte belegt eindrucksvoll, dass sich Filme und Serien immer wieder der gleichen Bildmotive bedienen.

„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“, heißt es in den von Moses zitierten zehn Geboten. Gemeint ist natürlich Gott, aber womöglich hatte Claude Lanzmann auch diese Bibelstelle im Sinn, als er vor gut dreißig Jahren eine ganz ähnliche Forderung postulierte. In einem Beitrag für die französische Tageszeitung Le Monde reagierte er 1994 ungewöhnlich scharf auf Steven Spielbergs hochgelobten Spielfilm „Schindlers Liste“. Der Holocaust, schrieb Lanzmann damals, „ist vor allem darin einzigartig, dass er sich mit einem Flammenkreis umgibt, einer Grenze, die nicht überschritten werden darf, weil ein bestimmtes, absolutes Maß an Gräueln nicht übertragbar ist. Wer es tut, macht sich der schlimmsten Übertretung schuldig. Die Fiktion ist eine Übertretung, und es ist meine tiefste Überzeugung, dass jede Darstellung verboten ist.“ Der 2018 verstorbene Lanzmann hatte 1985 mit seinem neunstündigen Lebenswerk „Shoah“ vorgemacht, wie er sich den Umgang mit dem Holocaust vorstellte: Der Film besteht ausschließlich aus Interviews.

Nun zeigt Michal Kosakowski, wie berechtigt die Forderung war. Der in Berlin lebende polnische Regisseur hat über dreitausend fiktionale Produktionen gesichtet, die sich direkt oder indirekt mit der Zeit des Nationalsozialismus’ beschäftigen. Das Ergebnis seiner achtjährigen Mammutarbeit ist eine Collage, die Lanzmanns Postulat knapp neunzig Minuten lang konterkariert, denn es geht es um nichts anderes als um die Fiktionalisierung des Holocaust; Kosakowski hätte sich für „Holofiction“ (Kinostart: 5. November) kaum einen treffenderen Titel ausdenken können. Dass er dem Potpourri Lanzmanns Zitat in verknappter Form voranstellt, wirkt wie eine Provokation, ist aber wohl eher als Ehrerbietung gedacht.

Die Geschichte des Holocaust

„Holofiction“, ohne Senderbeteiligung produziert, erzählt die Geschichte des Holocaust in Form von unzähligen Filmausschnitten. Trotzdem entsteht ein Handlungsfluss, der einer durchdachten Dramaturgie folgt. Verblüffenderweise sind sich viele Ausschnitte derart ähnlich, als seien die jeweiligen Filme allesamt Blaupausen ein und der selben Vorlage, und im Grunde stimmt das auch: Die Regisseurinnen und Regisseure haben sich bei den Bildern aus dem kollektiven Gedächtnis bedient, die wiederum aus Spielfilmen stammten; gewissermaßen eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Der Film beginnt mit alltäglichen Szenen: eine kunterbunte Sammlung unbeschwerter Augenblicke. Die Ausschnitte sind stumm, es gibt weder Dialoge noch Geräusche. Zu hören ist allein die eigens für den Film entstandene Musik von Paolo Marzocchi, anfangs munter, dann zunehmend dramatisch, ohne jedoch je effekthascherisch zu wirken. Das nächste Kapitel befasst sich mit Bürokratie und Antisemitismus, Juden- und Davidsterne werden verteilt, jüdische Geschäfte werden zerstört, Bücher werden verbrannt. Dann nehmen die Dinge ihren erwartbaren Verlauf: Verfolgung, Verhaftung, Deportation, Ankunft im Lager, Zwangsarbeit, Ermordung.

Alle nur denkbaren Genres

Das Spektrum ist enorm, es umfasst mit Ausnahme dokumentarischer Filme alle nur denkbaren Genres. Neben preisgekrönten internationalen Dramen wie „Cabaret“ (1972) oder „Der Pianist“ (2002) findet sich auch eine Vielzahl praktisch unbekannter Titel. Jeder Schnipsel bringt seine eigene Meta-Ebene mit, denn zusätzlich zu den Inhalten vermitteln die Bilder Informationen über ihre Entstehungszeit. Kosakowski hat sich ohne jede Berührungsangst auch bei eher fragwürdigen Produktionen bedient, um zu belegen, dass alle aus dem gleichen Reservoir geschöpft haben, selbst der Mainstream des Kinos, wie Ausschnitte aus „Highlander“, „Blues Brothers“ oder „X-Men“ belegen. Der Regisseur versteht seine Arbeitsweise als „Bildarchäologie“. Er hat Schicht um Schicht freigelegt, um sichtbar zu machen, „wie sich Bilder sedimentieren, wie sie sich überlagern, verfestigen und zu visuellen Konventionen werden“; so erläutert er es im Buch zum Film. „Sobald ein Film, gleich welchen Genres, auf NS-Elemente zurückgreift, beginnt er, bestehende Bildcodes zu reproduzieren. Und das gilt auch – oder vielleicht gerade – für Komödien, Fernsehserien oder populäre Unterhaltungsformate.“ Daher darf auch „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ (1978) nicht fehlen. Weil die Jahre zwischen 1933 und 1945 im Geschichtsunterricht lange Zeit ein blinder Fleck waren, haben hierzulande viele Angehörige der Generation „Babyboomer“ erst durch die US-Serie von den Verbrechen des Nationalsozialismus’ erfahren.

Das Grauen schlechthin, den Tod in den Gaskammern, hat Kosakowski ausgespart, dafür gibt es auch im kollektiven Gedächtnis keine Bilder. Das Sterben konnte und wollte er jedoch nicht ignorieren. Um zu verhindern, dass sein Film „ins Spektakel“ kippt, hat er sich eines ungewöhnlichen Effekts bedient und die Ausschnitte, die gehenkte Menschen zeigen, auf den Kopf gestellt. Durch die Umkehrung, hofft er, werde die „Spektakelhaftigkeit gebrochen und in einen Moment der Reflexion überführt.“

Freigabe ab 16

Womöglich waren es dennoch diese Szenen, die den Prüfausschuss der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) in den ersten beiden Instanzen bewogen haben, „Holofiction“ erst ab 16 Jahren freizugeben. Die Entscheidung verdeutlicht nach Ansicht von Claudia Mikat, Geschäftsführerin der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), ein Dilemma: „Da es keine FSK 14 gibt, musste zwischen einer Freigabe ab 12 oder ab 16 Jahren entschieden werden.“ „Holofiction“ mute Heranwachsenden zwar viel zu, überfordere sie jedoch nicht; der Film biete vielmehr „einen historisch-pädagogischen wie auch einen ethischen und filmästhetischen Zugang zum Thema“, was die Analysefähigkeit und Medienkompetenz von Jugendlichen stärken könne.

Die Diskussion offenbart einmal mehr eine eklatante Schwachstelle der deutschen Freigaberegelung: Kinofilme, die ab 12 Jahren freigegeben sind, dürfen von Kindern ab 6 Jahren in Begleitung ihrer Eltern oder erziehungsbeauftragter Erwachsenen besucht werden. Für Filme mit „FSK 16“ gibt es dieses sogenannte Elternprivileg nicht. Nicht zuletzt angesichts der im Vergleich zu früheren Jahren deutlich größeren Medienkompetenz Jugendlicher ist eine vergleichbare Ausnahmeregelung längst überfällig.


Literatur: Marcus Stiglegger (Hrsg.): „Holofiction. Die Ikonographie des Holocaust im Spielfilm“. Schüren-Verlag, Marburg 2026

Siehe auch: https://www.medienradar.de/lernmodule/holocaust-im-film-wie-bilder-erinnerung-praegen

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