Der optisch wie inhaltlich gleichermaßen faszinierende polnisch-deutsche Film „Vaterland“ erzählt von Thomas Manns erstmaliger Rückkehr in die einstige Heimat nach 16 Jahren im amerikanischen Exil. Mit Hanns Zischler ist die Hauptrolle perfekt besetzt. Sandra Hüller bestätigt als Tochter Erika einmal mehr ihre Ausnahmestellung unter den deutschen Schauspielerinnen.
Paweł Pawlikowski hat das historische Drama, für das er in Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet worden ist, in einem sehr klassischen Stil inszeniert: in Schwarzweiß und im „Normalfilm“-Format (35 mm). Zum Teil winzige Gastauftritte prominenter deutscher Mitwirkender unterstreichen die Bedeutung des Films.
Home is where the heart is
Heimat ist da, wo das Herz ist, heißt es im Englischen: Home is where the heart is. Gemeint ist damit jedoch vor allem das eigene Zuhause. Ein passendes Pendant zum deutschen Begriff „Heimat“, der so viel mehr bedeutet als die bloße geografische Herkunft, gibt es nicht. Als Thomas Mann gefragt wird, wo sein Zuhause sei, antwortet er: Sein „Home“ sei in Kalifornien; wo seine Heimat ist, lässt er offen. Wohl auch deshalb hat Paweł Pawlikowski seinen Film über die erstmalige Rückkehr des Nobelpreisträgers im Jahr 1949 „Vaterland“ genannt. Wo ich bin, hatte Mann einige Jahre zuvor gesagt, „ist Deutschland“: weil er die Kultur in sich trage. Seine Heimat jedoch hat er 1933, als aus einem Urlaub in der Schweiz ein Exil in den USA und die damit verbundene Ausbürgerung wurde, für immer verloren.
Die Filme Pawlikowskis behandeln gern persönliche Schicksale vor historischem Hintergrund. „Vaterland“ ist in dieser Hinsicht exemplarisch. Gemeinsam mit seinem für die TV-Serie „Babylon Berlin“ vielfach ausgezeichneten Koautor Hendrik Handloegten erzählt der Pole die Handlung zu gleichen Teilen auf zwei Ebenen. Der Rahmen ist wie ein Roadmovie konzipiert: Im Sommer 1949 ist Thomas Mann (Hanns Zischler) gemeinsam mit Tochter Erika (Sandra Hüller), die als Managerin, Fahrerin und Lektorin seiner Reden fungiert, nach Frankfurt am Main gekommen, um den Goethe-Preis entgegenzunehmen. Anschließend fahren die beiden im luxuriösen Buick nach Weimar, wo der Schriftsteller einen weiteren Goethe-Preis erhält. Beim Umgang mit Daten und Fakten hat sich das Drehbuchduo allerdings eine gewisse Großzügigkeit erlaubt: Thomas Mann ist damals nicht von Erika, sondern von Ehefrau Katja begleitet worden. Außerdem verdichtet der Film mehrere Ereignisse, zwischen denen zum Teil Monate lagen, auf wenige Tage: Während Mann in Frankfurt gefeiert wird, obwohl er Deutschland wegen der Kollektivschuld die erhoffte Absolution für die Kriegsgräuel verweigert, erreicht ihn die Nachricht vom Suizid seines Sohnes Klaus (August Diehl).
Dreiecksgeschichte bei den Manns
Damit ist „Vaterland“ beim zweiten Thema. Die Dreiecksgeschichte bildet den emotionalen Kern des Films. Hauptfigur dieser Ebene ist Erika. Erneut bestätigt Sandra Hüller ihre schauspielerische Ausnahmestellung. Hanns Zischler attestiert der Kollegin voller Hochachtung eine „intuitive Brillanz“. Was er damit meint, zeigt sich in einer kurzen Szene während Manns Frankfurter Rede: Als Erika im Publikum ihren Bruder erspäht, wechselt ihr Gesichtsausdruck fast unmerklich von Freude zu Trauer, als würde sie in diesem Moment spüren, dass er nicht mehr lebt. Der Film verzichtet auf jede Form von Erklärung, beginnt aber mit einem langen Telefonat zwischen den Geschwistern. Erika hat den ein Jahr jüngeren und in Wirklichkeit bereits im Mai 1949 verstorbenen Bruder als Zwilling im Geiste betrachtet. Im Vergleich zur Tochter wirkt der intellektuelle Vater geradezu hartherzig. Die Todesnachricht überbringt er ihr betont sachlich; später wird sie ihn als „eiskalten Narzissten“ bezeichnen. Erst mit der bewegenden Schlussszene kommt es zur wortlosen Versöhnung. Mit Zischler ist die Rolle kongenial besetzt.
Seine Faszination verdankt „Vaterland“ gleich mehreren Aspekten. Dazu zählen unter anderem die Parallelen zur Gegenwart: Erika und Thomas Mann kommen in ein geteiltes Land, die Gräben scheinen unüberbrückbar; er spricht in seiner Frankfurter Rede von „verbissener Widersetzlichkeit“. Im Westen hat man kein Verständnis dafür, dass der Schriftsteller auch nach Weimar reist, wo er vorbehaltlos empfangen wird; in Frankfurt hatte es Morddrohungen für den vermeintlichen Vaterlandsverräter gegeben. Der Dichter Johannes R. Becher (Devid Striesow), später erster Kulturminister der DDR, will ihn dazu überreden, Präsident der Akademie der Künste zu werden. Mann lehnt dankend ab; eine Heimkehr nach Deutschland kommt für ihn nicht in frage.
Reizvoll ist auch die handwerkliche Umsetzung. Pawlikowski hat „Vaterland“ in einem sehr klassischen Stil inszeniert: in Schwarzweiß und im „Normalfilm“-Format (35 mm). Die Bildsprache ist stark reduziert, die Kamera (Łukasz Żal) bewegt sich nur, wenn es nicht anders geht, was den Aufnahmen einen dokumentarischen Anstrich gibt. Auf zeitgenössisches Material wiederum hat Pawlikowski, der seiner Heimat mit „Ida“ (2013) den ersten „Oscar“ als bester nicht englischsprachiger Film bescherte und für „Cold War“ (2018) gleich drei persönliche Europäische Filmpreise bekommen hat, verzichtet. Als „Double“ für das vom Krieg gezeichnete Frankfurt diente Legnica (ehemals Liegnitz). Die Dreharbeiten fanden komplett in Polen statt. Welche Bedeutung das ohne Abspann nur gut siebzig Minuten kurze Werk auch hierzulande hat, belegen nicht zuletzt die zum Teil winzige Gastauftritte prominenter deutscher Mitwirkender wie Milan Peschel und Fritzi Haberlandt. In Cannes ist Pawlikowski für „Vaterland“ mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet worden.
„Vaterland“. Polen/Deutschland 2026. Buch: Paweł Pawlikowski, Hendrik Handloegten. Regie: Paweł Pawlikowski. Kinostart: 3. September 2026

