Schlechte Zeiten für Lokaljournalismus

Neven DuMont Haus, Köln
Foto: DuMont Mediengruppe

Zum 30. September endet die Tätigkeit der Rheinischen Redaktionsgemeinschaft (RRG). Die DuMont-Mediengruppe setzt künftig voll auf KI. 57 tarifgebundene Vollzeitstellen entfallen deshalb. Die betroffenen Beschäftigten können sich auf neu zugeschnittene Stellen bewerben. ver.di fordert eine Übernahmegarantie.

Es ist eigentlich eine gute Nachricht für den Lokaljournalismus, wenn ein traditionsreiches Medienunternehmen wie der Kölner Stadt-Anzeiger in seine Digitalangebote investiert und dazu kürzlich eigens 30 Journalisten einstellte. „In den kommenden Wochen starten in den fünf Landkreisen rund um Köln die ersten lokalen Digitalportale. Sie sollen eine noch aktuellere Berichterstattung, mehr Möglichkeiten zur Beteiligung und zusätzliche Zugänge zu lokalen Informationen und Geschichten bieten“, schreibt das Unternehmen, das der DuMont-Mediengruppe gehört, in einer Pressemitteilung, die der Redaktion vorliegt, über die neuen Pläne zur digitalen Berichterstattung und zur „Neuaufstellung“.

Dem gegenüber, auf der Kehrseite der Medaille sozusagen, steht aber die Schließung einer kompletten Redaktion. Im Zuge des „digitalen“ Umbaus fallen 57 Vollzeitstellen bei der Rheinischen Redaktionsgemeinschaft (RRG) weg, wie das Unternehmen Mitte August kommunizierte. Die RGG, die bislang als eigenständiger Dienstleister die Regionalteile für das Kölner Umland plant und produziert, wird zum 30. September 2026 komplett geschlossen.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass die neu geschaffenen 30 Vollzeitstellen für den Digitalbereich durch die jetzt angekündigten Stellenstreichungen gegenfinanziert werden könnten. Dann bliebe noch ein ordentliches „Einsparplus“ übrig.

Hiobsbotschaft für die Kölner Medienlandschaft

Es ist eine weitere Hiobsbotschaft für die ohnehin schon arg geschrumpfte Kölner Medienlandschaft, hört man aus Gewerkschaftskreisen. Dass DuMont die Zeitungslandschaft im Großraum Köln endgültig vor die Wand fährt oder von „schwarzen Tag für den Lokaljournalismus“ ist die Rede. Der Betriebsrat wollte sich angesichts laufender Verhandlungen über einen Sozialplan für die RGG-Redakteure erst einmal nicht äußern.

Bereits im Februar dieses Jahres hatte DuMont die Herausgeberschaft der Kölnischen Rundschau (KR) übernommen. Diese wurde daraufhin personell liquidiert – die Redaktion der KR komplett aufgelöst, 31 Stellen in Köln wurden gestrichen. Seither erscheint die KR zwar weiter als eigenständiger Titel, Redakteure von DuMont zeichnen aber für den Inhalt des Titels verantwortlich.

Aber wie begründet der KStA mit immerhin noch 265 Redakteuren selbst den einschneidenden Schritt?

Oliver Eckert, Geschäftsführer der Kölner Stadt-Anzeiger Medien, gibt gegenüber M als einen Grund für die „Neuaufstellung“ die seit Jahren branchenweit sinkenden Zeitungsauflagen an. „Wir müssen unsere Strukturen dort anpassen, wo der Markt schrumpft, und zugleich in die digitalen Bereiche investieren, wo er wächst.“

Die KI soll übernehmen

Künftig setze der KStA nun also verstärkt auf neue Technologien wie KI. Welche das konkret sind oder wie sie eingesetzt werden, wurde auf „M“-Anfrage nicht beantwortet. Nur so viel wurde von Eckert ergänzt: „Sie ermöglichen ein grundlegend neues Arbeitsmodell.“ So sollen „wiederkehrende Produktionsschritte stark automatisiert“ und „redaktionelle Ressourcen gezielter für Recherche, Einordnung und Berichterstattung vor Ort eingesetzt“ werden. Den Redakteur sollen und können sie ausdrücklich nicht ersetzen, heißt es. Nur Produktionsschritte würden automatisiert werden, nicht der Journalismus. „Unsere Entscheidung beruht nicht auf der Annahme, künstliche Intelligenz könne die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen „besser erledigen'“, so Eckert. Nach den Worten von Chefredakteur Gerald Selch könne „KI etwa Ratsunterlagen aus allen Kommunen der Region auswerten und unseren Reporterinnen und Reportern helfen, relevante Zusammenhänge schneller zu erkennen.“ Sie schaffe vor allem mehr Zeit für das, „was nur Menschen leisten: hartnäckige Recherche, Einordnung und Präsenz vor Ort.“

Der KStA will also seine Arbeitsweise grundlegend verändern. So sollen Inhalte künftig einmal digital erstellt und anschließend für Apps, Portale, E-Paper und die gedruckte Zeitung aufbereitet werden. Die Produktion der Regionalteile wird auf einen durchgängig digitalen Prozess umgestellt. Das ersetzt laut Eckert einen „bislang eigenständigen Produktionsschritt“. Die entsprechenden Tätigkeiten werden weder verlagert noch an anderer Stelle fortgeführt. Und wieder wird betont, dass Technologie dabei lediglich ein Werkzeug für die Herstellung sei, aber nicht für Recherche, Einordnung, Urteil.

Branchenkenner vermuten hinter der RRG-Schließung einen billigen Taschenspielertrick, um auf Kosten von gutem Journalismus durch Automatisierung viel Geld einzusparen.

Zukunft der Beschäftigten ist unklar

Derweil ist noch völlig offen, wie es für die Redakteure weitergeht, wie viele ihren Arbeitsplatz tatsächlich verlieren. Denn die Geschäftsführung gründete vor einiger Zeit sogenannte digitale Regio-Teams, die aus dem Kölner Umland berichten sollen. Sie erstellen kanalübergreifend Inhalte und bereiten diese danach individualisiert für neue journalistische Apps und Portale sowie das E-Paper und die  gedruckte Zeitung auf. Diese offenen Stellen – wie viele es sind und wo sie im Konzern angesiedelt sind, ist nicht bekannt gegeben worden – sollen zunächst intern ausgeschrieben werden. Verlagsangaben zufolge sollen erste RRG-Journalisten sich bereits erfolgreich auf neue Stellen in den digitalen Regio-Teams beworben haben. 

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