Schrittmacher für den Lokaljournalismus

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Im Lokalen schlägt das Herz des Journalismus, hier ist er für die Menschen besonders gut erlebbar.“ So Netzwerk Recherche, das Lokaljournalist*innen mit einem Fellowship Lokale Recherche und einem Support Desk unterstützt, da sie unter wachsendem Druck Demokratie und mediale Glaubwürdigkeit verteidigen müssen.

Projektleiterin ist Maria-Mercedes Hering, die als Redakteurin bei der „Augsburger Allgemeinen“ arbeitete und Mitglied im Netzwerk von Correctiv.Lokal war, als sie vor knapp einem Jahr ihre Arbeit bei Netzwerk Recherche aufnahm. Beide Organisationen wollen den Lokaljournalismus stärken und ihre Arbeit ergänze sich, so Projektleiterin Hering im Gespräch mit M: „Wir machen eher Einzelfallberatung, Correctiv.Lokal fördert gemeinsame Recherchen von Kolleg*innen, die zu groß sind für einzelne Medien.“

Leserbindung und neue Abos

Auf der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche im Juni berichteten zwei Absolvent*innen des Fellowship-Programms von ihren Projekten. Anna-Sophie Kächele, Lokalreporterin bei der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten, recherchierte zur Maskenausschreibung während der Corona-Pandemie. Sie wollte wissen, welche Rolle die Beratungsfirma Ernst and Young dabei hatte, doch EY und auch das Bundesgesundheitsministerium mauerten, sodass immer noch eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz laufe: „Die Geduld schwindet. Als Lokaljournalistin bin ich gewohnt, immer einen gewissen Output pro Woche zu haben.“ Daraufhin habe sie alle Lieferant*innen aus Baden-Württemberg herausgefiltert und auch zum Reden bekommen, weil sie abgestempelt wurden als „Abzocker staatlicher Gelder“. Daraus entstanden Artikel wie „Sechs Jahre nach der Pandemie. Maskenlieferant: „Der Bund hat sein Saubermann-Image verloren“. Kächele resümiert, das Fellowship habe ihr Handwerkzeug wie hartnäckiges Fragen, Selbstvertrauen und Kontakte vermittelt. Sie habe bei ihrer Redaktion ein Hinweisportal eingerichtet mit Erklärungen zum Quellenschutz. Es gebe immer viel Rücklauf, wenn sie unter ihre Artikel schreibe „Wenn Sie noch was wissen…“. Mit einer halben Stelle ist sie nun Investigativ-Koordinatorin des Medienhauses Neue Pressegesellschaft. Die Chefredaktion sehe in Recherchen ein „großes Potenzial“ für Leserbindung und neue Abos.

„Offene Ohren“ bei Publikum und Politik

Sebastian Fobbe arbeitete für das digitale Lokalmedium RUMS, als er von November 2025 bis März 2026 als nr-Fellow in der Münsteraner Hochhaussiedlung „Die Schleife“ recherchierte. Die Häuser in Münster-Kinderhaus seien kommunal erbaut und später privatisiert worden. Der aktuelle Großvermieter ZBI (Zentral Boden Immobilien Gruppe) habe jahrelang nicht saniert. Die Folge: Schimmel, Ratten, kalte Heizungen, Stromausfall. Schwierig sei es gewesen, Kontakt zu Mieter*innen zu bekommen, da sich Sozialverbände „paternalistisch vor sie stellten“. Deshalb besuchte er einen kostenlosen Mittagstisch, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Andere Kontakte bekam er von der Linkspartei, die in der „Schleife“ Haustürgespräche führte. Als er die Besitzverhältnisse klären wollte, erhielt er erst mit Unterstützung aus dem Netzwerk Recherche Einsicht ins Grundbuch. Aus Fobbes Recherche entstanden eine fünfteilige Artikelserie mit Reportagen, Analysen, Experteninterview und ein Podcast mit einem Werkstattgespräch zur Recherche. Themen waren „Das Geschäft mit dem Verfall“ oder „Was wird aus der Schleife?“ Bei den Leser*innen erfuhr er eine gute Resonanz und in der Politik sei das Thema auf offene Ohren gestoßen, so Fobbe. Die Stadt Münster wolle sich Vorkaufsrechte für das Unternehmen sichern. Außerdem gab es eine Univeranstaltung zu Problemimmobilien.

Maria-Mercedes Hering unterstützt Fellows in allen organisatorischen Dingen, kümmert sich um Fortbildungen, Mentoring und Vernetzung. Sie steht außerdem allen festangestellten oder freien Journalist*innen zur Seite, die sich beim Support Desk melden. Oft gehe es darum, ausführlich über eine Recherche zu sprechen, Gedanken zu sortieren, Informationsquellen wie Expert*innen oder Datenbanken zu finden. „Das ist eine sehr erfüllende Arbeit“, sagt sie. Doch es bereite ihr Sorge, dass selbst in gut ausgestatteten Redaktionen keine Zeit mehr für solche kollegialen Gespräche bleibt: „Hier spürt man besonders, welcher Druck gerade auf dem Lokaljournalismus lastet.“

Gemeinsamer Austausch

Mit der Online-Austausch-Reihe „Wie macht Ihr das eigentlich?“ will sie Lokaljournalist*innen zusammenbringen, die sich dort über Themen austauschen können, die sie in ihrer Arbeit bewegen. Dabei gebe es auch Berührungspunkte zum Netzwerk von Correctiv.Lokal, mit dem sie im März eine Auftaktveranstaltung unter dem Titel „Wie Lokaljournalist*innen über Landtagswahlen und AfD berichten können“ organisierte. Es folgten im Juni „Weg vom Schreibtisch hin zu den Menschen vor Ort“ und im September ging es um die Berichterstattung über „geschlossene Milieus“ – wie Rechtsesoterik, Neonazis im Kampfsport oder eine völkische Bewegung.

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