Dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić wurde eine zweifelhafte Ehre zuteil: „Reporter ohne Grenzen“ zählt ihn zu den 34 größten Feinden der Pressefreiheit weltweit. Seit dem Einsturz des Bahnhofsvordachs von Novi Sad im November 2024, bei dem 16 Menschen starben, erschüttern Massenproteste das Land – und mit ihnen eine Welle der Gewalt gegen Journalist*innen.
Mindestens 89 Medienschaffende wurden im Zuge der Demokratieproteste körperlich angegriffen. Laut der Organisation sind dafür auch Hetzkampagnen regierungsnaher Medien verantwortlich, angeheizt von Vučić selbst. Hinzu kommen willkürliche Polizeirazzien, Einreiseverbote für ausländische Reporter*innen sowie der Einsatz von Spähsoftware.
Ein Staat kontrolliert seine Medien
Neben den direkten Angriffen bedroht vor allem die mediale Landschaft Serbiens selbst die Pressefreiheit. Die Serbische Fortschrittspartei (SNS) unter Vučić hat die zentralen Institutionen und Medien des Landes weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht. Der Preis ist hoch: Serbien fiel im Ranking von Reporter ohne Grenzen von Platz 54 im Jahr 2014 – als Vučić Ministerpräsident wurde – auf jetzt Platz 96 von 180 Staaten.
Mit staatlich gelenkten Werbebudgets werden regierungsnahe Medien belohnt, während unabhängige Redaktionen finanziell ausgetrocknet werden. Auch viele private Unternehmen sind direkt oder indirekt mit der regierenden serbischen Fortschrittspartei (SNS) verbunden und schalten keine Anzeigen in regierungskritischen Medien. Wer dennoch kritisch berichtet, riskiert Diffamierung und Rufmord: Regierungsnahe Boulevardblätter stellen Journalistinnen und Journalisten regelmäßig an den Pranger – mit erfundenen Skandalen und absurden Vorwürfen, die Einschüchterung und Angst verbreiten.
Auch ausländische Konzerne tragen zum System bei. So zählte der deutsche Discounter-Konzern Lidl zeitweise zu den wichtigsten Finanziers regierungsnaher Medien in Serbien, die Desinformation, Hetze und Pro-Putin-Propaganda verbreiten –bis der Faktenfinder der ARD im März 2023 darüber berichtete.
Vučić und die Medien
Aleksandar Vučić ist seit jeher eng mit der Medienwelt verbunden. Seine Mutter Angelina Vučić arbeitete bereits als Journalistin.Er selbst begann mit 22 Jahren beim Propagandasender Kanal S der bosnischen Serben in Pale, von wo aus die Belagerung Sarajevos propagandistisch begleitet wurde. Mit 28 wurde Vučić Informationsminister unter Slobodan Milošević und verschärfte 1998 die Zensurgesetze drastisch: Medien, die angeblich „Angst und Panik“ verbreiteten, konnten verboten oder mit hohen Strafen belegt werden. Während der NATO-Bombardierung 1999 mussten Zeitungen und Magazine ihm alle Beiträge zur Freigabe vorlegen. Der Sturz Slobodan Miloševićs im Oktober 2000 bremste Vučićs Aufstieg vorerst – bis er 2012 als Vizepremier und 2014 als Premierminister zurückkehrte.
Dauerpräsenz des Präsidenten
In regierungsnahen Medien ist Vučić allgegenwärtig. Eine Analyse der NGO CRTA für 2024 zeigt: In den Nachrichtensendungen von RTS 1, TV Pink, TV Prva, TV Happy und B92 entfielen 57 Prozent der gesamten Sendezeit allein auf den Präsidenten. Er war 354-mal live zugeschaltet, im Schnitt 30 Minuten pro Auftritt. Die SNS und ihre Verbündeten erhielten 92 Prozent der Sendezeit, die Opposition nur 8 Prozent – und wurde in 73 Prozent der Beiträge negativ dargestellt. Die Regierungspartei wurde nur in 0,3 Prozent der Fälle negativ dargestellt. Über Vučić selbst wird nicht kritisch berichtet.
Interessant ist auch, worüber nicht berichtet wird. Am 15. März 2025, als 300.000 Menschen protestierten und mutmaßlich eine illegale Schallkanone gegen die Masse eingesetzt wurde, lief beim öffentlich-rechtlichen RTS 1 eine Quiz-sendung. Und am 1. November, als 110.000 Menschen in Novi Sad der Opfer des Einsturzes des Bahnhofsvordachs gedachten, zeigte derselbe Sender alte jugoslawische Filme.
Die letzten unabhängigen Stimmen
Es gibt in Serbien noch kritische Medien, doch sie stehen unter massivem Druck. Die Fernsehsender N1 und Nova S berichten intensiv über die Proteste, doch nur ein Drittel der Bevölkerung kann sie linear empfangen – sie haben keine landesweite Sendelizenz und sind nur über Kabel verfügbar. Die beiden Sender gehören zur United Media Gruppe, die auch die Tageszeitung „Danas“ und das Wochenmagazin „Radar“ veröffentlichen. Doch der Nachrichtendirektor von N1, Igor Božić, betont gegenüber M: „Es ist das Fernsehen, dass den Unterschied macht. Es ist das sichtbarste Medium.“ In Serbien, einer überalterten Gesellschaft, beziehen viele Rentner*innen auf dem Land ihre Informationen primär aus dem von Vučić kontrollierten Fernsehen. Die REM, Serbiens Medienaufsicht, die Sendelizenzen vergibt, wird derzeit neu besetzt – allerdings, so sieht es derzeit aus, mehrheitlich mit regierungsnahen Vertreter*innen.
Als Terroristen beschimpft
„Wir wurden mehrfach als Terroristen beschimpft, weil wir über die Proteste berichten“, sagt Igor Božić. „Solche Aus-sagen kommen vom Präsidenten und werden sofort in der gesamten Propagandamaschinerie weiterverbreitet.“ Božić betont zudem die enge Zusammenarbeit zwischen Sicherheitsbehörden und regierungsnahen Medien: „Die geben Videomaterial oft erst an Fernsehsender weiter, bevor es die Staatsanwaltschaft erhält.“
Am 27. August 2025 veröffentlichten OCCRP und KRIK eine abgehörte Tonaufnahme, in welcher der Chef von Telekom Srbija und der neue CEO der United Group – Mutterkonzern von United Media– über die gezielte Schwächung des Senders N1 sprechen. Sollte die United Media Group fallen, bliebe vom regierungskritischen Journalismus in Serbien wenig übrig – nur noch Wochenzeitungen wie Vreme oder NIN sowie einige Online-Portale wie die Investigativportal KRIK und CINS oder das linke Portal Mašina, die ebenfalls unter finanziellem Druck stehen und teilweise von Kürzungen internationaler Fördergelder bedroht sind. Noch können sie berichten.
Update April 2026:
Der ehemalige Direktor von TV N1, Igor Božić, wurde von seinem Posten suspendiert.
