Licht am Horizont

Buchverbot aufgehoben – Geschichtsschreibung zugelassen

Manche Zeitgenossen würden ihre eigene Vergangenheit am liebsten auslöschen. Diesen Eindruck hat man gelegentlich von Sven Hüber, einem hochrangigen Beamten der Bundespolizei, der einst auf der anderen deutschen Seite stand und als junger Offizier neben der Berliner Mauer auch die moralischen Grenzen der DDR zu verteidigen hatte. ver.di-Mitglied Roman Grafe, gen Westen ausgereister Ostdeutscher, nennt Hüber ohne Lob und ohne Tadel, aber eben beim Namen: auf Seite 306 im Buch „Deutsche Gerechtigkeit. Prozesse gegen DDR-Grenzschützen und ihre Befehlsgeber„ (Siedler Verlag).

Hüber passt das nicht: Der als Funktionär der Gewerkschaft der Polizei mit Rückenwind Gesegnete klagte nicht nur gegen das Buch, sondern auch gegen Zeitungen wie die SZ, die über den Zwist berichteten.
Jetzt hob das Kammergericht Berlin das landgerichtlich verhängte, aber angefochtene Buchverbot auf – für Grafes Rechtsanwalt Jan Hegemann von der Kanzlei Raue in Berlin ein wichtiger Sieg: „Das war ein paradigmatischer Fall. Die Kontinuität von Führungspersonal wäre sonst tabu für die Berichterstattung. „Grafes Anwältin in der ersten Instanz, Julia Grißmer aus Frankfurt, befindet sogar: „Sonst könnte man kein politisches Buch mehr drucken.“ Denn auch, wenn man Grafes Buch einseitig gegen die DDR gerichtet findet, so muss Geschichtsschreibung mit Namensnennung möglich und erlaubt sein.
Die Genugtuung, die jetzt dem Buch- und Filmautor Grafe widerfährt, mag zudem Ausdruck einer Normalisierung sein: Nach dem so genannten Stolpe-Urteil Ende 2005 war das gesamte Jahr 2006 landauf, landab geprägt von überzogenen, engherzigen Auslegungen des Persönlichkeitsschutzes. Jetzt kann hier der gesunde Menschenverstand wieder mithalten: Wer, wie Hüber, ein hohes Wahlamt in der Bundespolizei (früher: Bundesgrenzschutz) innehat, muss zu seiner Vergangenheit stehen.
Allerdings gibt es noch eine Fortsetzung: Am 19. April (nach Andruck von M) trifft Grafes Anwalt erneut auf seinen Gegenspieler Johannes Eisenberg, und zwar vor dem Landgericht Berlin. Dann geht es um das von Hüber erwirkte Verbot eines Aufrufes von Grafe, den Prominente und Juristen unterzeichnet hatten. Nach dem Urteil des Kammergerichts wird man Grafe vermutlich auch hier Schützenhilfe gewähren. Immerhin birgt die Sache Präzedenz – und ein großes Hoffnungspotenzial.

 
nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Recherchematerial der „Zeit“ beschlagnahmt

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di kritisiert die Beschlagnahme von Recherchematerial der Wochenzeitung „Die Zeit“ aufs Schärfste und fordert dessen sofortige Rückgabe. Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt hatten am Montag auf Beschluss des Landgerichts Hamburg mit der Durchsuchung der Redaktion und der Wohnung einer Autorin gedroht.
mehr »

Presseförderung mit Journalismus-Check

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) unterstützt die Förderung journalistischer Presseangebote. Vorrangig ist dabei die Entwicklung neuer digitaler Angebote. Der Bundesverband der Digitalpublisher (BDZV) verlangte dazu konkrete Zusagen der Bundesregierung sowie bei Gesetzesvorhaben einen „Presse-Check“. Für ver.di ist klar: Wer gefördert wird, muss auch einen Journalismus-Check absolvieren.
mehr »

Lokaljournalismus: Die Welt vor der Haustür

"Echte Reporter*innen sitzen nicht in der Bundespressekonferenz, sondern schießen um 11 Uhr Fotos beim Grillfest der Freiwilligen Feuerwehr, schauen sich nachmittags das Kindertheater in der Turnhalle an und schreiben am Abend bei der Hauptversammlung des Geflügelzuchtvereins mit.“ Wer nach einer Definition von Lokaljournalismus sucht: Das wäre eine.
mehr »

Wenn freie Medien „Lieblingsfeinde“ sind

Freie Medien als Garanten für Demokratie stehen im Fadenkreuz der Rechten. Was bedeutet das für einen Journalismus, der ausgewogen berichten will? Wie können antidemokratische Prozesse gestoppt und umgekehrt werden? Darüber wurde auf der diesjährigen Medienpolitischen Tagung „Lieblingsfeind Freie Medien – europäische und deutsche Erfahrungen“, von ver.di und DGB in Berlin diskutiert.
mehr »