Propaganda: Die Macht der Beeinflussung

Der Propaganda Monitor legt Strukturen weltweiter Desinformation offen. Grafik: Reporter ohne Grenzen

Das kommunikative Verwirrspiel von Populisten ist weltweit in vollem Gange. Sie sehen sich als alleinige Vertreter des „Volkswillens“ und versuchen, ihre politischen Gegner als verschwörerischen Feind zu diskreditieren, indem sie ihm die hinterlistige Manipulation der gesamten Bevölkerung unterstellen. Mit rationalen Argumenten lässt sich dagegen in der Regel nicht ankommen.

Hinweise auf Fakten, Auslassungen und eine insgesamt unstimmige Argumentation werden von Populisten selbst oft als Propaganda geschmäht. Das trifft gerade auch kritische Journalist*innen, die dann als Teil einer ominösen „Lügenpresse“ gelten.

„Propaganda ist stets das, was die anderen machen – wir selbst hingegen informieren natürlich nur, klären auf, berichten, sind objektiv und ehrlich“, erklärt Alexandra Bleyer die typische Funktionsweise des Propaganda-Vorwurfs. „Der Begriff war aber nicht immer so stark negativ besetzt wie heute,“ sagt die Historikerin, die eine lesenswerte Einführung zum Thema veröffentlicht hat. Lange Zeit galt Propaganda schlicht als Teil von persuasiver Kommunikation, die darauf aus ist, Überzeugungen oder Verhaltensweisen von Personen zu formen, zu verstärken oder zu verändern – so wie zum Beispiel in der Produktwerbung, im politischen Wahlkampf oder auch im aktivistischen Campaigning. Eine starke moralische Bewertung einer Person oder einer Äußerung ging mit dem Label „Propaganda“ damals nicht unbedingt einher.

Ein Begriff wird politisch

Ursprünglich beschreibt der Begriff die Ausbreitung von Pflanzen in der Biologie. Erst in der polarisierten, blutigen Atmosphäre der Französischen Revolution wurde der Begriff stärker politisch aufgeladen. Im alltäglichen Sprachgebrauch war Propaganda zudem auch ein Synonym für Reklame. Einen Bedeutungswandel hat der Begriff durch die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten und ihre bis dato ungekannte manipulative Massenkommunikation erhalten. Aber auch Erfahrungen mit den Diktaturen in der Volksrepublik China, der Sowjetunion oder der DDR dürften dazu beigetragen haben. „Inzwischen ist der Begriff Propaganda so sehr negativ konnotiert, dass meist nur noch als polemischer Vorwurf und Kampfbegriff eingesetzt wird“, erklärt Bleyer.

Wie funktioniert Propaganda?

Dennoch gibt es bestimmte, klar zu identifizierende Propaganda-Techniken. „Sie alle zielen darauf ab, Deutungshoheit durchzusetzen“, so Bleyer. Die Welt werde dann nach einem binären Schema in gut und böse aufgeteilt. Gearbeitet werde dabei nicht nur mit Lügen und Falschmeldungen, sondern durchaus auch mit Fakten, Tatsachen und mit bewussten Auslassungen. Entscheidend ist das gesamte Bild, das von einem Sachverhalt, einer Person oder von einer Gruppe gezeichnet wird. Und die Absicht, die zum Beispiel darin liegen kann, andere zu diskreditieren oder von eigenem Fehlverhalten, eigenen Lügen oder der eigenen politischen Verantwortung abzulenken. „Propaganda-Techniken wirken dann wie Nebelkerzen“, erklärt Bleyer.

Hauptsache emotional

Gerade aufgrund ihrer emotionalen Wirkung verfängt Propaganda so schnell. Ihre Produzenten überlegen sich daher genau, wie sie ihre Botschaft formulieren. In die Karten von Propagandisten spielen dabei laut Bleyer auch typisch menschliche Wahrnehmungsschwächen. Zum einen der sogenannte Bestätigungfehler, der einen dazu bringt, das zu glauben, was ohnehin schon bekannt und vertraut ist. Zweitens die Wirkmacht der unentwegten Wiederholung, die dazu beitragen kann, irgendwann selbst die abstrusesten Lügen zu glauben; und drittens die Kraft von Geschichten, die allein aufgrund ihrer Erzählungsweise verfangen, etwa indem sie lustvoll Verschwörungen präsentieren, vermeintlich Schuldige benennen, vorführen und beschämen und insgesamt mit menschlichen Ängsten und Sorgen spielen.

Medienkompetenz wirkt gegen Propaganda

Damit Propaganda auch wirkt, muss aber stets eine Dreiecksbeziehung aufrechterhalten werden – zwischen dem Sender, dem Empfänger und dem Vermittler der Botschaft. Wer einmal mit einem überzeugen Ideologen versucht hat ein Thema differenziert zu diskutieren, weiß, dass sich der kaum davon abbringen lassen wird, seine Meinung zu ventilieren. Eine große Macht und Verantwortung, Propaganda ins Leere laufen zu lassen, liegt daher bei den Rezipient*innen. Sie kennen idealerweise ihre eigenen emotionalen Triggerpunkte und reflektieren sie selbstkritisch, wenn sie etwa mit reißerischen Überschriften, bedrohlichen Bildern und Vidoes oder polarisierenden Persönlichkeiten in Talkshows konfrontiert sind.

Daneben sollten Rezipient*innen Äußerungen gerade von Politiker*innen, Influencern oder Interessensverbänden stets auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen und eine Gegenmeinung einholen. Dabei helfe unter anderem eine grundlegende, gesunde Skepsis gegenüber einseitigen, schematischen und emotionalisierenden Darstellungen sowie ein Bewusstsein dafür, dass Informationen durchaus mit einer bestimmten Absicht im Sinne der persuasiven Kommunikation verbreitet werden können – etwa um wiedergewählt zu werden, die eigene politische Agenda zu verbreiten, oder im Fall von Extremisten, Terroristen und ausländischen politischen Regimes, die Polarisierung der westlicher Demokratien zu verstärken.

Journalismus mit klaren Qualitätsstandards

Zum anderen sind selbstverständlich Journalist*innen, Redaktionen und Medienhäuser in einer großen Verantwortung, Propaganda ins Leere laufen zu lassen. Denn sie können ihr eine Bühne geben können – oder auch nicht. Das ist gerade in Zeiten wichtig, die von vielen Menschen als krisenhaft erlebt und wahrgenommen werden. „Kriege, Wirtschaftskrisen und Bedrohungen etwa durch den Klimawandel sind ein idealer Nährboden für Propaganda, weil sie viele Menschen verunsichern und anfälliger für Manipulationsversuche machen“, sagt Bleyer. Umso wichtiger ist daher der seriöse Journalismus mit klaren Qualitätsstandards, der Informationen zur Verfügung stellt, sie einordnet und dem Anspruch, der Wahrheit möglichst nah zu kommen, verpflichtet ist.


nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

No-SLAPP: Wehrhaft gegen Antifeminismus

Das sechste Kapitel des No-SLAPP-Handbuchs beschäftigt sich mit antifeministischen Angiffen. Es baut auf einem Workshop auf, der im September 2025 in Hamburg stattfand und Teil der Veranstaltung „Safer community conference: Übergriffe bei Tanzveranstaltungen rechtssicher besprechbar & Tanzcommunities sicherer machen" war. Das Kapitelenthält zahlreiche Tipps und Hinweise aus der feministischen Zivilgesellschaft, insbesondere von der Meldestelle Antifeminismus der Amadeu Antonio Stiftung.
mehr »

Kürzt Sachsen bei Pressefreiheit?

Dem Europäischen Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) in Leipzig droht offenbar erneut eine Kürzung seiner Zuschüsse aus dem sächsischen Staatshaushalt. Für die beiden Jahre 2027 und 2028 sei im Entwurf für den Doppelhaushalt eine Förderung von jeweils 120.000 Euro vorgesehen, so die Sächsische Staatskanzlei gegenüber epd.
mehr »

Mehr zuhören, weniger zuspitzen

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen appelliert an den Journalismus, sich mehr auf gute Gespräche zu fokussieren. Er sieht die Zukunft des Journalismus eher im Moderieren als im Zuspitzen. Das sei in seinen Augen auch die einzige Chance, dass unabhängiger und seriöser Journalismus überhaupt weiter bestehen könne. Die Beziehung zwischen Publikum und Journalismus müsse neu definiert werden.
mehr »

Alles von Relevanz statt Kessel Buntes

Das Programmschema des Radiosenders Deutschlandfunk (DLF) soll zum 30. November 2026 grundlegend reformiert werden. Die Fachmagazine zu Religion, Europa, Umwelt, Literatur, Naturwissenschaften, Wirtschaft und Medien sollen wegfallen. Eine Petition wendet sich gegen die geplante Programmreform des Deutschlandfunk. Auch freie Mitarbeiter*innen üben Kritik.
mehr »