Buchtipp: Klassismus im Journalismus

Grafik zur Geschlechtergerechtigkeit

Foto: 123rf

Journalismus und Medien prägen unseren Blick auf die Welt und auf gesellschaftliche Entwicklungen, die wir ohne diese Vermittlungsleistung von außen vielfach nicht wahrnehmen würden. Daraus erwächst eine besondere gesellschaftliche Verantwortung, die auch mit Klassenverhältnissen und Herkunft zu tun hat.

Die Perspektive, aus der berichtet wird, entscheidet wesentlich darüber, welche Aspekte und Inhalte hervorgehoben werden und was wir als Medienkonsumierende wahrnehmen. Journalist*innen wählen aus, welche Themen Aufmerksamkeit erhalten, welche Personen zu Wort kommen und aus welchen Perspektiven gesellschaftliche Entwicklungen dargestellt werden.

Dass es dabei zu Verzerrungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit kommen kann, kritisieren Sozialverbände seit Langem – etwa mit Blick auf die Berichterstattung über das Bürgergeld, die geringe Wahrnehmung von Armutsaspekten oder die weitgehende Ausblendung von Armut trotz Erwerbsarbeit. Die Frage, ob solche Verzerrungen auch mit sozialer Herkunft, mangelnder Diversität und Klassismus im Journalismus zusammenhängen, untersuchen Tanja Köhler und Julia Lönnendonker in ihrem Buch „Klassismus im Journalismus“.

Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist die Feststellung, dass Journalismus die Gesellschaft in ihrer Vielfalt abbilden und in einer Demokratie unterschiedliche Rollen und Funktionen erfüllen soll. Wenn Menschen sich in der medialen Darstellung zunehmend nicht repräsentiert fühlen und eine Diskrepanz zwischen tatsächlich erlebten gesellschaftlichen Zuständen und ihrer medialen Darstellung entsteht, kann dies das Vertrauen in die Medien untergraben. Köhler und Lönnendonker gehen deshalb der Frage nach, inwiefern die soziale Herkunft die beruflichen Vorstellungen und Rollenverständnisse von Journalistinnen und Journalisten beeinflusst.

Soziale Herkunft als blinder Fleck der Diversitätsdebatte

Die Autorinnen legen zunächst ausführlich den bisherigen Forschungsstand dar, erläutern ihre Methodik und stellen anschließend ihre Ergebnisse vor. Abschließend leiten sie daraus Handlungsempfehlungen für journalistische Ausbildung und Rekrutierung ab.

Mit ihrer Untersuchung wollen Köhler und Lönnendonker eine Forschungslücke schließen, die sich insbesondere seit den 1970er-Jahren entwickelt hat. Bereits 1979 stellte H. H. Fabris fest, dass Studien „übereinstimmend zu dem Ergebnis [kommen], dass die Journalisten – ob haupt- oder nebenberuflich tätig – sich seit dem Beginn des bürgerlichen Zeitalters überwiegend aus der jeweiligen gesellschaftlichen Mittelschicht und Oberschicht rekrutierten.“

Auch eine jüngere Studie aus dem Jahr 2006 kam zu ähnlichen Ergebnissen – obwohl aufgrund der Bildungsexpansion lange angenommen wurde, die soziale Herkunft habe für den Zugang zum Journalismus an Bedeutung verloren. Während in den folgenden Jahren die Forschung zu Geschlecht und Migrationshintergrund deutlich zunahm, geriet die soziale Herkunft als Ungleichheitsdimension zunehmend aus dem Blick.

Zwar brachten Interessenverbände wie die Neuen deutschen Medienmacher*innen oder ProQuote seit den 2000er-Jahren den Aspekt der Diversität stärker in die Debatte ein, und zahlreiche Medienunternehmen schlossen sich 2006 der Charta der Vielfalt an. Die soziale Herkunft spielte dabei jedoch kaum eine Rolle. Obwohl Soziologen darauf hinwiesen, dass die Medienelite gemeinsam mit der Justizelite zu den exklusivsten gesellschaftlichen Eliten nach der Wirtschaftselite gehört, werden Ungleichheit und Klassismus im Journalismus bislang vergleichsweise selten wissenschaftlich untersucht.

Der Zugang zum Journalismus als soziale Selektionshürde

Die Studie zeigt, dass insbesondere der Zugang zum journalistischen Beruf exkludierend wirken kann. Zwar ist die Berufsbezeichnung Journalist*in nicht geschützt und formal kein akademischer Abschluss erforderlich. Faktisch verfügen jedoch rund zwei Drittel der Journalistinnen und Journalisten über einen Hochschulabschluss. Zu den wichtigsten Ausbildungswegen gehören Volontariate und Journalistenschulen.

Der Weg in den Journalismus ist häufig von Praktika, freier Mitarbeit, Volontariaten und anderen Formen prekärer Beschäftigung geprägt. Solche Einstiegsphasen lassen sich für Menschen aus finanziell abgesicherten Familien leichter bewältigen als für diejenigen, die früh auf ein eigenes Einkommen angewiesen sind. Unbezahlte oder schlecht bezahlte Tätigkeiten können damit eine erhebliche soziale Selektionswirkung entfalten. Hinzu kommt die Bedeutung persönlicher Kontakte und beruflicher Netzwerke, die den Einstieg in den Journalismus erleichtern können.

Damit geht die Untersuchung über die Frage hinaus, ob einzelne Journalistinnen und Journalisten klassistische Vorurteile haben. Vielmehr richtet sie den Blick auf die Strukturen der journalistischen Ausbildung und auf die Frage, inwieweit soziale Ungleichheiten innerhalb dieser Strukturen reproduziert werden.

Wer schafft es in den Journalismus?

Für ihre Studie haben Köhler und Lönnendonker 549 Volontär*innen und 430 Journalistenschüler*innen befragt; 250 Personen beteiligten sich tatsächlich an der Untersuchung. Die soziale Herkunft wurde anhand des Bildungsstands der Eltern – konkret des höchsten formalen Bildungsabschlusses – sowie anhand der subjektiven Einschätzung des eigenen sozialen Status mithilfe der MacArthur-Skala erfasst.

Dabei zeigte sich eine hohe Übereinstimmung zwischen der subjektiven Einschätzung des sozialen Status und der objektiv erhobenen Bildungsherkunft. Gleichzeitig schätzten Menschen aus nichtakademischen Haushalten ihren sozialen Status häufig höher ein, als es ihre Bildungsherkunft vermuten ließ.

Die Daten bestätigen die soziale Selektivität des Berufsfeldes: Nachwuchsjournalist*innen aus akademischen Haushalten sind deutlich überrepräsentiert. Lediglich bei Journalist*innen mit Migrationshintergrund zeigt sich ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen akademischen und nichtakademischen Elternhäusern. Frauen mit Migrationshintergrund sind zudem überproportional stark vertreten.

Auch der formale Bildungsabschluss der Nachwuchsjournalist*innen verweist auf eine zunehmende Akademisierung des Berufes. Mehr als 96 Prozent verfügen über Abitur, 86 Prozent über einen Studienabschluss. Ein Studium, das formal für den Berufseinstieg gar nicht erforderlich ist, fungiert damit faktisch als Eintrittskarte in den Journalismus.

Ein weiterer Filter ist die Notwendigkeit berufspraktischer Erfahrungen. Insbesondere Praktika können für Menschen mit begrenzten finanziellen und zeitlichen Ressourcen eine erhebliche Hürde darstellen. Eine befragte Person bringt dies auf den Punkt: „Ich konnte es mir nicht leisten, ein unbezahltes bzw. schlecht bezahltes Praktikum zu absolvieren.“

Damit wird deutlich, dass soziale Herkunft, aber auch Geschlecht, die Möglichkeiten und den Umfang der berufspraktischen Ausbildung und damit die Ausgangsbedingungen für den Einstieg in den Journalismus beeinflussen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die finanzielle Unterstützung durch die Familie. Sie kann den Berufseinstieg erleichtern und zugleich ermöglichen, bestehende oder neu erworbene berufliche Netzwerke zu nutzen. Auch hier haben Nachwuchsjournalist*innen aus akademischen Elternhäusern tendenziell bessere Voraussetzungen.

Soziale Herkunft und journalistisches Rollenverständnis

Die soziale Herkunft spiegelt sich auch in der Selbstreflexion der Nachwuchsjournalist*innen wider. Befragte, die sich subjektiv auf den unteren Stufen der MacArthur-Skala verorten, bewerten ihre soziale Herkunft häufiger als relevanten Einflussfaktor für ihren Berufseinstieg als Befragte aus höheren sozialen Schichten.

Allerdings bleibt festzuhalten, dass die Gruppe der untersuchten Nachwuchsjournalist*innen bereits aufgrund ihres Bildungsweges homogen ist. Vor diesem Hintergrund zeigen sich bei den journalistischen Rollenverständnissen nur marginale Unterschiede zwischen den sozialen Herkunftsgruppen.

Die klassischen Funktionen des Journalismus – Informationen vermitteln, zur Meinungsbildung beitragen, aktuelles Geschehen einordnen und analysieren sowie gesellschaftliche Missstände beleuchten – werden herkunftsübergreifend als zentrale Aufgaben angesehen. Eine auffälligere Differenz zeigt sich bei der kritisch-überwachenden Funktion, also der Aufgabe, die Mächtigen zu kontrollieren. Mit steigendem Bildungsniveau der Eltern nimmt die Zustimmung zu dieser Funktion zu.

Auch bei der Frage, inwieweit Journalismus als Instrument gesellschaftlicher Teilhabe, zur Repräsentation benachteiligter Gruppen oder zur lösungsorientierten Orientierung dienen soll, zeigen sich Unterschiede. Befragte aus nichtakademischen Herkunftsgruppen messen diesen Aufgaben tendenziell eine größere Bedeutung bei.

Konsequenzen für Ausbildung und Rekrutierung

Am Ende kommen die Autorinnen zu dem Schluss, dass die soziale Durchlässigkeit in der journalistischen Ausbildung geringer ausfällt, als es die Diversitätsdebatten in Medienunternehmen und Journalistenschulen vermuten lassen. Der journalistische Nachwuchs bleibt demnach stark von höheren Bildungsherkunftsgruppen geprägt. Soziale Herkunft erweist sich damit als blinder Fleck im Rekrutierungsprozess der Medienunternehmen.

Aus ihren Ergebnissen leiten Köhler und Lönnendonker konkrete Handlungsempfehlungen ab. Sie weisen zugleich darauf hin, dass standardisierte Fragebögen an ihre Grenzen stoßen und qualitative Interviews eine sinnvolle Ergänzung darstellen könnten. Ihre Empfehlungen richten sich insbesondere auf die journalistische Rekrutierung und Ausbildung. Klassismus und soziale Herkunft müssten stärker sichtbar gemacht und in Diversitätsstrategien berücksichtigt werden. Die Autorinnen schlagen unter anderem Quoten und Förderprogramme, Stipendien und Mentoringprogramme sowie eine faire Bezahlung von Praktika und freier Mitarbeit vor.

Was muss sich im Journalismus ändern?

Mit Blick auf die gesellschaftliche Debatte liefert die Studie wichtige Hinweise darauf, wie sich der Journalismus verändern müsste, wenn er seinem Anspruch gerecht werden will, in einer Demokratie eine zentrale Kontroll- und Vermittlungsfunktion zu erfüllen. Der in Umfragen feststellbare Vertrauensverlust in den Journalismus lässt sich auch vor dem Hintergrund fehlender gesellschaftlicher Perspektiven und Repräsentation betrachten.

Köhler und Lönnendonker untersuchen allerdings nicht die zunehmend wichtige Rolle von Influencer*innen und Wissensblogger*innen in sozialen Medien und die Frage, wie diese Formen der Informationsvermittlung künftig unser Verständnis von Journalismus aber auch die Repräsentation von Nichtakademiker Gruppen verändern könnten. Eine solche Erweiterung hätte den Rahmen der Studie vermutlich gesprengt. Dennoch wäre es interessant, diese Entwicklung mit der Frage nach sozialer Herkunft und medialer Repräsentation zu verbinden.

Insgesamt legen Köhler und Lönnendonker überzeugend dar, dass soziale Herkunft im Journalismus bislang zu wenig berücksichtigt wird. Ihre Untersuchung macht sichtbar, dass mangelnde soziale Durchlässigkeit nicht erst bei der späteren Berichterstattung beginnt, sondern bereits beim Zugang zum Beruf. Gerade deshalb liefert die Studie wichtige Anregungen für Medienunternehmen, Journalistenschulen und Redaktionen: Wer die gesellschaftliche Vielfalt abbilden will, muss zunächst dafür sorgen, dass sie auch in den eigenen Reihen vertreten ist.


HIER gehts zur Studie Klassismus im Journalismus

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