Zunehmende Journalistenmorde

BRASILIEN. Am 18. Mai diesen Jahres fand die Polizei nahe der Kleinstadt Padre Paraíso in Vale do Jequitinhonha in Brasilien einen kopflosen Körper mit zusammengebundenen Händen. Der abgetrennte Kopf des Journalisten Evany José Metzker lag 100 Meter vom Rumpf entfernt und wurde erst Stunden später entdeckt. Metzker ist einer von bereits vier Reportern, die bis Mitte August diesen Jahres höchstwahrscheinlich in Ausübung ihres Berufes in Brasilien ermordet wurden. Das Land zwischen Zuckerhut und Amazonien ist damit eines der weltweit gefährlichsten Länder für Berichterstatter.

„Unglücklicherweise beschäftigte sich mein Mann nur mit ernsten Recherchen”, gab die Witwe des 67-Jährigen der Polizei zu Protokoll. In den Wochen vor seinem Tod war Metzker Fällen von Kinderprostitution in der Region auf der Spur. Das Verbrechen stehe wahrscheinlich in Verbindung mit seiner Arbeit, glaubt auch der Präsident der Journalistengewerkschaft von Minas Gerais, Kerison Lopes. Die Region im Norden des Bundesstaates Minas Gerais zeige eine hohe Rate von Kinderprostitution auf, besonders in Padre Paraíso, wo der Journalist kurz vor seiner „Hinrichtung” in einer Pension abgestiegen war. Die berüchtigte Bundesstraße BR 116, die Nordostbrasilien mit dem Süden des Landes verbindet, führt mitten durch das Städtchen. Laut UNICEF ist die BR 116 Brasiliens Hauptstraße der sexuellen Ausbeutung von Kindern.
Ein besonders heißes Pflaster für investigative Reporter ist der Staat Rio de Janeiro, der die Statistik innerhalb Brasiliens mit sieben Ermordeten zwischen 2002 und 2015 anführt.Doch nicht Millionenstädte wie Rio oder Sao Paulo seien die gefährlichsten Orte für Journalisten, sondern Kleinstädte und Gemeinden wie Padre Paraiso, erläutert der Brasilianer Sérgio Spagnuolo, der nun für die Nachrichtagentur Volt Data Lab (www.voltdata.info) die erste Landkarte mit den Morden an Journalisten in Brasilien erstellt hat. Vor allem die Sparte der Radioreporter sei unter den Opfern stark vertreten, sagt Spagnuolo.
Der Journalist analysierte 29 Mordfälle zwischen 2002 und 2015. Dreizehn der getöteten Reporter (45 Prozent) arbeiteten für lokale Radiosender, so wie Djalma Santos da Conceição, der im Mai diesen Jahres in der Kleinstadt Conceição da Feira in Bahia gefoltert und hingerichtet wurde. Am 6. August erschossen zwei Männer Gleydson Carvalho von „Rádio Liberdade 90,3” in Camocim in Ceará in seinem Aufnahmestudio „live” während der Radiosendung.
Insgesamt mussten in Brasilien seit dem Jahr 2000 mindestens 42 Journalisten aufgrund ihrer Recherchen oder Publikationen ihr Leben lassen, so die Zahlen der deutschen Sektion von Reporter ohne Grenzen in Berlin. Seit Amtsantritt von Regierungschefin Dilma Rousseff im Jahr 2011 stieg die Zahl der Journalistenmorde von 1,3 Morden pro Jahr während der Regierungszeit Lula da Silvas auf 3,8 an. Erschwerend kommt hinzu, dass Brasiliens Justiz bisher kaum einen der Täter, geschweige denn deren Hintermänner, fassen konnte.

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