Grokipedia: Musks Angriff auf die Wahrheit

Fasziniert von autoritären Herrschaftsmodellen und ihren Vertretern: Elon Musk 2022 mit Jair Bolsonaro, dem ehemaligem rechtsextremen Präsidenten Brasiliens. Foto: Cleverson Oliveira/Mcom

Einen Monat nach dem Start von Elon Musks Grokipedia wird deutlich: Mithilfe von „Künstlicher Intelligenz“ lässt sich im großen Stil „Informationskrieg“ führen. Das alternative Online-Lexikon des rechten Milliardärs zielt erklärtermaßen darauf ab, den Stellenwert von Wikipedia zu unterminieren. Dabei geht es heutzutage unter anderem darum, in die Trainingsdaten großer Sprachmodelle (LLMs) einzufließen.

Musks Feldzug gegen Wikipedia begann mit einer Kränkung. Als hier im Januar 2025 Musks umstrittene Geste bei Trumps Amtseinführung dokumentiert wurde – viele interpretierten sie als Hitlergruß –, reagierte Musk wütend und sprach von „Wokepedia“.

Wikipedia bringt Rechte unter Druck

Ende September dieses Jahres brachte David Sacks, „A.I. & Crypto Czar“ des US-Präsidenten Donald Trump, bei X (Twitter) auf den Punkt, was die Rechten stört: „Wikipedia ist hoffnungslos voreingenommen. Eine Armee linker Aktivisten pflegt die Biografien und bekämpft vernünftige Korrekturen. Das Problem wird dadurch verschärft, dass Wikipedia oft an erster Stelle in den Google-Suchergebnissen erscheint und mittlerweile als vertrauenswürdige Quelle für das Training von KI-Modellen gilt. Das ist ein großes Problem.“ Wenige Wochen zuvor war bei einem Gespräch zwischen Sacks und Musk auf einer Konferenz bereits die Idee für Grokipedia entstanden.

Am 27. Oktober ging die erste Version der Grokipedia mit rund 850.000 englischsprachigen Beiträgen online – die englische Wikipedia hat etwa sieben Millionen Beiträge. Die Grokipedia wurde automatisiert mittels des LLM Grok von Musks Firma xAI geschrieben – offensichtlich auf Basis der Texte der Wikipedia, die unter einer freien Lizenz veröffentlicht werden.

Eine erste Studie zweier Forscher der US-Universität Cornell kommt zu dem Ergebnis, dass es vor allem darum geht, bei Beiträgen zu Politiker*innen und kontroversen Themen „alternative Fakten“ zu präsentieren. Dafür werden immer wieder Quellen verwendet, die in der Wikipedia-Community als nicht zulässig gelten. Beispiele sind das Neonazi-Forum Stormfront oder die Verschwörungserzählungs-Website „Infowars“.

Auslassungen und Verdrehungen

So ist im Grokipedia-Text über die AfD beispielsweise wenig über ihre Verbindungen zu rechtsradikalen Organisationen und Personen zu lesen. Dabei wird die Rhetorik der Partei selbst übernommen, die diese Sichtweise als Propaganda der „Mainstream“-Medien abtut.  Auch der Beitrag über Trump liest sich wie ein Witz: Seine kriminellen Machenschaften werden verharmlost oder ausgelassen. Und selbstverständlich ist der Eintrag über Elon Musk ein Heldenporträt, in dem die Folgen der Kürzungen durch dessen Department of Government Efficiency (DOGE) unerwähnt bleiben.

Diese Art der Wahrheitsbeugung wäre lächerlich – würde sie nicht von einem sehr mächtigen, reichen und einflussreichen Menschen vorangetrieben. Musk hat mit der Zerstörung von Twitter unter Beweis gestellt, wie er Kommunikationsräume im globalen Stil beeinflussen kann. Deshalb sollte das Vorhaben Grokipedia ernst genommen werden. Es folgt offensichtlich der Vorgabe „Flood the Zone with Shit“ des rechten Vordenkers Steve Bannon.

In einem Beitrag der Wikimedia Foundation, die hinter der in vielen Sprachen erscheinenden Wikipedia steht, hieß es unlängst, die Zugriffe seien gegenüber dem Vorjahr um acht Prozent gesunken – wohl, weil vermehrt User Informationen bei Chatbots suchten und Suchmaschinen ihnen direkt KI-generierte Texte anböten. Dieser Trend dürfte anhalten und unterstreicht, warum LLM zu umkämpften Einflusssphären werden.

Verzerrungen darstellen

Als mögliche Gegenstrategie gegen die Grokipedia bieten sich zwei Dinge an: Zum einen könnten die Hersteller von LLM-Modellen – wie Google, OpenAI und Atrophic – dazu aufgefordert werden, die Grokipedia nicht als Trainingsdaten für ihre künftigen Modelle zu verwenden. Zudem könnten sie sich öffentlich dazu verpflichten.

Andererseits ließe sich versuchen, die Unterschiede und Verzerrungen der Grokipedia gegenüber der Wikipedia ebenfalls automatisiert zu dokumentieren. Damit könnten sie ebenfalls in die Trainingsdaten und Suchmaschinen auftauchen und so die Grokipedia delegitimieren.

Ob das reicht? „Andere Milliardäre und autoritäre Regime schauen zu“, warnte der Journalist David Swan in einer australischen Zeitung. Jeder reiche Spinner und jedes Regime mit Ressourcen könne nun seine eigene „Wahrheit“ im digitalen Raum als „alternative Fakten“ anbieten.

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