Hochpolitisch: Feministischer Film

Hana Jušić erhält den Internationalen Spielfilmpreis für God will not help.

Hana Jušić erhält den Internationalen Spielfilmpreis für God will not help.

Globale Frauensolidarität kann ganz praktisch aussehen. Das veranschaulichte das 43. Internationale Frauenfilmfest (IFFF) mit seinen Filmen und Debatten in Köln Ende April 2026. Und egal ob Internationaler Spielfilmwettbewerb oder Dokumentar- und Experimentalfilm: fast immer ging es in diesem Jahr um Hochpolitisches und zog damit vor allem junges Publikum an.

Ausverkaufte Kinosäle und Rekordzahlen werteten die künstlerische Leiterin des Festivals Maxa Zoller und ihr Team kundiger feministischer Filmkuratorinnen als klares Zeichen: „Gegenbilder zu den gängigen, oft verzerrten Darstellungen von Frauen im Mainstream“ sind im Trend. Cineastische Werke der internationalen feministischen Filmgeschichte, die Kämpfe für kollektives Bewirtschaften des Landes thematisierten, liefen im Fokus des Festivals „Common Land“. Der englische Begriff heißt auf Deutsch Allmende: Zu einem Dorf gehöriges nutzbares Land kann von dortigen Landwirtinnen und Bauern als Gemeinschaftseigentum bewirtschaftet werden. Die Filmkuratorin Betti Schiel des IFFF fragte angelegentlich: Können wir als Festival auch eine Allmende sein? Und ja, das geht. Inspiriert durch das Filmgeschehen entstanden in Kinosälen tatsächlich Gemeinschaften, die Wissen und Erfahrungen zusammentrugen, wie auch ganz real aktivistisch gesellschaftliche Veränderung zu erreichen sein kann.

Wer filmt, wird Teil der Bewegung

Ähnliches gilt für die Arbeit der Dokumentarfilmerinnen. Davon berichtete Camila Freitas im Anschluss an die Projektion ihres Films „Chão“ (2019) über eine Gruppe der Landlosenbewegung im brasilianischen Bundesstaat Goiás: Dort besetzten Arbeiterinnen und Arbeiter seit 2015 einen Teil eines Fabrikgeländes und forderten eine Landreform. Wer, wie sie selber, einen Film über politischen Aktivismus und die Vision einer besseren Zukunft drehe, werde Teil der Bewegung. Der Film schaffe Öffentlichkeit, helfe anderes Wirtschaften durchzusetzen, das ohne durch Pestizide vergiftete Böden und zerstörerische Monokulturen auskommt, erklärte Freitas. Für die Bewegung sei er wie „eine Waffe im Kampf um eine bessere Welt“ gewesen, weil „wir als Filmteam an ihrer Seite standen“.

Das sei umso wichtiger gewesen, da der ultrarechte Jair Bolsonaro, von 2019 bis 2022 Präsident Brasiliens, die Aktivisten der Landlosenbewegung (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra, MST) sowie die Bewegung der Wohnungslosen (MTST) zu „Terroristen“ erklärt hatte. Freitas´ Film zeigt etwa, wie regierungsnahe Sender Frauen der Bewegung „als sehr gefährlich mit ihren Stöcken“ verteufelten – wobei in deren Bildern davon gar nichts zu sehen war. Heute, elf Jahre später, unter der Regierung des neuen Präsidenten Lula, sind die Landbesetzerinnen noch immer da. Statt einst nur primitiver Zelte gibt es nun Solarpanels auf Hütten, richtige Toiletten und ökologische Landwirtschaft, die auf Biodiversität setzt.

Gemeinschaften ermutigen

Eine spannende Diskussion des IFFF über Commoning & Allmende, mit der italienisch-amerikanischen emeritierten Hochschullehrerin, politischen Philosophin und feministischen Aktivistin Silvia Federici, die in Köln per Video zugeschaltet war, und der griechischen Filmemacherin Athina Tsangari, thematisierte: Können wir mit Community-Gärten oder Gemeinschaftsküchen an die mittelalterliche Allmende-Tradition anknüpfen? Federicis Studie „Caliban und die Hexe“ (2004) ist als neuerliches Nachdenken über Entstehung und Wesen kapitalistischer Verhältnisse zu werten, quasi als unverzichtbare Ergänzung zur marxistischen Theorie: Mit der Hexenverfolgung sei ein beispielsloser Krieg gegen die Frauen geführt worden, um deren Macht zu zerschlagen und den Kapitalismus zu entwickeln.

Federici sieht in den Kämpfen um die Commons eine Alternative, in denen Frauen, die von Vertreibung und Umweltzerstörung stark betroffen seien, eine zentrale Rolle spielen. Das Frauenfilmfest selber könne selber vernetzter Teil davon sein, „bildet Banden“, ermutigte die Filmkuratorin Betti Schiel. Aus dem Publikum wurden Beispiele für kollektive Landbesetzungen und städtische Gemeinschaftsgärten genannt. Man hätte meinen können, gleich gehe es aktivistisch los. So manche Teilnehmerin der Debatte guckte intuitiv bedauernd an sich herunter, dass sie ausgerechnet heute keine Sportschuhe trägt.

Exil für afghanische Filme

Auch in anderer Hinsicht ging das IFFF solidarisch vor. Das Festival bot Raum für das nach der Übernahme der Taliban zwangsweise ins Exil gegangene International Women´s Festival der westafghanischen Stadt Herat. Zu sehen war Brishkay Ahmeds Dokumentarfilm „The Room“, der Frauen der afghanischen Kulturszene eine Stimme verleiht: Ob Sängerin, Schauspielerin, Journalistin oder TV-Chefredakteurin, allesamt können sie nicht glauben, was aus ihrem Leben geworden ist, nachdem sie gewaltsam komplett entrechtet wurden. Alka Sadat, Co-Leiterin des Festivals, sagte im Filmgespräch im Kino: Afghanistan sei kein Sonderfall, auf den es mitleidig zu schauen gelte. Gewaltsame Umstürze und Chaos könnten Frauen überall auf der Welt früher oder später betreffen. Sie rät zu politischer Wachsamkeit.

Gabrielle Stemmers Experimentalfilm „The strike“ (Frankreich, 2025) thematisierte den feministischen Streik gegen Heterosex, der sich nicht an den Bedingungen weiblicher Selbstbestimmtheit orientiert. Der Film zeigt, was Kapitalismus mit herkömmlichen Sexualvorstellungen zu tun hat; wie ganze industrielle Branchen, seien es Kosmetik-, Mode- oder Schönheits-OP-Industrie (Highheels, Beinrasierer, Lippenstift, angeklebte Nägel oder eben Chirurgie, etc.) davon profitieren. Witzig und zugleich erleuchtend ist die Vorstellung, dass ganze Industriezweige zusammenbrächen, fänden solche Konsumgüter keinen reißenden Absatz mehr.

„Eines Morgens wurde mir klar, dass ich seit drei Monaten keinen Sex mehr gehabt hatte“, heißt es zu Beginn des Buches (La chair est triste hélas, 2023) der früheren Pornodarstellerin Ovidie, das den Ausgangspunkt für den Film bildet. Gefehlt habe: Nichts. Im Film heißt es: Warum sollten wir eigentlich Lust auf Sex mit dem potentiellen Unterdrücker haben? Etwa wegen anschließender erniedrigender Frauenarztbesuche, etc? Männer äußerten im Kinogespräch, einiges sei ihnen gar nicht bewusst gewesen. Auch Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter könnten solche Aspekte diskutieren.

Wider die Prekarität im Filmbereich

Schließt sich die Frage an: Wer schafft den Zugang zum Kulturgut Film, pflegt Kenntnisse in feministischer Filmgeschichte, ist in der Lage das Wissen in gesellschaftspolitische Realität einordnen? „Traum ohne Job? Wie werden wir feministische Filmkurator*innen?“, so der Titel eines Panels des IFFF. Denn Festivalarbeit sei vielfältig, setze umfangreiches Wissen und Archivarbeit, um Programme zusammenzustellen, voraus, sowie auch Überzeugungskraft, um den Zugang für das Publikum zu schaffen, so Vivien Buchholz, Kuratorin der Sektion Panorama des IFFF gegenüber „Menschen machen Medien“. Berufsbild und -alltag seien in der Gesellschaft wenig ausgeprägt bekannt und anerkannt. Das Arbeitsumfeld sei prekär, Berufschancen gering, die Ausbildung des Nachwuchses kaum geregelt. Museumskuratorinnen seien damit schon weiter.

Oft verrichte man freiberuflich bis zu zehn verschiedene Projekte im Jahr, etwa als Gästebetreuerin bei Festivals, Kamerafrau oder Ähnliches, bestätigten andere Kuratorinnen. Selbst die Aufnahme bei der Künstlersozialkasse (KSK) müsse erkämpft werden, da für jedes einzelne Projekt ein Einzelnachweis erbracht werden müsse. Die KSK bezieht seit 1983 selbständige Künstler*innen und Publizist*innen in den Schutz der gesetzlichen Sozialversicherung ein. Sie brauchen nur etwa die Hälfte ihrer Beiträge zu tragen und sind damit so gestellt wie Arbeitnehmer*innen. Die andere Beitragshälfte wird durch die Künstlersozialabgabe von Kunst- und Publizistikverwertern (z. B. Galerien, Musikschulen, Theater, Rundfunkanstalten, Werbeagenturen, Verlage) und durch einen Bundeszuschuss finanziert.

Die Nachfrage von „M“ bei der KSK dazu ergab, dass die von Filmkuratorinnen geschilderte Problematik dort durchaus bekannt ist. Auch mit verschiedenen Tätigkeiten im künstlerischen Bereich sei die Aufnahme dort möglich. Aber in der Tat müsse jedes Projekt einzeln durch Kontoauszüge, Rechnungen etc. nachgewiesen werden. Und allerdings könne die Überprüfung aktuell aufgrund großer Nachfrage bis zu sechs Monate andauern. Fazit: Angesichts der in den vergangenen Jahrzehnten angestiegener Mieten und Kosten, kann der Traumberuf einer Filmkuratorin, zumal koordiniert mit anderen künstlerischen Jobs, schnell zum Burnout führen. Da es im gesellschaftlichen Interesse liegt, dass diese kulturelle Bildung weiterhin stattfindet, bleibt also Vieles noch durchzusetzen.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Für die Pressefreiheit: Die dju wird 75

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di feiert 2026  ihr 75-jähriges Bestehen. Zum Tag der Pressefreiheit am 3. Mai richtet die Gewerkschaft den Blick auf die aktuellen Herausforderungen für unabhängigen und kritischen Journalismus.  
mehr »

Erneute ver.di-Streiks in der ARD

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) ruft am heutigen Donnerstag in den ARD-Sendern NDR und WDR zum gemeinsamen Streik auf. Auch im BR wird es Aktionen geben. Hintergrund sind die gekündigten Tarifverträge zu Gehalt und Honoraren zu Ende Januar 2026. Die Verhandlungen dazu blieben bislang ergebnislos. Mit Programmeinschränkungen wird gerechnet.
mehr »

RSF: Pressefreiheit weltweit unter Druck

Weltweit hat sich die Situation für Journalist*innen erneut verschlechtert: Zum ersten Mal in der 25-jährigen Geschichte der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (RSF) fällt mehr als die Hälfte aller Länder in die beiden schlechtesten Kategorien „schwierig“ und „sehr ernst“.
mehr »

Polizeibefugnisse gegen Pressefreiheit

Das  Bundeskabinett befasst sich heute mit mit Gesetzentwürfen, die den deutschen Sicherheitsbehörden weitreichende digitale Ermittlungsbefugnisse einräumen sollen. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di kritisiert die Ausweitung der Überwachungsmaßnahmen zulasten der Privatsphäre aller Bürger*innen und der Pressefreiheit.
mehr »