Die vier Mal im Jahr erscheinenden „Maro-Hefte“ sind ein Kleinod auf dem deutschen Büchermarkt. Die bibliophil gestalteten Essays behandeln eine Vielzahl ausgesuchter Themen: das Prinzip von Lohnarbeit, das Alleine-Ausgehen als Frau oder den deutschen Völkermord in Namibia. Das aktuelle Heft widmet sich dem Wirken von Amin al-Husseini.
Über Amin al-Husseini ist bereits viel geschrieben worden – und doch ist die Geschichte des einst führenden palästinensischen Politikers in Deutschland nur wenig gekannt. Olaf Kistenmachers Essay „Auf einer Wellenlänge“ kommt zur richtigen Zeit. Denn der Israel-Palästina-Konflikt ist nach wie vor ein Thema, das so sehr polarisiert und emotionalisiert, dass differenzierte, fundierte und im Tonfall sachliche Essays auch dann die Debatte bereichern, wenn sie sich nur auf einen historischen Ausschnitt aus dem Konfliktgeschehen fokussieren.
Amin al-Husseini war Antisemit und arbeite eng mit dem NS-Regime zusammen. Wer das thematisiert, kann schnell vermintes Gelände schaffen. Etwa dann, wenn von diesem historischen Fakt allzu schnell Rückschlüsse auf die Gegenwart gezogen werden und zum Beispiel insinuiert wird: die Palästinenser seien die „Nazis von heute“, seien allesamt und für alle Zeiten antisemitisch, oder ihr Recht auf einen eigenen Staat an der Seite Israels sei wegen al-Husseinis NS-Kollaboration moralisch verwirkt.
Diese Fehler macht Kistenmacher nicht. Zunächst holt der Hamburger Historiker etwas aus und erläutert zur Kontextualisierung zentrale Ereignisse und Dynamiken im damaligen Konfliktgeschehen in Palästina. Da ist etwa der sogenannte Arabische Aufstand (1936-39), der sich gegen die jüdische Nationalbewegung richtete und ein wichtiges Moment für den damals erst entstehenden palästinensischen Nationalismus war. Orchestriert wurde dieser Aufstand unter anderem von ebenjenem Amin al-Husseini. Schon zuvor hatte er sich durch Hate Speech und Aufstachelung zu Gewalt gegen Juden einen entsprechenden Namen gemacht.
Als junger Mann war Al-Husseini einige Jahre zuvor von der britischen Mandatsmacht in Palästina eingesetzt worden: als politischer Führer für den arabischen Teil der Bevölkerung und als religiöser Führer der Muslime vor Ort. Er regierte mit Geschick und Gewalt und war in der gesamten Region gut vernetzt. In der palästinensischen Elite, der einfachen Bevölkerung sowie in den arabischen Nachbarstaaten gab es allerdings auch pragmatischen Widerspruch und Opposition gegen al-Husseini und seine Gefolgsleute. So etwa durch die politisch einflussreiche palästinensische Nashashibi-Großfamilie oder den Emir von Transjordanien (heute: Jordanien).
Die Haltung der Nationalsozialisten zur jüdischen Nationalbewegung, dem Zionismus, ist ein weiterer Aspekt, den Kistenmacher in seinem Essay streift (allerdings bleiben hier einige Fragen offen). Der NS-Chefideologe Alfred Rosenberg etwa polemisierte in typisch antisemitischer Manier gegen den Zionismus als einer zum Aufbau eines funktionierenden Staates vermeintlich unfähigen Bewegung. Die NS-Islampolitik wiederum zielte darauf ab, Muslime vor allem im Zweiten Weltkrieg eroberten Gebieten für die eigenen Zwecke einzuspannen. Wären die deutschen Truppen nicht 1942 von der britischen Armee in Ägypten geschlagen worden, dann hätten die Eroberungen wohl auch das Mandatsgebiet umfasst.
Amin al-Husseini war ab 1937 im Zuge der Arabischen Austandes untergetaucht. Nach Aufenthalten im Libanon, in Ägypten, dem Iran, Irak, der Türkei und in Italien kam er 1941 nach Deutschland. In Berlin, wo Husseini in einer arisierten Villa residierte, fanden Treffen mit Adolf Hitler statt. Al-Husseini wurde vom Nazi-Regime einige Jahre lang finanziell stattlich unterstützt. Er baute eine 20.000 Mann starke muslimische SS-Division für den Balkan auf, setzte sich während des Holocaust für die Blockade von Fluchtwegen für Juden aus Osteuropa ein und arbeitete als Sprecher für einen staatlichen Radiosender, der Nazipropaganda in verschiedenen Sprachen ausstrahlte.
Die größte Abteilung von „Radio Zeesen“ richtete sich an Araber, Türken, Perser und Inder. Al-Husseini wetterte in seinen Sendungen gegen den angeblich „jüdischen Einfluss“ auf die Politik Großbritanniens, der USA und der Sowjetunion. Er übernahm zudem die rassistische Sprache des nationalsozialistischen Antisemitismus und verband sie mit Hinweisen auf eine lange Tradition der Judenfeindschaft im Islam. Zu jeder Sendung gehörte die Rezitation von Koranversen. Dass die so gut dokumentiert sind, liegt vor allem an den Mitschriften des US-Geheimdienstes, der „Radio Zeesen“ abhörte.
Im Zuge der Befreiung durch die Alliierten wurde Al-Husseini festgenommen. Es gelang ihm aber, nach Kairo zu fliehen. Dort lebte er jahrelang unbehelligt, bevor er 1974 im Libanon starb. Al-Husseinis Einfluss auf die spätere palästinensische Nationalbewegung und den Panarabismus lässt Kistenmachers lesenswerter Essay leider etwas im Dunkeln. Allein über die Geschichte von Al-Husseinis NS-Kollaboration und den Arabischen Aufstand wird aber deutlich, wie bizarr es ist, den „palästinensischen Widerstand“ in toto zu romantisieren und ihm jegliche Mitverantwortung im langen Konflikt mit der jüdischen Nationalbewegung und ab 1948 mit dem Staat Israel abzusprechen.
