Sorgerechts-Drama bei der ARD

Kinder am Tablet

Symbolbild: 123rf

Mit einem zweiteiligen Fernsehfilm zum Thema Sorgerecht will die ARD ein Tabu brechen. Doch das Projekt verzögert sich – und ist bereits vor dem Dreh heftig umstritten. Es ist bereits die zweite Produktion zum Thema.

Es war ein stark polarisierender Film: 2019 brachte der Südwestrundfunk das in seinem Auftrag produzierte fiktive Drama „Weil Du mir gehörst“ ins Fernsehen. Die Väterrechtler-Szene, die seit Jahren den Begriff der „Eltern-Kind-Entfremdung“ in Debatten um das Sorgerecht getrenntlebender Eltern forciert, feierte die Ausstrahlung. Kritiker*innen dagegen monierten, dass die ARD einer unwissenschaftlichen These aufgesessen sei.

Dokumentation zum Fall „Block“

Nun plant die ARD einen „fiktionalen Zweiteiler“ mit ganz ähnlicher Stoßrichtung. Unter dem Arbeitstitel „Es geht um die Kinder“ will sie – die Federführung liegt diesmal beim NDR – erneut das „brisante und bislang im Fernsehen selten erzählte Thema“ der „dramatischen Folgen von Eltern-Kind-Entfremdung“ zum Thema machen. Als „Thriller-Drama“ kündigte die ARD das Projekt im August 2025 an. Es sei Bestandteil eines für 2026 vorgesehen „inhaltlichen Schwerpunkts“. Bestandteil dieses Schwerpunkts sollte auch eine dreiteilige Dokumentation zum Fall „Block“ sein. Die Hamburger Steakhaus-Erbin steht seit Juli 2025 unter dem Vorwurf der Entführung ihrer Kinder in Hamburg vor Gericht.

Das Jahr 2026 neigt sich langsam dem Ende zu. Und klar wird inzwischen, dass bei dem groß angekündigten Vorhaben der ARD etwas ins Holpern geraten ist. Auf Anfrage teilte die NDR-Unternehmenskommunikation vor wenigen Tagen mit: „Der Zweiteiler ist noch gar nicht abgedreht, die Ausstrahlung ist derzeit für Herbst 2027 geplant. Änderungen vorbehalten.“ Die Ankündigung vor mehr als einem Jahr sei „schlicht eine sehr frühe Prognose“ gewesen. Auch bezüglich dreiteiligen Block-Doku gibt es noch keine aktuellen Informationen zu einer anstehenden Ausstrahlung. Dass das Schwerpunktthema insgesamt auf der Kippe steht, bestreitet die ARD.

Drehbuch-Autorin von „Es geht um die Kinder“ soll wie bei „Weil Du mir gehörst“ Katrin Bühlig sein, die Produktion liegt erneut bei Simone Höller. Bühlig hatte sich 2019 juristisch bei einem Akteur beraten lassen, der mit der Väterrechtler-Lobby verbandelt ist: dem ehemaligen Cochemer Familienrichter Jürgen Rudolph, heute Rechtsanwalt. Er hatte die sogenannte „Cochemer Praxis“ geprägt. Ziel des umstrittenen Modelles ist es, die Eskalation von Elternstreitigkeiten nach der Trennung pauschal zu vermeiden.

Rudolph hatte den Film 2019 gefeiert. Wo Filme meist übertreiben würden, sei das nach Rudolphs Erfahrung nicht der Fall. „Dieser Streifen ist wie eine Blaupause“, zitierte ihn damals das Portal web.de. Drehbuch-Autorin Bühlig nannte ihren damaligen Film ein „echtes Herzensprojekt“, das von ihr beschriebene „systematische Manipulieren des Kindes durch einen Elternteil, damit es den anderen Elternteil aus seinem Leben verbannt“, sei „psychische Kindesmisshandlung“, erklärte sie vor sieben Jahren.

Der Bremer Kinderpsychologe Stefan Rücker – Berater unter anderem von Christina Block – lobte seinerzeit, dass sich die ARD des „hochsensiblen Themas“ angenommen habe.

Altbacken inszeniert

Die FAZ schrieb dagegen damals über den Film, er sei „altbacken inszeniert“, zeige „Elternrollen von vollkommener Eindimensionalität“. So ausführlich werde im Film Eltern-Kind-Entfremdung erläutert, „dass aus nachvollziehbarem Engagement simple Parteinahme wird“.

Nun plant die ARD eine Version 2.0 zum Thema? Negiert sie damit, was sich seither geklärt hat? Die Ankündigung aus dem vergangenen Jahr lässt das befürchten. Die Dynamik der Ablehnung eines einst geliebten Elternteils könne „sich in Angst, Wut, Panik bis zu offenem Hass äußern – mit schweren emotionalen Folgen für alle Beteiligten“, heißt es darin.

Wissenschaftlich wie juristisch ist das Konzept längst anders eingeordnet. Bereits 2023 hatte das Bundesverfassungsgericht beschlossen, das Konzept der Eltern-Kind-Entfremdung gelte als „überkommen und fachwissenschaftlich als widerlegt“, es „genügt als hinreichend tragfähige Grundlage für eine am Kindeswohl orientierte Entscheidung nicht“. Auch Fachanwältinnen wie Christina Clemm und Asha Hedayati thematisieren immer wieder, dass insbesondere Frauen unter dem Vorwurf der Bindungsintoleranz – ein Synonym für Eltern-Kind-Entfremdung – von der Justiz immer wieder die eigenen Kinder entrissen werden. „Oft genug werden Frauen gezwungen zu lügen, um den Kindern ein gutes Bild des Vaters zu lassen“, schreibt Clemm in ihrem neuen Buch „Ein ungehaltenes Plädoyer“.

Ob die Verschiebung der Ausstrahlung von „Es geht um die Kinder“ mit einer inhaltlichen Evaluation einhergeht, ist offen. Der Verein „Münsteraner Mamas“ kritisiert, wenn die ARD einen Zusammenhang zwischen elterlicher Beeinflussung und kindlicher Kontaktverweigerung in den Mittelpunkt rücke, übernehme sie eine monokausale und damit falsche Deutung. Der Verein fragt zudem, warum die ARD ihren Recherchefokus nicht darauf richte, welche Rolle häusliche Gewalt, Kindesmisshandlung und Zwangskontrolle in „hochstrittigen“ Sorge- und Umgangskonflikten spielen.

Die ARD-Produktionsfirma Degeto antwortete, die Diskussionen um Eltern-Kind-Entfremdung seien der Redaktion und dem Kreativteam bekannt. Die erste Ankündigung 2025 habe „die Komplexität des Stoffs nicht abbilden“ können. Und: Der Film vertrete „keine wissenschaftliche These“. Über Details der Stoffentwicklung, Dramaturgie und der Zusammenarbeit mit Berater*innen will Degeto aber nicht sprechen: „Über laufende Produktionen äußern wir uns grundsätzlich erst, wenn die redaktionelle Arbeit abgeschlossen ist.“

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