Antisemitismus in der Berichterstattung

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Mehr Analyse, kostenlos und unabhängig: Netzwerk Klimajournalismus starter neues Format. Collage: Petra Dressler

Eugen El, Autor der Jüdischen Allgemeinen, malt das Bild in den Raum, wie Journalisten seit 20 Jahren durch die Stürme der digitalen Welt getrieben werden. Der Druck sei enorm. Wie passend, geht es doch heute im Neven-DuMont-Verlagshaus in Köln genau darum. Die journalistische Fachtagung „Unter Druck? Medien & Antisemitismus im NS-Staat & heute“ bildet den Abschluss eines Forschungsprojekts das Anfang 2024 begonnen hat.

Das Projekt der Bildungsagenda NS-Unrecht hat durch den Terroranschlag der palästinensischen Hamas auf israelische Zivilisten am 7. Oktober 2023 zusätzliche Brisanz bekommen. Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und die Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V. sind die Träger des Projekts.

Worte wirken wie Gift

Ursprünglich ging es darum, aufzuzeigen, wie sich Antisemitismus seit dem Mittelalter teilweise offen, teilweise unterschwellig über Medien, Politik und Kultur in der jeweiligen Gesellschaft verankert hat. Der wütende Krieg zwischen Israel und den Palästinensern und die notwendige Berichterstattung darüber, zeigt die ganze Tragweite des Themas nahezu jeden Tag. Medien versuchen bei unsicherer Informationslage ein Abbild der Situation zu liefern.

Während der Fachtagung fällt das Zitat des deutschen Literaturwissenschaftlers Victor Klemperer: „Worte können wie winzige Arsendosen sein. Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu haben, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ Bezogen wird das Zitat auf die Medienschaffenden, die bei ihrem Versuch, die Kriegslage zu beurteilen, teilweise antisemitisches Gedankengut bedienen und somit normalisieren.

Den Teilnehmenden der Fachtagung geht es nicht um die kritische Beurteilung an sich, also der Kritik an der Kritik, egal auf welche Kriegsseite sie sich bezieht. Ihnen ist bewusst: Eine journalistische Einordnung der Geschehnisse ist komplex, gerade weil in der Historie des Nahost-Konflikts die Rollen des Aggressors und des Opfers regelmäßig wechselten. Aufgrund des nachvollziehbaren Wunsches einer eindeutigen Zuordnung neigen Medienschaffende dann zu Spekulationen. Diese führen in der Folge zu einer Emotionalisierung der öffentlichen Debatte.

Rote Linien werden täglich überschritten

Während der Podiumsdiskussion auf der Kölner Fachtagung verweist die Journalistin und freie Autorin, Esther Schapira, auf das jüdische Sprichwort: „Eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge.“ Für sie sind beim Thema Antisemitismus schon längst viel zu viele rote Linien in den öffentlichen Debatten überschritten worden. Marco Siegmund, Pressesprecher beim Bundesverband RIAS, der zentralen Meldestelle für antisemitische Vorfälle, unterfüttert den Eindruck mit Zahlen: „Über 8.000 Meldungen haben uns im vergangenen Jahr erreicht. Das sind mehr als 8.000 rote Linien, die überschritten worden sind.“

Unsensibler Sprachgebrauch & symbolhafte Berichterstattung

„Jüdische Studierende fühlen sich wegen ihrer Religion nicht nur bedroht, wie Medien die Bedrohungslage gerne kaschieren, sie werden tagtäglich bedroht“, betont Ron Dekel. Er ist Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland. Dieses Beispiel zeigt deutlich, die Kritik von Jüdinnen und Juden am unsensiblen Sprachgebrauch in vielen Berichten über die Situation von jüdischen Menschen in Deutschland. Laura Cazés ist freie Autorin und arbeitet bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Sie beobachtet eine Reduzierung der jüdischen Lebenswirklichkeit auf die Rollen als reiner Beobachter oder Opfer. „Das zeigt sich dann in einer symbolhaften Berichterstattung an Tagen wie dem 9. November oder 27. Januar und neuerdings eben dem 7. Oktober“, meint Eugen El von der Jüdischen Allgemeinen.

„Journalistinnen und Journalisten können nichts gegen Antisemitismus tun“, verweist Esther Schapira auf ein weiteres Problem, „denn dabei handelt es sich um ein Gefühl. Gegen Gefühle helfen keine Fakten.“ Stattdessen appelliert sie an Medienschaffende, die richtigen Fragen zu stellen und nicht immer mit einfachen Antworten daherzukommen, um dann die immer gleichen Geschichten zu erzählen.

Mehr Sensibilität gegen Antisemitismus

Damit liefert die Journalistin die Überleitung zum Fazit der Fachtagung und zu dem, was nach dem Ende des Forschungsprojekts bestehen bleiben soll. Maren van Norden von der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. wünscht sich mehr Sensibilität beim Erkennen antisemitischer Narrative. Damit Medienschaffende diese nicht unbedacht verbreiten, gibt es auf der Unter-Druck-Projektseite ein Lerntool. Dieses Tool liefert Journalist*innen  Hintergrundinformationen und soll sie sprachlich selbstbewusster für künftige Beiträge und Artikel machen.

Darüber hinaus haben die Projektverantwortlichen eine Wanderausstellung konzipiert. 16 thematische Tafeln und fünf Videostationen zeigen auf, wie Antisemitismus bis in unsere Gegenwart fortbesteht und eben nicht nur ein historisches Phänomen darstellt. Sämtliche Materialien können über die Unter-Druck-Webseite kostenlos angefordert werden. Zielgruppe wären insbesondere Redaktionen. Allerdings richtet sich das Angebot auch an andere interessierte Organisationen.

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