„Volle Portion für alle“ – mit großem Engagement wollen die Mitarbeitenden der tariflosen Tochtergesellschaften von Ostsee-Zeitung (Rostock) und Lübecker Nachrichten der Zweiklassen-Gesellschaft ein Ende bereiten. Die Redakteur*innen der Lübecker Nachrichten Media GmbH sind daher nun für zwei Tage in einen Warnstreik getreten.
Mit dem Streik am 7. und 8. April reagieren die Beschäftigten auf das unzureichende Angebot der Geschäftsführung im Rahmen der laufenden Haustarifverhandlungen.
Aber wie kam es dazu? Wenn die Geschäftsleitung einlädt, dann sollen Gewerkschaften draußen bleiben? Von wegen! Der mit viel Eigenlob zelebrierte „Tag der OZ“ bot für die gewerkschaftlichen Vertrauensleute der Ostsee-Zeitung die Gelegenheit, allen Kolleg*innen bewusst zu machen, dass die lautstark beschworene Geschlossenheit nur ein Slogan ist. Sie verteilten Beutel mit Schokolade, Flugblättern und anderem Material, um über den Stand der Haustarifverhandlungen zu informieren.
Bei der zwischen Grevesmühlen und Usedom erscheinenden Zeitung gibt es nämlich Journalist*innen erster und zweiter Klasse. Die „Alten“ sind bei der Ostsee-Zeitung GmbH & Co. KG beschäftigt. Sie ist Mitglied im Verband Zeitungsverlage und Digitalpublisher Norddeutschland (VZN) und damit tarifgebunden. Die „Jungen“ hingegen haben einen Arbeitsvertrag mit der MV Media GmbH & Co. KG (MVM) bekommen. Dabei handelt es sich um eine hundertprozentige Tochter der OZ, aber eben – bislang – tariflos.
Für Redakteur*innen der „Alt-OZ“ – Wochenarbeitszeit: 36,5 Stunden – gelten andere Schichtpläne als für die MVM-Kolleg*innen (40 Stunden/Woche). Vor allem aber werden sie für die gleiche Arbeit deutlich schlechter entlohnt – bis zu 30 Prozent beträgt das Minus.
Der Abstand hat sich mit dem jüngsten Tarifabschluss noch vergrößert. Denn während es in der Fläche gelungen ist, die Entwertung journalistischer Arbeit auszugleichen, gewährte die Geschäftsleitung für die MVM nur einen mageren Aufschlag von zwei Prozent nach jahrelangen Null-Runden.
Die ungleiche Behandlung führt auch bei den Lübecker Nachrichten (LN) zu Frust. Der entlud sich in einem Warnstreik, nachdem die Aufforderung zur Aufnahme von Verhandlungen zunächst abgelehnt hatte. Der Rückhalt unter den Mitarbeitenden mit Tarif ist groß: Als die „Tariflosen“ die Teilnahme an der Firmenweihnachtsfeier absagten, solidarisierten sich zahlreiche Kolleg*innen. OZ und LN gehören übrigens beide zur Mediengruppe Madsack. Größter Gesellschafter des Konzerns ist die SPD-Medienholding ddvg.
Mit ihrer Kampagne „Unser Land braucht seine Zeitungen. Qualität und Vielfalt sichern“ haben sich die dju in ver.di und der DJV als Akteure in der politischen Debatte etabliert. Daran knüpft die neue Plakatkampagne an, die – zunächst in der Rostocker Innenstadt rund um das OZ-Medienhaus – für die Forderung nach „voller Portion für alle“ wirbt: „Weil alle Kolleginnen und Kollegen der Ostsee-Zeitung einen Tarifvertrag verdienen!“
Die Ideen werden beim wöchentlichen Tarif-Update entwickelt. Immer donnerstags gibt es um 11:55 Uhr ein Treffen, an dem die Kolleg*innen der elf Außenstandorte teilnehmen können. Dass die Belegschaft hinter der Forderung steht, zeigt auch der steigende Organisationsgrad. Bei MVM wie LN-Media sind viele in die Gewerkschaft eingetreten, weil sie die Ungleichbehandlung beenden wollen. Und der Druck wirkt: bei der OZ bewegen die Verhandlungspartner langsam aufeinander zu und auch für LN Media haben Gespräche über einen Haustarif begonnen.

