„Regionaljournalismus – wichtiger denn je“ war das Forum der Initiative Qualität im Journalismus im Presseclub Nürnberg überschrieben. Die Initiative, bei der auch die dju in ver.di mitarbeitet, diskutierte über die in der Region besonders große Dichte von Privatradios, das Berichten über Rechtsextremismus und Deepfakes.
Nürnberg war die Stadt mit den meisten Morden der rechten Terrorgruppe NSU, erinnerte die Redakteurin der Nürnberger Nachrichten, Elke Graßer-Reitzner. Hier hatte es mit einem Blumenverkäufer angefangen, und hier hatte der damalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein, der den Erschossenen kannte, seinen Vermerk zur möglichen Täterschaft in der rechtsextremen Szene gemacht, was lange von den Ermittlungen außer Acht gelassen wurde.
Recherchen im rechten Milieu
In Nürnberg arbeiten Tageszeitung und Bayerischer Rundfunk in Fragen des Rechtsextremismus seit rund acht Jahren eng und vertrauensvoll zusammen, bestätigte Jonas Milleer vom BR. Es sei nicht leicht gewesen, in beiden Häusern den Konkurrenzgedanken bei diesem Thema zur Seite zu schieben. Vertrauen der Akteur*innen musste gegenseitig wachsen, jede Publikation wird von den Juristen der Häuser überprüft, die Rückendeckung in der Chefetage für diese Arbeit sei groß, berichten Miller und Graßer-Reitzner. Und sie konnten ein großes Netzwerk an Informant*innen aufbauen. Sonst wäre ihre Arbeit so nicht möglich, erklärten sie Moderatorin Mariana Friedrich, der Sprecherin von IQ.
Junge Kolleg*innen, die sich für das Thema interessieren, werden eng begleitet und beraten, denn ohne Folgen bleibt es nicht für die Rechercheur*innen. Veröffentlichungen zu ihrer Person und Warnungen vor Gesprächen mit ihnen in den Social Media seien noch die leichter verkraftbaren Umstände, aber es könne auch zum Sperren im Melderegister oder Umzügen, Tarnnamen, zerstochenen Reifen und abgefackelten Autos kommen, bemerkte Miller. Also eine Belastung bis in die Familien hinein für die engagierten Journalist*innen.

Dies versuche man, jungen Kolleg*innen vor ihrem Engagement deutlich zu machen. Viele Nachwuchskräfte in Zeitung und Sender entschieden sich dann, lieber eine „bunte“ und weniger gefährliche Berichterstattung vorzuziehen. Christian Mihr, politischer Geschäftsführer bei Reporter ohne Grenzen mit langjähriger Erfahrung sowohl bei ROG wie auch bei Amnesty International, betonte, dass es für freie Journalist*innen oft noch gefährlicher sei, in diesem Themenfeld zu arbeiten. Leider habe der – auch von der dju in ver.di mitangestoßen – Schutzkodex noch nicht so weite Verbreitung gefunden, wie erhofft. Dabei sorge ihn, dass die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Recherchen gegen Rechtsextremismus in der deutschen Gesellschaft eher abnehme.
Privatradio-Szene in Mittelfranken
Der Bayerische Rundfunk hat in Franken ein Sendegebiet, dass so groß ist wie das Bundesland Hessen, beschrieb Professor Markus Kaiser von der TH Nürnberg, Studiengang „Technikjournalismus“, zu Beginn der Diskussion über die lebhafte Privatradio-Szene in Mittelfranken. Der Bayerische Rundfunk habe für Franken rund 140 Mitarbeiter*innen, darunter 58 Korrespondent*innen, ganz überwiegend festangestellt, wie Kerstin Dornbach vom BR betonte. Diese liefern rund 3000 Stunden Radio und Fernsehen im Jahr. Dornbach betonte aber, die Aufgabe des BR sei nicht Lokal-, sondern Regionaljournalismus und die größere Klammer. So wolle man den örtlichen Zeitungen nicht dazwischenfunken, auch wenn der BR seit den 2020er Jahren deutlich „in die Fläche“ gegangen sei. Um das Geld dafür locker zu machen, versuche man im BR andere Sachen mit mehr ARD-Gemeinschaft zu regeln, wie Verwaltung oder Einkauf.
Nürnberg war ein Vorreiter des Privatradios, erklärte Kaiser und sprach mit Alexander Zeitelhack, „Urgestein“ des Privatradios seit den 1980er Jahren, und Florian Kerschner, Audio-Journalist, Podcaster, Radioberater und Moderator bei Radio Energy, laut Zeitelhack der einzige Privatsender der Region, der nicht an eine Tageszeitung angebunden ist. Bayern habe das erste Privatradio-Gesetz gehabt, so Zeitelhack. Die vielfältige Radioszene sei entstanden, weil der Nürnberger Verlag (Nürnberger Nachrichten, Nürnberger Zeitung) eine Monopolstellung habe aufbauen wollen. Da habe es „aus Protest plötzlich so viele Player gegeben, die sich alle gegenseitig nicht leiden konnten“. Vielfältiger sei der Radiomarkt nur in Hamburg und Berlin.
Wichtig sei, dass man den Zuhörer*innen konkrete Angebote mit klarem Format anbiete, Verlässliches, das trotzdem auch Überraschendes bieten könne. Nur mehr gute Laune und noch mehr Oldies als bei der Konkurrenz lasse niemanden auf den Anschaltknopf drücken. Man müsse Journalismus und den Markt im Sendegebiet zusammendenken, auch wenn die „Firewall“ zur Redaktion unbedingt einzuhalten sei, meinte Kerschner.
Alexandra Haderlein, Mitgründerin und Chefin der „Relevanz-Reporter“ berichtete von ihrem unabhängigen Blog und den vielen, gut besuchten Veranstaltungen, die eine Community geschaffen haben. Sie verständen sich als „partizipatives Medium“, mit einem niedrigschwelligen Angebot: „Eine Mischung aus Bibliothek und Lieblingskneipe“.
Bürgerräte als Treiber Lokaljournalismus
Um Bürgerräte als Treiber von Regional- und Lokaljournalismus ging es im Gespräch von Marlis Prinzing, Professorin an der Macromedia Hochschule Köln, mit Jens Schmitz, Journalist und Mitglied der Pressestiftung Baden-Württemberg. Dort habe es zwei Bürgerrat-Gremien gegeben, eines über alle Altersstufen hinweg und eines nur für junge Leute. Das Thema war „Wie sollen wir uns zukünftig informieren und austauschen?“, die Zusammenarbeit war lebhaft, „insgesamt eine tolle Erfahrung“, so Schmitz.
„Wie gehen lokale Medien mit Deepfakes um?“ fragte Professorin Beatrice Dernbach von der TH Nürnberg den Juristen Christian Rückert, Professor in Bayreuth, den Fotografen und Medienwissenschaftler Alexander Godulla, Professor in Leipzig, und Samim Faiz, Informatik-Doktorand an der TH Nürnberg und Mitarbeiter des US-Konzerns Accenture. Rückert betonte, dass die Gesetzgebung durch den bekannten Fall Fernandes/Ulmen plötzlich sehr an Fahrt aufgenommen habe, aber das Vertrauen in Fotos, Filme und Audioaufnahmen durch Fakes stark an Glaubwürdigkeit verloren hätten. Faiz betonte, dass es Tools zur Erkennung KI-gefakter Aufnahmen gebe, dass diese aber meist ihren Erkenntnisweg nicht preisgäben. Es gebe leider eine große Diskrepanz zwischen dem Willen, Videos mit KI zu fälschen und dem Bedarf, Videos daraufhin zu „detektieren“.
Godulla, der über den World Press Photo Award promoviert hat und selbst lange als Fotojournalist unterwegs war, berichtete, dass die Zeitungen schon früh bei der ersten Fotografie von Louis Daguerre 1843 verstanden hätten, dass Fotos ihre Publikationen bald prägen würden, auch wenn die Technik noch nicht zum Druck von Fotografien bereit war. Inzwischen seien die Fälschungsmöglichkeiten so fortgeschritten, dass auch die Vorschrift für den Fotopreis, nur ganze Fotostrecken einzureichen, nicht mehr vor Fakes schützen. „Hinken wir der Entwicklung immer hinterher?“, fragte Dernbach. „Von vor die Welle kommen“, könne leider keine Rede sein, „wir sind froh, wenn wir die Welle noch beobachten können“, sagte der Jurist Rückert.
„Wir werden uns beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk an die Kennzeichnungspflicht für KI-Bearbeitung halten“, sagte Kerstin Dornbach vom BR, „aber wann liefert der Einsatz von KI denn wirklich einen Mehrwert?“ Im Audiobereich sei man allerdings immer weniger in der Lage, KI-Anwendungen zu erkennen, so die BR-Journalistin zum Schluss.

