Leonardo Gómez Ponce hat ein halbes Jahr in Berlin mit einem Stipendium von Reporter ohne Grenzen verbracht. Dort hat er gelernt sich digital besser zu schützen. Zurück in Ecuadors Hauptstadt agiert der 41-jährige investigative Journalist vorsichtig, suggeriert in den sozialen Medien, dass er weiterhin im Ausland sei. Das schützt ihn bei der Recherche und in den sozialen Netzen.
Die Vorsicht von Gómez Ponce ist nachvollziehbar. Denn 2025 war ein verheerendes Jahr für Journalist*innen in Ecuador. Sechs Morde und Dutzende von Morddrohungen hat die Medienorganisation „Periodistas sin Cadenas“ dokumentiert.
Sonnenbrille, Baseballkappe oder eine Mütze gehören bei Leonardo Gómez Ponce zur Grundausstattung, wenn er vor die Tür geht. „Ja, hier in Quito bin ich genauso vorsichtig wie zuletzt in Esmeraldas auf Recherche“, sagt der 41-jährige, mittelgroße Mann mit den optimistisch funkelnden Augen. Esmeraldas heißt die Provinz ganz im Norden Ecuadors, die an Kolumbien grenzt und die bekannt ist für die Konflikte zwischen den Kartellen rund um den Schmuggel von Kokain. Dort war Gómez Ponce im April und Mai unterwegs und in den nächsten Wochen sollen dazu Beiträge auf „Tierra de Nadie“, erscheinen.
Kritischer Journalismus online
„Tierra de Nadie“, so viel wie Niemandsland, heißt das Portal, mit dem Gómez Ponce 2020 online ging, nachdem er mehr als ein Jahr an dem Konzept gefeilt hatte. „Wir wollen über die Strukturen hinter Korruption und zunehmender Gewalt in Ecuador berichten, aber eben nicht aus der Perspektive von Quito und Guayaquil, sondern aus der von Durán, Chone oder San Lorenzo“.
Die drei genannten Orte gehören zu den Hot Spots der Gewalt in Ecuador und dort war der ehemalige Wirtschaftsredakteur der Tageszeitung „La Hora“ in den letzten Jahren immer wieder im Einsatz. In Durán hat er die öffentlichen Ausgaben unter anderem für Wasser unter die Lupe genommen, ist dabei auf die Verbindungen zu den Kartellen gestoßen und hat mit seinen Recherchen, die auf „Tierra de Nadie“, aber auch in anderen Medien wie „Plan B“ veröffentlicht wurden, für viel Wirbel gesorgt.
Pause von der Bedrohung
Morddrohungen hat er, während der sich über vier Jahre hinziehenden Recherche zu den kriminellen Strukturen in Durán, immer wieder erhalten und mittlerweile gelernt sich besser zu schützen. „Dabei haben mir Reporter ohne Grenzen sehr geholfen. Sie haben mich im letzten Jahr für ein halbes Jahr nach Berlin eingeladen, wo ich gelernt habe mich besser digital zu schützen“, so der Journalist, der die Visite in der deutschen Hauptstadt auch genutzt hat, um Luft zu holen.
„Berlin war eine Pause von der latenten Bedrohung, denn die Stadt ist so sicher, dass ich nachts um drei noch vor die Tür gehen konnte – in Ecuador ist daran nichts zu denken“, erinnert sich Gómez Ponce und liefert den Grund dafür direkt im Anschluss. „In Deutschland gibt es einen Mord pro 100.000 Einwohner im Jahr, in Ecuador waren es 46 pro 100.000 Einwohner im gleichen Zeitraum. Nach 18 Uhr geht er deshalb nicht mehr auf die Straße und ist derzeit auch in den sozialen Medien kaum sichtbar. „Ich suggeriere, dass ich weiterhin im Ausland bin, poste hin und wieder auch alte Urlaubsfotos“, sagt er mit einem verschmitzten Grinsen. Das sorgt dafür, dafür, dass er deutlich weniger sichtbar ist und dass die Zahl der aggressiven Posts derzeit relativ niedrig bleibt.
Ein immenser Vorteil, denn so kann Gómez Ponce derzeit selbst relativ unbehelligt recherchieren, während die vier, fünf Kollegen, die für „Tierra de Nadie“ arbeiten die Beiträge liefern. Der letzte nimmt die prekäre Situation hinter Gittern unter die Lupe. In ecuadorianischen Haftanstalten starben im letzten Jahr im Schnitt drei Menschen pro Tag, so hat Karol E. Noroña in Interviews mit Menschenrechtsorganisationen und mit Angehörigen von Häftlingen recherchiert. Krankheiten, Hunger sowie Verbrechen hinter Gittern sind die wichtigsten Todesursachen und darauf will das Redaktionsteam um Gómez Ponce aufmerksam machen.
Förderung von Lokaljournalismus
Er ist hauptberuflich für „Tierra de Nadie“ im Einsatz, oft unter prekären Bedingungen und erhält hin und wieder Gelder für die Recherche von befreundeten Redaktionen wie „Plan B“ oder Medienorganisationen wie „Periodistas sin Cadenas“. Die haben ein Büro in Quito, erhalten ihre Mittel aus der internationalen Entwicklungskooperation und legen Wert auf die Förderung vom Lokaljournalismus und die Recherche vor Ort in Mittel- und Kleinstädten. „Die Regionen, wo es keine Berichterstattung mehr gibt, selbst der Facebook-Kanal wegen Bedrohung heruntergefahren wird, dehnen sich aus“, sagt Susana Morán, Direktorin von „Periodistas sin Cadenas“. „Zonas silenciados“, so viel wie zum Schweigen gebrachte Zonen, heißen die. Mit Kursangeboten, psychologischer Hilfe für Kolleg*innen, die bedroht wurden oder werden, aber eben auch mit der Förderung von Reporter*innen wie denen von „Tierra de Nadie“ versucht die Organisation gegenzuhalten.
Alles andere als einfach in einem Land, wo im vergangenen Jahr sechs Kollegen ermordet wurden, so Morán. Sie macht dafür auch die Regierung verantwortlich, die zu wenig für den Schutz der Reporter*innen in Ecuador tue. Dass bestätigen auch Reporter ohne Grenzen, das Ecuador auf Platz 125 im Ranking der Pressefreiheit führt – Tendenz sinkend.

