Die Series Mania in Lille ist wohl eines der wichtigsten Serienfestivals weltweit. In diesem Jahr fiel auf: Viele der der neuesten Produktionen befassten sich mit den Themen Totalitarismus und Unterdrückung – vermutlich auch eine Reaktion auf das, was viele Menschen im Moment bewegt.
So wurde die Veranstaltung in Nordfrankreich mit einer Aufführung von „The Testaments“ eröffnet. Die neue Disney-Serie ist eine Fortsetzung von „The Handmaid’s Tale: Der Report der Magd“. Angelehnt an Margaret Atwoods Romanvorlage wird eine Coming-of-Age-Geschichte von zwei jungen Frauen erzählt, die „mit brutalem Gehorsam und göttlicher Rechtfertigung auf das Leben als zukünftige Ehefrauen vorbereitet werden“, wie es im Pressetext heißt. Eine Geschichte also, die viele Parallelen zu Vorgängen in einer Gegenwart zulässt, in der überall auf der Welt totalitäre Regime auf dem Vormarsch sind, die auch Druck auf die Kulturschaffenden ausüben? Gefragt danach, ob die Situation in den Vereinigen Staaten den Zehnteiler noch aktueller macht, etwa durch die Förderung konservativer Rollenbilder durch die derzeitige Regierung, antwortete der Autor Bruce Miller auf der Pressekonferenz in Nordfrankreich eher ausweichend: „Nein, es geht um die Unterdrückung von Frauen, und das war schon immer ein aktuelles Thema.“
Auffällig für Festivaldirektorin Larence Herszberg jedenfalls war, dass in diesem Jahr weniger US-Serien vertreten waren: „Die Zukunft wird zeigen, ob die Amerikaner weniger daran interessiert sein werden, ambitionierte und anspruchsvolle Shows zu produzieren – damit meine ich nicht die Produktionsqualität, sondern den Anspruch der Geschichten.
Kreativität kommt aus Europa
Der Trend schließlich, der sich bereits letztes Jahr abzeichnete, so die Series Mania-Chefin, habe nun noch deutlicher gezeigt, dass die Kreativität aus Europa komme, vielleicht weil anderswo Repressalien drohten. Als einen der herausragendsten Beiträge in Lille verwies sie dabei auf „Prisoner 951“. Inspiriert von einer wahren Begebenheit, erzählt das an Tatsachen angelehnte britische Drama die Geschichte von Nazanin Zaghari-Ratcliffe, einer britisch-iranischen Staatsbürgerin (Narges Rashidi), die 2016 während einer Familienreise in den Iran ohne ersichtlichen Grund von den Revolutionsgarden verhaftet wurde, während sich ihr Ehemann (Joseph Fiennes) jahrelang um die Freilassung seiner Frau bemüht.
„Dass die Demokratie manchmal am seidenen Faden hängt, das zeigt auch der spanische Politthriller ‚Anatomy of a Moment‘“, so die Festivaldirektorin weiter. Die „meisterhafte Adaption“ von Javier Cercas’ gleichnamigen Sachbuchroman beschreibe den gescheiterten Staatsstreich durch Militärs von 1981 in Spanien mit „chirurgischer Präzision“ und sei ein bedeutender Beitrag angesichts der Bedrohung demokratischer Systeme durch totalitaristische Strömungen weltweit.
Für Aufmerksamkeit sorgte auf der Series Mania auch „Etty“. In dem Sechsteiler geht es um die reale Person Etty Hillesum, die in Amsterdam lebte und in Auschwitz ermordet wurde. Ihre Tagebücher, die erst 40 Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht wurden und sich weltweit millionenfach verkauften, bildeten die Basis für die Verfilmung. Der israelische Regisseur und Autor Hagai Levi wollte aber keine Holocaust-, sondern eine universelle Geschichte erzählen, betonte er gegenüber der dpa: „Daher haben wir die Handlung in die heutige Zeit versetzt, weil es die Menschen überall ansprechen soll, beispielsweise auch in Israel, wo es diese präfaschistischen Strömungen gibt.“ Einem der Schauspieler, Sebastian Koch, war es ein wichtiges Anliegen, bei „Etty“ mitzuwirken, wie er betonte: „Es geht darum zu beschreiben, was unmenschliche Systeme mit uns machen, ob und welche Wahlmöglichkeiten wir haben, uns in solchen Systemen zu verhalten.“ Koch zeigte sich mit Blick auf Länder wie Ungarn, Italien oder den USA, in denen starke faschistoide Züge sichtbar würden, nachdenklich: „Umso wichtiger sind solche Stoffe wie ‚Etty‘.“ Die niederländisch-deutsch-französische Koproduktion wird bei uns im Mai auf arte und später bei der ARD zu sehen sein.
Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen
Ein weiteres Beispiel für den Trend ist auch „All Heroes Are Bastards“. Auch hier geht es um Menschen, die zu den Verlierern der Gesellschaft werden, weil Mächtige sie unterdrücken. Die deutsche „Fantasy“ – Dramaserie, die bereits auf der Berlinale Premiere hatte, erzählt die Geschichte von drei migrantischen Außenseitern, die Superkräfte erhalten und nun gegen ein totalitäres System kämpfen könnten. Unterstützt wurde der Sechsteiler von der Film und Medienstiftung NRW. Deren Geschäftsführer Walid Nakschbandi ist sich sicher, dass genau solche Erzählungen unverzichtbar seien und noch mehr gefördert werden müssen: „Denn Sie erweitern den gesellschaftlichen Blick, fördern Empathie und ermöglichen eine differenziertere Auseinandersetzung mit Fragen von Zugehörigkeit, Identität und Zusammenleben.“ Als „Person mit eigener Migrationserfahrung“ seien ihm diese Themen sowieso „ein besonderes Anliegen“.
Auf der Series Mania zeigte sich jedenfalls nicht nur in der Sicht von Herszberg, dass Europa als Raum für ambitionierte Projekte immer wichtiger wird. Das haben auch die Geschäftsführer des vor kurzem von den MMC-Studios gegründete Tochterunternehmens Peak Point Pictures festgestellt: „Wir werden relevante Stoffe für den europäischen Markt mit europäischen Stoffen entwickeln, auch mit Blick auf jüngere Zielgruppen“, kündigten sie an. Zurzeit bereiten die Kölner eine internationale Serie über einen Spionagering während des Zweiten Weltkriegs vor: „Erzählt aus weiblicher Sicht.“

