Fernsehen auf 0 und 1

Die Mitte der 90er Jahre begonnene Digitalisierung der elektro­nischen Medien betraf zunächst vor allem die Übertragungswege. Heute werden alle Fernseh- und Hörfunkprogramme der ARD und der Landesrundfunkanstalten digital verbreitet. Inzwischen wurde auch die Produktion des Rundfunks von der Digitalisierungswelle erfasst. Während diese Umstellung im Hörfunk der ARD schon so gut wie abgeschlossen ist, hat das Fernsehen noch alle Hände voll zu tun. So fiel kurz vor Jahresende bei ARD-aktuell in Hamburg der Startschuss für den vollständigen Übergang auf digitale Produktionstechnik. Berufsbilder und Beschäftigung in der Fernsehproduktion erfahren dabei revolutionäre Veränderungen.

Das Bild einer vermutlich jüngeren Frau mit langem, dunklen Haar, vor himmelblauem Hintergrund, aufgerastert in grobe Pixelpunkte, hinterlegt mit vielen Ziffern 0 und 1 – das ist das Titelbild des Jahrbuchs 06 der ARD. Das Motto auf der ersten Seite des PR-Buches: „Die Zukunft ist heute – hören und sehen digital“.
Wer im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf sich hält, hat sich mittlerweile mehr „draufgeschafft“ als solche plakativen Unsinnsbehauptungen. Die öffent­liche Aufmerksamkeit richtet sich, kaum verwunderlich, bei diesem Stichwort auf die digitale Verbreitung von Programm. Auf dem heimischen Empfangsgerät, sei es Fernseher mit Plasmabildschirm, Handheld oder Laptop mit Internetanschluss, kommen durch die Luft oder durch Kabel digitale Signale an. DVB-T, DVB-H, Digisat, IP-TV und Podcasting lassen grüßen, und je länger die „Experten“ über diese Entwicklungen reden, um so mehr beweisen sie die alte Erkenntnis: Vorhersagen sind schwierig, vor allem, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen.
Digitalisierung des Rundfunks – das bedeutet die Umwandlung von Text, Bild und Ton in binäre Codes, alles wird zur 0 oder 1 im Rechner, das heißt: Strom fließt oder: Strom fließt nicht. Wer beim Fernsehen arbeitet, hat schon jetzt oder in nicht zu ferner Zukunft nicht mehr mit Magnetbändern oder Papier zu tun, sondern mit elektronischen Dateien, zum Beispiel audiovisuellen Files, die nach Aufnahme zur weiteren Bearbeitung und Sendung auf Server gelegt werden. Auf diese Rechner kann direkt zugreifen, wer über eine Leitung zu ihm verfügt und zugriffsberechtigt ist. Die Produktionsmittel und Speichermedien werden umfassend miteinander vernetzt. Doch was auf den ersten Blick wie ein bloßer Technikersatz wirkt, hat nachhaltige Wirkung auf fast alle Menschen, die beim Fernsehen arbeiten. Ob Redakteur oder Autorin, Kamerafrau oder Cutter, Studiotechnikerin oder Ingenieur auf einem Übertragungswagen.

Qualitätsdebatten notwendig

Es ist dringend an der Zeit, eine organisierte gewerkschaftliche Diskussion da­rüber zu führen, wie wir als Beschäftigte, Tarifpartei oder Personalräte eigentlich auf das Produzieren und Archivieren in Bits and Bytes antworten. Spätestens, seit ARD-aktuell in Hamburg verkündet, die Digitalisierung sei bei ihnen vollzogen, Tagesschau & Co. arbeiteten filebasiert und vernetzt (die eigentlichen Schlüsselbegriffe der digitalen Produktion in den Funkhäusern), ist klar: die analoge Technik für die Produktion und Archivierung von Fernsehen kommt erheblich schneller ans Ende, als beim ruckeligen Beginn der Fernsehdigitalisierung mit Fehlversuchen, Inkompatibilitäten eingesetzter Sys­teme, geplatzten Lieferantenversprechen, „merkwürdigen“ Investitionsentscheidungen zu erwarten war. Digitalen Vollzug melden auch Landesfunkhäuser, die Sportschau oder das Morgenmagazin der ARD. Dass da hier und da noch angegeben wird, hybrid mit analoger und digitaler Technik gearbeitet wird, nicht alles klappt, spielt keine große Rolle. Was beim Hörfunk – abgesehen von einer noch ausstehenden flächendeckenden Einführung brauch­barer Archivsysteme – rund zehn Jahre dauerte, wird entgegen den frühen Erwartungen beim Fernsehen wohl kaum länger brauchen.
Und längst sind wir als ver.dianer in den einzelnen Senderverbänden beinahe täglich mit Fragen der Umstellung auf digitale Produktionstechnik und digitale Speicher befasst. Was ist mit dem Videojournalisten (S. 10), der frei nach dem Motto „eierlegende Wollmilchsau“ recher­chiert, interviewt, aufnimmt, am Laptop schneidet und mischt? Setzt sich sein Ein­satz durch, wenn ja, in welchen Formen, wollen oder können wir ihn regulieren, können und wollen wir uns hier in Quali­täts- und Qalifikationsdebatten einmischen, müssen wir über Eigenproduktionszuschläge seine Honorierung tarifieren, was ist da zu fordern, können und sollen Personalräte solche klassischen Vergütungsfragen wie Lohnhöhen durch Dienstvereinbarungen ersetzen? Im WDR zum Beispiel werden wir voraussichtlich Eigenproduktionszuschläge vereinbaren, wie es sie schon beim Hörfunk und vom Modell her für kurze Nachrichtenfilme gibt, auch für längere Formate vereinbaren. Natürlich im Tarifvertrag. Aber damit sind alle weiteren Fragen nach Qualitätssicherung, Ausbildungsregeln, Folgen auf andere Gewerke nicht beantwortet.

Verträge noch tauglich?

Solche Aufgaben am Beispiel eines einzigen, bisher kaum zufriedenstellend regulierten Berufsbildes stellen sich überall. Wie nehmen wir Einfluss auf die Entwicklung der Berufsbilder von Kamera­leuten und Cuttern, wie bekämpfen wir krank machende Arbeitsverdichtungen, die durch den Wegfall bisheriger Übergangs- Wandlungs- und Bearbeitungsprozesse entstehen? Wie ist die Qualifikation eines gelernten Sendetechnikers zu bewerten, der die Systemadministration für ein digitalisiertes Studio übernimmt? Müssen wir nicht dringend, so vorhanden, Rationalisierungsschutzverträge aus den Ecken holen und auf ihre Tauglichkeit für diese neuen Entwicklungen abklopfen? Ist das Gefüge unserer Vergütungstarif­verträge aus Tätigkeitsbezeichnungen, Benennung formaler Qualifikationsvoraussetzungen und entsprechender Vergütungsgruppen zukunftstauglich, reicht das bloße Auffüllen mit neuen Berufsbezeichnungen, so wir es überhaupt durchsetzen können?
Sicherlich – von Gewerkschaftsexperten sind welche dabei und leisten gewiss gute Arbeit, wenn gerade mal zehn Jahre nach Einführung der damals neue Aus­bildungsgang zum Mediengestalter Bild und Ton erneut und nachhaltig verändert wird. Und solche Felder, wo sich die Kolleginnen und Kollegen auf hohem Niveau um eine sinnvolle Gestaltung bemühen, gibt es reihenweise. Doch das reicht nicht, wir müssen unsere Meinungsbildung und unser Vorgehen vereinheitlichen und koordinieren. Irgendwo in verstaubten Tiefen meines Regals habe ich jüngst zwei vergilbte, dicke Taschenbücher von Mitte der 60er gefunden: Dokumente einer groß angelegten internationalen Tagung der IG Metall mit dem Titel: „Automation – Risiko und Chance. Über Rationalisierung, Automatisierung und technischen Fortschritt“. Eine ganze Nummer kleiner, von ver.di, zum skizzierten Gegenstand und möglichst bald – das fände ich schon richtig gut.

Der Autor ist stellv. Personalratsvor­sitzender beim WDR und dort Sprecher des Tarifausschusses der Fachgruppe RFAV in ver.di.

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