Ohne neue Stellen

Sparen und digital wachsen: DuMont fädelt Medienhaus neu auf

Die Herausgabe der jugendlichen Tageszeitung „Xtra”, mit der M. DuMontSchauberg (MDS) gerade überrascht, passt nicht recht zum Trend. Investiert die Kölner Mediengruppe doch aktuell eher nicht in Print. Verkündet ist eine „digitale Transformation”. Sie geht einher mit einem Sparkurs: Das Unternehmen zerstückeln, anders bündeln, Kosten senken, Tarife weiter aushebeln und Beschäftigte maximal belasten, bedeutet das bei MDS Ende September verkündeten Zukunftsprogramms „Perspektive Wachstum” im Klartext.

Foto: Stephan Otten
Foto: Stephan Otten

Bislang erfuhren Belegschaften und Betriebsräte weder Details noch belastbare Zahlen, aber so viel scheint sicher: Nachdem die Auslagerung und Zentralisierung von Querschnittsbereichen – Management, Personal, Rechnungswesen, Service, Archive, Callcenter – im Imperium läuft, zerlegt man nun die verbleibenden Einheiten weiter, gründet regionale Medienhäuser in Köln, Berlin, Hamburg und Halle /Saale.

Hamburg

In Hamburg (Hamburger Morgenpost), soll das dazu führen, dass die größte verbleibende Verlagseinheit noch neun Mitarbeiter umfasst. Bei der Morgenpost sind mindestens zehn Kündigungen bereits angekündigt, zehn Prozent der Belegschaft wären betroffen. Der Hamburger Betriebsrat will stattdessen Vorschläge zur Weiterbeschäftigung machen und kritisiert „Irrsinn” in der geplanten Content-Strategie: Verlag und Redaktion der Morgenpost sollen dem Vernehmen nach 0,5 Mio. Euro einsparen, im Gegenzug aber fast so viel für Digitaldienstleistungen zusätzlich an die MDS-Tochter DuMont Net zahlen. Rechne man die Kosten für den mittlerweile in Halle/Saale zentralisierten Anzeigenservice MZ Dialog hinzu, „überstiegen die Kosten den geforderten Einsparbetrag”.

Berlin

Der traditionsreiche Berliner Verlag (Berliner Zeitung, Berliner Kurier) hört mit dem aktuellen Sparprogramm quasi auf zu bestehen. Die hauptstädtischen Tageszeitungen werden künftig in zwei eigenen Redaktions-GmbH gemacht; Vertrieb und Marketing mit 17 Beschäftigten sollen in eine weitere tariflose Gesellschaft ausgelagert werden. Die Einzelfirmen sollen sich am Berliner Alexanderplatz wie eine „Perlenkette” reihen. Betriebsratsvorsitzende Renate Gensch kritisiert das als „reines Sparprogramm” und rechnet perspektivisch mit weiteren Stellenkürzungen. Außerdem verweist sie auf Konsequenzen für Mitbestimmungsstrukturen, wenn immer weiter zergliedert wird. „Ob dennoch ein Gemeinschaftsbetrieb vorliegt, wurde uns bisher nicht beantwortet.”

Köln

Das Kölner Mutterhaus (Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau, EXPRESS) würde durch die Ausgliederung des Druckhauses mit etwa 300 Beschäftigten fast halbiert. Alle vier MDS-Druckereien sollen künftig unter dem Dach einer DuMont Druck-Holding zusammengefasst werden. Auch im Verlagsbereich rechnet der Kölner Betriebsrat mit weiterem Personalabbau. Die Herausgabe detaillierter Informationen hat er jetzt per Einstweiliger Verfügung durchgesetzt.

Alle Umfirmierungen sollen noch bis Jahresende über die Bühne, parallel läuft die „digitale Transformation” der MDS-Zeitungsmarken an. 20 Mio. Euro sollen dafür fließen, allerdings wohl überwiegend in IT-Systeme für Anzeigen und Vertrieb. Statt weiter mit dem „Printkopf” zu denken, sollen die Journalisten den Lesern und Usern künftig Nutzwert auf verschiedenen Kanälen liefern, so die Forderung. Die Verzahnung in der digitalen Medienwelt – mobil, Web, App, Video und Print – bedeute Veränderungen in Arbeitsorganisation und Produktionsstruktur, „ohne neue Stellen zu schaffen”. Bis Ende 2016 werde ein Großteil der festen und freien Schreiber „im Sinne einer konvergenten Redaktion unter den kanalspezifischen Maßgaben” an der Herstellung digitaler Produkte arbeiten, so die Zielstellung. Crossmediale Schulungen sind bisher eher für ausgewählte Beschäftigte angekündigt. In einer „Analyse- und Konzeptphase” sollen der Kölner Express und die Mitteldeutsche Zeitung in Halle/Saale bis Mitte 2015 als Modelle dienen. In der Redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers hörte man von Szenarien, wonach die Printausgabe perspektivisch von noch sechs Redakteuren gestemmt werden soll, die zudem Dienstzeiten von 6 bis 24 Uhr abdecken sollen.
ver.di-Vize Frank Werneke kritisiert den „Schlingerkurs zulasten der Beschäftigten”, das Fehlen einer überzeugenden Strategie sowie die Gefahr weiterer Tarifflucht. Der Berliner Betriebsrat macht klar, dass das Medienhaus momentan noch 85 Prozent seiner Erlöse mit Print erziele, ganze zwei Prozent mit Online. Eine perspektivische Verschiebung der Gewichte dürfe nicht „mit einem Verlust der Qualität bei den Print-Produkten erkauft” werden. „Damit es dem Unternehmen irgendwann wieder besser geht, sollen die Beschäftigten hier und heute Verschlechterungen in Kauf nehmen”, bemängeln die Interessenvertreter der Konzernstandorte in einer gemeinsamen Erklärung (http://koeln.verdi.de/branchen-und-berufe/medien-kunst-und-industrie/dumont-schauberg). Sie fordern Verzicht auf betriebsbedingter Kündigungen und den Abschluss von Sozialplänen. Und übrigens: die hippe Kölner Werktagszeitung für junges Publikum soll von einem Redaktionsteam gemacht werden, das überwiegend aus Volontären und einem Netz freier Mitarbeiter besteht. Passt also doch ins Bild.

nach oben

weiterlesen

Kinorebellen gründen Genossenschaft

„Rettet das Colosseum“ war die Losung, hinter der sich seit Schließung des traditionsreichen Lichtspielhauses an der hauptstädtischen Schönhauser Allee nicht nur frühere Beschäftigte, sondern auch eine breite Kiezöffentlichkeit versammeln. Um den zwangsweise verwaisten Kino- und Kulturstandort zu erhalten, mit neuem Konzept zu betreiben und ihn vor der Umwandlung in einen weiteren Bürokomplex zu schützen, hat sich jetzt die Genossenschaft „Colosseum – UnserKINO eG“ gegründet.
mehr »

Neue Publik-Chefin

Maria Kniesburges war seit 2007 Chefredakteurin der ver.di publik und der ver.di news. 14 Jahre lang prägte sie die ver.di-Medienlandschaft. Jetzt ist sie in den Ruhestand gegangen. Ihre Nachfolgerin Petra Welzel ist seit dem 1. September im Amt. Die Kunsthistorikerin und Journalistin hat mehr als 30 Jahre journalistische Erfahrung. Seit ver.di-Gründung ist sie Chefin vom Dienst der ver.di publik, mittlerweile auch für verdi.de und verdi.tv. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich die ver.di-Medien weiterentwickelt haben und den Herausforderungen der Gegenwart mit ihren zahlreichen Kommunikationskanälen gerecht werden. Denn die Ansprüche an Kommunikation haben sich seit der…
mehr »

Abschied von Fritz Wolf

Wir trauern um unseren Autoren Fritz Wolf. Er starb am 29. August im Alter von 74 Jahren nach schwerer Krankheit. Sein Thema war der Dokumentarfilm. Kritisch benannte Wolf immer wieder die mangelnde Wertschätzung dieses Filmgenres, die sich unter anderem in zu wenig und zu späten Sendezeiten im Fernsehen sowie in nicht ausreichender Förderung manifestierte. Mit so manchem Filmtipp in M verschaffte er einer Doku mehr Aufmerksamkeit, regte an, sie zu schauen. Fritz Wolf war auch Autor für epd medien, verfasste verschiedene Studien und war viele Jahre aktiv in Gremien des Grimme-Preises. Wir werden ihn vermissen.    
mehr »

Fairnesspreis für‘s Brücken bauen

Regisseur Henning Backhaus wurde am 3. September für seinen Kurzfilm „Das beste Orchester der Welt“ mit dem Deutschen Fairnesspreis Film und Fernsehen geehrt. „Brücken bauen“ war 2021 das Motto des von der ver.di FilmUnion und dem Schauspielverband BFFS seit 2019 gemeinsam ausgelobten Preises. Er wurde neben acht Kategorien und weiteren Spezialpreisen im Rahmen der Verleihung des Deutschen Schauspielpreises im Berliner Club Spindler&Klatt vergeben. Partner war in diesem Jahr das „Projekt Zukunft“, eine Initiative der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Im ausgezeichneten Film geht es um einen Kontrabassisten – eine Socke, Ingbert Socke! Bei…
mehr »