Lübecker Filmtage: „Nordisch by Nature“

Fulldome 360° Kino während der Nordischen Filmtage in Lübeck
Foto: NFL

Kein anderer Titel als der Fettes Brot-Hit „Nordisch by Nature“ dürfte treffender für die Nordischen Filmtage in Lübeck sein, die nach fünf umtriebigen Tagen zu Ende gegangen sind. Das Festival feierte seine mittlerweile 59. Auflage und hat sich seit Jahren zur bedeutendsten Werkschau für skandinavische und baltische Filme in Europa entwickelt. DGB und ver.di FilmUnion sind mit von der Partie.

Am Ende gab es wieder Filmpreise in gleich acht verschiedenen Kategorien, die mit insgesamt 40500 Euro dotiert waren. Der Fokus liegt bei solchen Festivals am Ende naturgemäß bei den Siegern, doch auch das Begleitprogramm ist stets eine spannende Angelegenheit, insbesondere wenn Filmschaffende und Besucher sich ins Gespräch begeben, Anbieter und Rezipient also direkt aufeinander treffen.

Dokumentarfilmerin Elina Hirvonen
Foto: Mouka Filmi

Auch die Gewerkschaften in Lübeck sind dabei zum festen Bestandteil der etablierten Veranstaltung geworden. In ihrem Namen wird ein Dokumentarfilm ausgezeichnet, dessen Inhalt sich gesellschaftspolitisch besonders engagiert zeigt. 2500 Euro bekommt der Preisträger. In diesem Jahr ist dies die finnische Produktion „Siedepunkt“ von Elina Hirvonen. Der Dokumentarfilmpreis wurde 1997 anlässlich des 100-jährigen Bestehens der IG Metall Lübeck erstmals von der Spartengewerkschaft gestiftet. Seit 2004 verleihen die Lübecker DGB-Gewerkschaften gemeinsam die „Dokumentarfilm-Krone“.

Filmstill „The Bolling point“ (Siedepunkt/Kiehumispiste) vom DGB ausgezeichnet Foto: Mouka Filmi

Abseits der Wettbewerbsbeiträge stand die Deutschlandpremiere des schwedischen Streifens „Citizen Schein“ besonders im Blickpunkt. Der 100-minütige Beitrag skizziert mit vielen Zeitzeugeninterviews die Lebensgeschichte einer der wohl schillerndsten Persönlichkeiten der schwedischen Filmgeschichte, den Wegbereiter des Schwedischen Filminstituts Harry Schein (1924 – 2006), der als Institutschef seinerzeit selbst mehrere Male Gast bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck war und sich gerne zwischen aufstrebender Karriere mit teils narzisstischen Dandy-Allüren und als gescheiterte Persönlichkeit ins Bild setzte.

Im Zusammenhang mit der Doku gab es auch ein Filmgespräch mit den beiden Regisseurinnen Kersti Grunditz Brennan und Jannike Ahlund sowie der Produzentin Rebecka Hamberger in der Reihe Masterclass Dokumentarfilm unter dem Gesichtspunkt „Lebendige Geschichte“. Unterstützt wurde die lebhafte Diskussion mit erklärenden Inputs und Filmclips der beiden Regisseurinnen über das Making of des Streifens und den verantwortungsvollen, aber auch sehr aufwändigen und selektiven Umgang mit beinahe unzähligem Archivmaterial erstmals von der ver.di FilmUnion Nord. Vielfach ging es bei dem Austausch um inhaltliche und dramaturgische Fragen, etwa über die Rolle der Musik und den Spannungsaufbau, aber auch um den Faktor Emotionen bei Zusammenstellung von Bild und Ton. Und auch übers Geld wurde geredet, als Hamberger verriet, dass der im März in die schwedischen Kinos gekommene Film summa summarum 400 000 Euro gekostet habe und davon für den Bereich Archivmaterial 50 000 Euro ausgegeben wurden. Vor Lübeck lief der Streifen in diesem Sommer bereits beim Jewish Filmfestival in San Francisco. Unter den Zuhörern weilte unter anderem auch Hauke Wendler, dessen Film „Deportation Class“ im Frühjahr den mit 1000 Euro dotierten Dokumentarfilmpreis beim Filmfest Schleswig-Holstein gewann, der unter anderem von der FilmUnion Nord vergeben wurde. Am 5. Dezember ab Mitternacht wird Wendlers preisgekröntes Werk noch einmal  im NDR zu sehen sein. Am 8. Dezember startet der DVD-Verkauf.

Filmstill „Deportation Class“ von Hauke Wendler lief im vorigen Jahr auch bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck im Programm
Foto: PIER 53

„Ich hätte mir gewünscht, wir hätten uns noch ein wenig mehr über die Produktionsbedingungen unterhalten“, sagt Regine Smarsly, eines von drei Vorstandsmitgliedern bei der FilmUnion Nord, die regional die Interessen für Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen abdeckt. „Solch ein Festival wie hier in Lübeck ist eine erstklassige Kontaktbörse gerade zu unseren Kolleginnen und Kollegen in den nordischen Nachbarstaaten“, lobt Smarsly die trotz ihrer Größe doch familiär gebliebenen Filmtage, die seit 1971 in städtischer Trägerschaft ausgerichtet werden. Smarsly nutzte jedenfalls viele Smalltalks, um über die international tätige Organisation Women In Film And Television (WIFT) zu informieren.

Auf 17 Leinwänden in der Stadt wurden diesmal so viele Filme gezeigt wie bislang noch nie zuvor: 195! Auch die Zahl der Vorführungen ist mit 266 ein trefflicher Leistungsnachweis. Belohnt wurde das bunte Filmspektakel durch rund 33 000 Besucher. Und die 60. Auflage im nächsten Jahr orientiert sich noch einmal an einer neuen Superlative: Erstmals werden die Nordischen Filmtage dann sechs Tage dauern. Dafür können sich alle Interessierten bereits jetzt den Termin 30. Oktober bis 4. November notieren.

 

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