Buchtipp: Im Fadenkreuz der Mafia

Asaf Hanuka: I‘m still alive. Im Fadenkreuz der Mafia. Cross Cult

Wie ergeht es einem weltweit bekannten Enthüllungsautor, der italienische Mafia-Kreise exponiert? Wie lebt er und welche Reaktionen erfährt er? Welchen Bedrohungen sieht sich kritischer Journalismus bisweilen nicht nur etwa in Lateinamerika oder Russland, sondern auch in Italien ausgesetzt? Diesen selten behandelten Fragen geht nun ein Comic nach, der das traurige Schicksal des Journalisten Roberto Saviano aus Neapel schildert.

Als Roberto Saviano gerade einmal 26 Jahre alt war, sagte der italienische Staat ihm: Du gehst jetzt nicht mehr nach Hause, sondern führst ab sofort ein Leben unter Polizeischutz an unbekannten Orten. Es begann ein Ernst des Lebens, den sich kaum ein Mensch ausmalen kann. Der Illustrator und Comiczeichner Asaf Hanuka hat es jetzt für uns in „I‘m still alive – Im Fadenkreuz der Mafia“ im wahrsten Sinne des Wortes ausgemalt, damit wir verstehen, mit welcher allumfassenden „Wunde“, wie Saviano es selbst ausdrückt, ein berühmter Enthüller leben muss.

Er nannte Namen

2006 veröffentlichte er den Roman „Gomorrha“, ein später auch verfilmter Welterfolg. Nach jahrelangen Erfahrungen mit dem oft tödlichen Treiben der Mafia-Clans der Camorra in Neapel nannte Saviano Namen und beschrieb kriminelle Praktiken. „Ich wollte der Welt zeigen, wie es war, in einer Kriegsregion im Herzen Europas zu leben“, sagte er Asaf Hanuka in einem der Gespräche für den Comic. Dabei wollte der Erfolgsautor gar kein Journalist werden. Und er vermutet, dass das Buch keine große Gefahr für ihn bedeutet hätte, wenn es nicht zu so einem phänomenalen Erfolg geworden wäre.

Das episodenhaft aufgebaute „I‘m still alive“ überzeugt mit seinen Einblicken in das Denken dieses bemerkenswerten Autors. Kursorisch werden Geschichtchen erzählt, um in Savianos Biografie einzuführen und ein Verständnis dessen zu erzeugen, was die Camorra ist. Beides steht aber nicht im Vordergrund, so dass zu verschmerzen ist, dass an manchen Stellen Fragen offen bleiben.

Ein Leben auf der Flucht

Eindrücklich beschrieben wird der aktuelle emotionale Ausnahmezustand: Saviano muss immer wieder die Wohnung wechseln und lebt nicht mit eigenen Möbeln. Nicht nur leidet die ganze Familie unter der Kontakterschwerung und der Angst vor einem Anschlag – sein Bruder ist sicherheitshalber sogar in einen anderen Teil Italiens gezogen;  jegliche Ungezwungenheit eines normalen Alltags ist großer Luxus, etwa ein simpler langer Spaziergang; und Intimbeziehungen werden nicht nur durch den ständigen Personenschutz – der auch vor der Wohnungstür postiert ist – und andere Sicherheitsmaßnahmen behindert, sondern anscheinend mehr noch durch Savianos Gefühlswelt. An einer der vielen traurigen Stellen des Buches sagt der Porträtierte: „Ich bin ein zerbrochener Mann. Fragmentiert. Zersplittert.“

Aufgrund dieser brutalen Ehrlichkeit, die auch unterbewusstes nicht ausspart, kann Zeichner Hanuka die Stärken des Comics ausspielen. Saviano ist mal ein rastloser Minotaurus in einem kleinen Labyrinth, mal ein am Käfig rüttelnder Gorilla und ähnliches. Die Schreibtischlampe, die nach unten leuchtet, aber in ihrer länglichen Form auf den Kopf des Autors zeigt, wird zur Pistole. Hanuka zeichnet die Figuren realistisch, lässt aber meistens Hintergründe weg, um Gespräche und Gedankeninhalte zu fokussieren. Meistens ist die Szenerie in Grautönen gehalten, was der Schilderung von Morden und psychischen Härten angemessen ist, aber stets dienen verschiedene Farben dazu, Dinge hervorzuheben. Dieser Comic ist keine wirkliche Augenweide, sondern besticht mit seinen visuellen Effekten.

Das im September erschienene Buch ist nach sehr kurzer Zeit auf bedrückende Weise aktuell geworden. In einem vom Verlag veröffentlichten Interview sprach der in Tel Aviv lebende Asaf Hanuka damals von Ähnlichkeiten zwischen seinem und Savianos Leben:

„In Israel zu leben bedeutet, mit einem drohenden Unheil zu leben. Man ist gefühlt ständig nur einen Straßenzug von einem Terrorangriff entfernt. Als Israeli bin ich es also gewohnt, das Wissen zu unterdrücken, dass mir Gewalt widerfahren wird. Aber ich habe, wie jeder in Israel, gelernt zu akzeptieren, dass wir so leben müssen, als ob nie etwas Schlimmes passieren wird.“


Roberto Saviano, Asaf Hanuka: I‘m still alive. Im Fadenkreuz der Mafia. Cross Cult, gebunden, 136 Seiten, 30 €.

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