Berlinale-Tipp: Schlingensief

Schlingensief ruft New York zum Boykott auf
Foto: Filmgalerie 451

Der Dokumentarfilm „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ feierte im Panorama der gestern eröffneten 70. Internationalen Filmfestspiele in Berlin seine Premiere. Bettina Böhler portraitiert darin den 2010 mit 49 Jahren verstorbenen Film- und Theaterregisseur sowie Aktionskünstler Christoph Schlingensief. Über Jahrzehnte hinweg hat er ein in seiner Art und Wirkung einzigartiges künstlerisches Werk geschaffen.

Bereits mit acht Jahren probierte sich Schlingensief an der 8mm-Kamera seines Vaters aus. „1968, als die anderen demonstrierten, habe ich meinen ersten Widerstandsfilm gemacht“, kommentiert er die Bilder aus dem Off. Der Verstorbene spricht nicht aus dem Künstler-Himmel zu uns, sondern durch die geschickte Montage Bettina Böhlers. Ihr Fundus war umfangreiches Archivmaterial: reichlich O-Töne sowie Ausschnitte aus Schlingensiefs Filmen, Theateraufzeichnungen und von seinen Aktionen. Erzähler bleibt immer Schlingensief selbst.

Seine künstlerischen Wurzeln liegen im Kino. Als Vierzehnjähriger drehte er seinen ersten Amateur-Spielfilm nach einem Groschenroman namens „Das Todeshaus der Lady Florence“. Seinem späteren Ruf entsprechend gestaltet sich die Inszenierung bereits anarchisch. Dieser „positive Dilettantismus“, so Schlingensief, sei schon immer die Maxime seiner Produktionen gewesen. Die reichte jedoch nicht aus, um nach dem Abitur an der Münchner Filmhochschule aufgenommen zu werden. Trotzdem machte er weiter. Einem größeren  Publikum wurde er mit der sogenannten Deutschlandtrilogie bekannt, bestehend aus „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzten Stunden im Führerbunker“ (1989), „Das deutsche Kettensägenmassaker – Die erste Stunde der Wiedervereinigung“ (1990) sowie „Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“ (1992). Das klingt nicht nur nach blutrünstigem Trash. „Alle dachten, ich komme aus einem schwierigen Elternhaus und mein Vater hätte mich vergewaltigt!“ erklärt Schlingensief die ablehnenden Reaktionen auf sein Frühwerk.

Schlingensiefs Theaterarbeit wird heute geradezu gehuldigt; die deutsche Geschichte und Gegenwartspolitik blieben darin seine zentralen Themen. „Rocky Dutschke `68“ markierte 1996 den Durchbruch und auch die Form seines Theaters. In dem Stück brüllte er mit einem Megaphon bewaffnet ins Publikum, riss sich das Hemd vom Leib, auch um anschaulich zu zeigen, wie ihm die deutsche Politik allergische Pusteln auf die Haut getrieben hat. Mit seiner Aktionskunst ging Schlingensief noch weiter: Auf der documenta X 1997 forderte er „Tötet Helmut Kohl“ –  Schlingensiefs Verhaftung ließ nicht lange auf sich warten. Bis heute legendär ist seine 2004 schrill inszenierte Oper „Parsifal“ bei den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen. Das Genre ließ ihn nicht los, bis zuletzt arbeitete Schlingensief an der Idee für das „Operndorf Afrika“ in Burkina Faso. Ein Projekt, das er als internationale kulturelle Begegnungsstätte angelegt hatte.

Bettina Böhler ist ein Künstlerportrait mit hohem Unterhaltungswert gelungen, das auch Schlingensiefs widersprüchliches Verhältnis zu Deutschland zu verdeutlichen weiß: Seine tiefe Verbundenheit zu den Menschen im heimatlichen Ruhrgebiet und doch seine permanente Rebellion gegen sie – auch gegen den Kleinbürger in sich selbst.


„SCHLINGENSIEF – In das Schweigen hineinschreien“

von Bettina Böhler, 124 Min., Deutschland 2020

Filmvorstellungen:

Sa, 22.02.,  14:30h im Colosseum 1

So, 23.02.,  13:15h im CinemaxX 6

Mi, 26.02.,  13:00h im Cubix 9

Do, 27.02.,  21:30h im CinemaxX 3

Kinostart: 2. April 2020

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Reformstaatsvertrag: Zweifel am Zeitplan

Der Medienrechtler Dieter Dörr bezweifelt, dass es den Bundesländern gelingt, sich gemäß ihrer Planungen bis Ende Oktober auf einen Reformstaatsvertrag zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu verständigen. Er halte „diesen Zeitplan, um es vorsichtig auszudrücken, für ausgesprochen optimistisch“, sagte Dörr auf M-Anfrage. Nach dem bisherigen Fahrplan sollte der Reformstaatsvertrag dann bei der Ministerpräsidentenkonferenz im Dezember 2024 unterzeichnet werden.
mehr »

Reform oder Abrissbirne im Hörfunk

Die Hängepartie um Finanzierung und Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) geht weiter. Nach wie vor sträuben sich ein halbes Dutzend Ministerpräsidenten, der Empfehlung der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) für eine Beitragserhöhung um 58 Cent auf 18,94 Euro zu folgen. Bis Oktober wollen die Länder einen Reformstaatsvertrag vorlegen, um künftig über Sparmaßnahmen Beitragsstabilität zu erreichen. Einzelne ARD-Sender streichen bereits jetzt schon ihre Hörfunkprogramme zusammen.
mehr »

Filmschaffende kriegen künftig mehr

In der achten Tarifverhandlungsrunde für die rund 25.000 Filmschaffenden haben sich die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), die Schauspielgewerkschaft BFFS und die Produktionsallianz auf Eckpunkte einer vorläufigen Tarifeinigung verständigt. Doch nicht alle Verhandlungsthemen konnten geklärt werden. Die Frage nach der Regelung von Künstlicher Intelligenz (KI) im Film wurde verschoben.
mehr »

Wie ethisch kann KI berichten?

Ein ethischer Kompass ist angesichts zunehmender Desinformation immer wichtiger – für Journalist*innen, aber auch Mediennutzende. Positivbeispiele einer wertebewussten Berichterstattung wurden jüngst zum 20. Mal mit dem Medienethik Award, kurz META, ausgezeichnet. Eine Jury aus Studierenden der Stuttgarter Hochschule der Medien HdM vergab den Preis diesmal für zwei Beiträge zum Thema „Roboter“: Ein Radiostück zu Maschinen und Empathie und einen Fernsehfilm zu KI im Krieg.
mehr »