Buchtipp: Geistige Brandstifter

In aufgeklärten Kreisen wird Deutschlands auflagenstärkstes Boulevardblatt seit einiger Zeit nicht mehr ernst genommen; „Bild“ gilt als Folklore. In ihrem Buch „Ohne Rücksicht auf Verluste“ beschreiben Mats Schönauer und Moritz Tschermak, die das Blatt für den „bildblog“ seit zehn Jahren beobachten, dass es keinen Anlass für diese leichtfertige Haltung gebe: „Bild“ sei heute womöglich gefährlicher ist als je zuvor, zumal allein mit der Online-Ausgabe täglich sechs Millionen Leser*innen erreicht werden.

Moritz Tschermak, Mats Schönauer: Ohne Rücksicht auf Verluste. Foto: Kiepenheuer & Witsch

„Der Aufmacher“ von Günter Wallraff, 1977 erschienen, war viele Jahre lang eines der wichtigsten deutschen Journalismus-Bücher. Schonungslos hatte der Undercover-Autor die menschenverachtenden Machenschaften der „Bild“-Zeitung aufgedeckt. 44 Jahre später weist das Autorenduo in seinem Buch „Ohne Rücksicht auf Verluste“ auf 270 gleichermaßen fesselnden wie erschreckenden Seiten nach, dass sich an den von Wallraff angeprangerten fragwürdigen Methoden nichts geändert hat.

Aus gesellschaftspolitischer Sicht entscheidender ist jedoch die gerade unter dem derzeitigen Chefredakteur Julian Reichelt (seit 2018) forcierte Stimmungsmache der Zeitung. In 14 Kapiteln befassen sich Schönauer und Tschermak mit den Feindbildern der Redaktion (Griechenland, Geflüchtete, Linke) und beschreiben, wie „Bild“ seine Leserschaft durch eine permanente Skandalisierung in ständige Alarmstimmung versetzt. Das Buch analysiert, wie „Bild“ Kampagnen gestaltet und Politik beeinflusst und mit welchen Strategien die Zeitung Ängste schüre: „Wie sie Ausländerfeinden permanent in die Karten spielt. Wie sie gezielt demokratische Institutionen torpediert. Wie sie Rechtspopulisten in den Bundestag verholfen hat. Wie sie den Ruf unschuldiger Menschen zerstört.“

Der Zweck heiligt dabei offenbar jedes Mittel. Gefühle, resümieren die Autoren, kämen grundsätzlich vor Fakten, ganz gleich, ob es um Wölfe oder Ausländer*innen gehe. Offenbar unverfroren veröffentlicht die Zeitung selbst die absurdesten Falschmeldungen, die dann prompt von anderen Medien aufgegriffen werden. Sachlich und ohne Häme sammeln die beiden Journalisten entsprechende Schlagzeilen oder aus dem Zusammenhang gerissene Zitate; viele Betroffene sind auf diese Weise mit einem Etikett versehen worden, dass sie nie wieder loswerden. Während der Sexismus in den Berichten über Sportlerinnen („zwanghafte Fixierung aufs weibliche Äußere“) in erster Linie geschmacklos wirkt, ist die Haltung der Redaktion zum Thema Migration besonders brisant.

Die anfängliche Willkommenskultur ist recht bald in Ablehnung umgeschlagen. Der entsprechende Sprachgebrauch erinnert frappierend an die Wortwahl der AfD. Das Verhältnis zu dieser Partei scheint zwiespältig, zumindest verweisen Schönauer und Tschermak auf gelegentliche kritische Texte. Tatsächlich verträgt sich der Antisemitismus der Rechtsextremisten in der AfD nicht mit der Israel-freundlichen Haltung des Springer-Verlags, aber ansonsten ist die Schnittmenge unübersehbar: Die Berichterstattung über Geflüchtete zum Beispiel könne dazu führen, dass das Thema Zuwanderung „mit Kriminalität und Schmarotzertum assoziiert“ werde. Sollte dieser Effekt in der Tat das Ziel sein, haben die Artikel ihren Zweck erfüllt, wie die Autoren mit vielen zitierten Kommentaren der Leserschaft belegen. Die Frage nach den Motiven der Zeitung – Auflage, Profit, Macht? – beantworten sie mit einem Zitat aus dem Batman-Film „The Dark Knight“: „Einige Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen.“


 

Mats Schönauer, Moritz Tschermak: „Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet“. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 334 Seiten, 18 Euro. ISBN: 978-3-462-05354-8

 

nach oben

weiterlesen

Harter Wettbewerb um den Nachwuchs

„Medienschlau mit dem RBB“, Online-Talks mit Informationen zum Programm für Schulklassen wie beim ARD-Jugendmedientag am 18. November, Videos zu Berufen und Sendungen, digitale Ausbildungstage und Ausbildungssprechstunden: Die Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender für Kinder und Jugendliche sind zahlreich. Sie wenden sich an junge Nutzer*innen, aber auch an künftige Mitarbeiter*innen. Denn der Wettbewerb um den Nachwuchs wird härter.
mehr »

Freispruch für Mesale Tolu beantragt

Im Prozess gegen die deutsche Journalistin Mesale Tolu hat die türkische Staatsanwaltschaft am Donnerstag einen Freispruch beantragt. Die Urteilsverkündung sei auf den 24. Dezember vertagt worden, teilte Margit Stumpp, medienpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen, mit. Stumpp ist in Istanbul vor Ort und beobachtet den Prozess. Tolu sagte nach der Verhandlung dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Ulm, dass dies für die Staatsanwaltschaft „ein politischer Offenbarungseid“ sei. Er zeige, dass sich das Verfahren von Anfang an auf bodenlose Vorwürfe gestützt habe.
mehr »

EU fordert mehr Sicherheit für Medienschaffende

Die Europäische Kommission legte heute erstmals eine Empfehlung zur Verbesserung der Sicherheit von Journalist*innen und anderen Medienschaffenden vor. „Information ist ein öffentliches Gut. Wir müssen diejenigen schützen, die Transparenz schaffen, die Journalistinnen und Journalisten“, begründete Präsidentin Ursula von der Leyen diesen Schritt in ihrer Rede zur Lage der Union am 15. September. Von den Mitgliedsstaaten wird die Annahme und baldige Umsetzung der Empfehlung erwartet.
mehr »

Überzeugend „auf den letzten Metern“?

Erstmals wurde in diesem Bundestagswahlkampf das Format der „Kanzler-Trielle“ im Fernsehen zur Meinungsbildung über die Bewerber*innen eingesetzt. Im Rahmen eines Web-Talks der Friedrich-Naumann-Stiftung diskutierten drei Kommunikations- und Politikwissenschaftler*innen, welchen Einfluss diese Trielle auf Wahlkampf und die Wahlentscheidung der Bürger*innen haben, auch im Unterschied zu den bisher gewohnten TV-Duellen zwischen Amtsinhaber*innen und Herausforderern.
mehr »