Bürgermedienplattform vor dem Aus

Studentinnen und Studenten bei der Radio- und TV-Einführung im Sommer 2021 am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Foto: TU Dortmund/Aliona Kardash

Die Bürgermedienplattform NRWision an der Technischen Universität (TU) Dortmund steht vor einer ungewissen Zukunft. Die nordrhein-westfälische Medienanstalt stellt Ende 2026 die finanzielle Förderung ein – nach dann fast 18 Jahren. Die Verantwortlichen versuchen, für eine Fortführung andere Geldgeber zu finden.

NRWision weiterhin zu fördern, kam für die Landesanstalt für Medien NRW (LFM) nicht mehr in Frage. So gehöre es zu ihren Aufgaben, das Entstehen einer Plattform für bürgermediale Inhalte zu fördern, „nicht jedoch die dauerhafte Finanzierung eines Regelbetriebs“, erklärte die Aufsichtsbehörde auf Nachfrage. Außerdem hätten sich die Nutzungsgewohnheiten und Distributionswege für Medieninhalte inzwischen deutlich verändert. Die Reichweite von NRWision habe „sich zunehmend auf einen begrenzten Kreis an bereits Interessierten beschränkt“. Das habe auch eine 2025 von der LFM beauftragte externe Evaluation ergeben. Ziel sei es nun, eine Förderung „auf wirksame mediale Partizipation und eine zeitgemäße Auffindbarkeit bürgermedialer Inhalte“ auszurichten.

NRWision_

Anfang Juli 2009 ging in Dortmund der TV-Lernsender.NRW an den Start, zunächst über ein dreijähriges von der LFM gefördertes Pilotprojekt. Daraus entstanden ist in der Folge NRWision, eine der größten deutschen Bürgermedienplattformen: Über eine Mediathek sind von Bürger*innen selbst produzierte Beiträge abrufbar, inzwischen rund 46.000 Video- und Audio-Inhalte. Zusätzlich werden eingereichte TV-Sendungen und -Beiträge auch NRW-weit im gleichnamigen Fernsehprogramm ausgestrahlt, das Lernsenderprogramm.

Angesiedelt ist NRWision beim Institut für Journalistik der TU Dortmund. Projektleiter ist Michael Steinbrecher, Professor für Fernseh- und Crossmedialen Journalismus und außerdem Moderator der SWR-Gesprächssendung „Nachtcafé“. Die Redaktion von NRWision, unter Leitung von Chefredakteurin Leonie Krzistetzko, hilft Bürger*innen, Beiträge zu erstellen. Sie gibt etwa redaktionelle und technische Feedbacks. In der Redaktion arbeiten vor allem Journalistik-Studierende, was Teil ihres Studiums ist.

Keine Planungssicherheit ab 2027

Es gibt aber auch sieben festangestellte Beschäftigte in der Redaktion, zumeist auf 50-Prozent-Teilzeitstellen, die über die LFM-Förderung finanziert werden. Als die Medienanstalt das Förderende beschlossen habe, seien alle Mitarbeitenden sofort darüber informiert worden, „dass ab 2027 derzeit keine Planungssicherheit für NRWision besteht“, erklärten Steinbrecher und Krzistetzko auf Anfrage in einer gemeinsamen Stellungnahme. Aus Eigenmitteln der TU Dortmund werden demnach vor allem noch Mediengestalter*innen finanziert. Sie werden sowohl bei NRWision als auch am Institut für Journalistik eingesetzt.

Im April gab NRWision das Ende der Förderung bekannt: Projektleiter Steinbrecher hob die langjährige finanzielle Unterstützung der LFM hervor. Zugleich verwies er auf die aktuelle gesellschaftliche Situation, in der „man die Bedeutung einer solchen Plattform für die Demokratie nicht hoch genug werten“ könne. Seit dem Start erhielt NRWision laut der LFM, die vor allem aus Rundfunkbeitragsgeldern finanziert wird, insgesamt rund 6,1 Millionen Euro – von 2009 bis 2026 durchschnittlich zirka 340.000 Euro jährlich.

Für dieses Jahr stellt die Medienanstalt noch knapp 300.000 Euro bereit. Die Förderung des TV-Lernsenders sei für 2026 eingestellt worden, erklären Steinbrecher und Krzistetzko: Er werde mit geringen Mitteln vom Institut für Journalistik als Ausspielkanal weiterbetrieben, „um diese wichtige Publikationsmöglichkeit für die Bürger*innen nicht zu verlieren“. Allerdings könne man wegen der deutlich geringeren Personalmittel weniger Beiträge pro Woche bearbeiten. Das führe zu längeren Wartezeiten bei den Einreichungen.

Auf der Suche nach Förderung

Unklar ist, was aus NRWision – Lernsender wie Mediathek – ab 2027 wird. „Wir gehen diverse Wege, um Fördergelder oder Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartner zu gewinnen. Es gibt bisher noch keine konkreten Zusagen“, heißt es von Steinbrecher und Krzistetzko: „Sollten wir durch neue Fördermittel eine realistische redaktionelle Perspektive auch für den TV-Sender sehen, würden wir bei der LfM erneut eine Lizenz beantragen.“ Sie läuft Ende 2026 aus. Die LFM erklärte, sie könne die Zulassung verlängern, sollte das beantragt werden, wobei man es aber nicht müsse. Es gelte hier eine sogenannte Kann-Vorschrift. Für den Weiterbetrieb der NRWision-Mediathek sei keine Lizenz erforderlich.

Die Medienanstalt setzt nun auf einen Strategiewechsel. Das neue Projekt soll Anfang 2027 starten. Dafür werde derzeit geprüft, „wie Beiträge von Bürgerinnen und Bürgern dort auffindbar zu machen, wo sie ein breites Publikum erreichen“ können. Dabei gehe es auch darum, dass die Inhalte „einen Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung leisten können“. Im Blick hat die LFM dabei dem Vernehmen nach auch YouTube als Plattform. Die Medienanstalt erklärte dazu: „Die Prüfung schließt auch US-amerikanische und europäische Plattformen als mögliche Distributionskanäle ein.“

Auch würden neue „Community-Ansätze“ geprüft, um partizipative Angebote zu stärken, so die LFM: Gemeint seien damit „Formate und Strukturen, die den Austausch und die Vernetzung zwischen Creator*innen, Medienschaffenden und Bürger*innen fördern – sowohl digital als auch vor Ort im lokalen und regionalen Raum“. Ziel sei es, bestehende Inhalte sichtbarer zu machen, aber auch „neue Formen der Beteiligung und Zusammenarbeit zu unterstützen“.

Dann eben YouTube

Dass die LFM erwägt, beim neuen Projekt auf YouTube zu setzen, steht im deutlichen Kontrast zu politischen Forderungen, etwa von der Digitalministerkonferenz der Bundesländer. Sie fordert, wie sie im Mai 2025 beschloss, „die Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern zu reduzieren, um die technologische Souveränität Europas zu stärken und wirtschaftliche Abhängigkeiten zu minimieren“. Die LFM verweist auf die aktuelle Mediennutzung: Partizipative Beiträge müssten dort zugänglich sein, wo sie ein breites Publikum erreichten und die öffentliche Meinungsbildung unterstützten. Derzeit laufe ein großer Teil der öffentlichen Kommunikation über US-Plattformen. Deshalb würden sie ebenso wie europäische Plattformen zur künftigen Förderung bürgermedialer Inhalte einbezogen.

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