Equal Pay Day zeigt Ungleichheit auf

Grafik zur Geschlechtergerechtigkeit

Foto: 123rf

Die Lücke bleibt und wächst: Eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hat zum Equal Pay Day am 27. Februar den Stand der Gleichstellung in Deutschland analysiert. Die Autor*innen stellen nach wie vor erhebliche Ungleichheiten fest. Die gelten auf für Frauen in der Kulturbranche und im Journalismus.

Für die Studie haben Yvonne Lott, Svenja Pfahl und Eugen Unrau im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung 30 Indikatoren untersucht. Vorneweg gestellt: Leicht verringert hat sich der Rückstand von Frauen nur bei Einkommen und Rente – und das längst nicht in allen Arbeitsfeldern. In zentralen Bereichen des Arbeitsmarkts bestehen weiterhin deutliche Ungleichheiten – besonders, wenn Kinder im Haushalt leben.

Allein die Erwerbsbeteiligung von Frauen liegt demnach weiterhin sieben bis acht Prozentpunkte unter der von Männern. Mit Kindern verstärken sich die Unterschiede noch mehr: Das männliche Alleinverdienermodell ist bei Eltern doppelt so verbreitet wie bei Kinderlosen. Zwar arbeiten erwerbstätige Mütter und Väter insgesamt jeweils rund 60 Stunden pro Woche. Allerdings leisten Mütter etwa 60 Prozent davon unbezahlt in Haus- und Sorgearbeit, während Väter rund 60 Prozent als bezahlte Erwerbsarbeit erbringen.

„Lifestyle-Freizeit“ ist Sorgezeit

Weitere Ergebnisse der Studie: Der Gender Working Time Gap beträgt 7,5 Stunden pro Woche. Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet demnach in Teilzeit, aber nur jeder achte Mann. Besonders Mütter reduzieren ihre Arbeitszeit, Väter arbeiten meist Vollzeit. Gleichzeitig wünschen sich viele eine Arbeitszeitverkürzung: Frauen im Schnitt um 3,8 Stunden, Männer sogar um 4,4 Stunden pro Woche.

Auch bei der Elternzeit zeigen sich erhebliche Unterschiede: Fast alle Mütter, aber nur knapp die Hälfte der Väter beziehen Elterngeld. Mütter nutzen die Elternzeit überwiegend zehn bis 14 Monate, Väter meist nur zwei Monate. Positiv entwickelt hat sich der Ausbau der Kinderbetreuung und damit auch die Auswirkung auf die Sorgezeit von Eltern: Rund die Hälfte der Drei- bis Sechsjährigen besucht demnach eine Ganztagsbetreuung.

„Gerade Menschen mit Sorgeverpflichtungen und ganz besonders Frauen, die Kinder haben oder Angehörige pflegen, müssen zwei Jobs unter einen Hut bringen. Sie sind echte Leistungsträgerinnen, für die die Politik gerade wenig tut. Denn viele diskutierte Verschlechterungen sozialer Standards würden sie, und wiederum insbesondere die Frauen, besonders treffen“, erklärt Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI dazu deutlich in Richtung der aktuellen Regierungskoalition. Dazu zählten die Deregulierung von Arbeitszeiten ebenso wie direkte oder indirekte Kürzungen bei der Rente.

Verdienst bleibt weiter deutlich niedriger

Beim Verdienst lag der Gender Pay Gap 2024 bei 16 Prozent (EU: 12 Prozent). Frauen verdienen so durchschnittlich 4,10 Euro pro Stunde weniger und erzielen auch seltener ein existenzsicherndes Einkommen. Langfristig wirkt sich das auch auf die Alterssicherung aus: 2023 lag der Gender Pension Gap bei 43 Prozent.

Insbesondere Frauen mit Sorgeverantwortung sind strukturell benachteiligt. Die Autor*innen der Studie fordern, Fürsorgearbeit systematisch als zentrales Analyse-Merkmal zu berücksichtigen und die bestehende Diskriminierung im Arbeitsleben wirksam zu bekämpfen.

Bis zur Hälfte des männlichen Einkommens

In der freien Kulturbranche ist der Gender Pay Gap besonders groß – und zuletzt sogar gewachsen. Laut einer Auswertung der Einkommen von über die Künstlersozialkasse Versicherten im Auftrag von ver.di aus dem vergangenen Jahr verdienten selbstständige Künstlerinnen im Jahr 2023 im Schnitt sogar 25 Prozent weniger als Männer, gegenüber den gesamtgesellschaftlichen 16 Prozent (2022: 24 Prozent).

Besonders groß sind die Lücken in der Musikbranche: Hier beträgt der Gender Pay Gap 26 Prozent. Komponistinnen, Textdichterinnen oder Sängerinnen erreichen nur etwa die Hälfte des männlichen Einkommens. In der darstellenden Kunst und im Film ist der Abstand mit 34 Prozent ebenfalls enorm hoch, Künstlerinnen verdienen hier jährlich fast 9000 Euro weniger. Im Bereich bildende Kunst und Design liegt die Lücke bei 30 Prozent, im Game-Design bei 44 Prozent. Auch Mode-Designerinnen erhalten im Schnitt nur etwa halb so viel wie ihre Kollegen.

Nur ein Job reicht nicht

Im Bereich Wort/Literatur und damit auch in der Berufsgruppe der Journalistinnen sind die durchschnittlichen Einkommen am höchsten.  Dennoch liegt der Gender Pay Gap auch hier bei 21 Prozent – Frauen verdienen durchschnittlich 21.629 Euro, Männer 27.360 Euro. Insgesamt sind die Einkommen oft so niedrig, dass viele Frauen zusätzliche Jobs benötigen. Studien zeigen: Nur eine Minderheit erzielt ein auskömmliches Einkommen, wenige Spitzenverdienende stehen einer großen Zahl prekär Arbeitender gegenüber.

Mögliche Ursachen der Einkommenslücke, so ver.di, sind fehlende Honortransparenz, unsichere Verhandlungen, Teilzeitstrukturen durch ungleiche Sorgearbeit sowie sexistische Branchenstrukturen. Öffentliche Kulturkürzungen verschärfen den Konkurrenzdruck überdies und schwächen die Verhandlungspositionen – insbesondere von Frauen.

Transparenz, Fairness und Tarifverträge

Aus all den Zahlen und Vergleichen kann nur eins folgen: Strukturelle Lösungen! Es braucht transparente und nachvollziehbare Basishonorare, eine stärkere kollektive Organisation Selbstständiger sowie tarifvertragliche Regelungen, wie sie unter anderem ver.di fordert. Andere Untersuchungen des WSI zeigen, dass gerade Tarifverträge zur Verringerung geschlechtsspezifischer Ungleichheit beitragen können. Das Ziel müssen verbindliche Mindeststandards, faire Honorare sowie Regelungen zu Arbeitszeit und Altersvorsorge sein. Eine Bundesregierung, die Schein-Debatten aus einer Position der Hochverdienenden führt, hat das bisher anscheinend noch nicht verstanden.


Mehr zum Thema Geschlechterverhältnisse in der Medienbranche finden sie in unserem Themenhaft:

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