Filmtipp: Die Schule der Frauen

Schule der Frauen. Missing Link Films

Schule der Frauen. Missing Link Films

Für Marie-Lou Sellems dokumentarisches Debüt blicken fünf Kolleginnen, die in den Achtzigern an der Essener Folkwang-Schule Schauspiel studiert haben, auf ihre Karriere zurück. Erst spät, dann aber umso intensiver beschäftigt sich der Film mit der Frage, warum Schauspielerinnen ab einem gewissen Alter keine Rollen mehr bekommen.

Wenn Menschen ihre Träume verwirklichen, endet das nicht selten in Ernüchterung: Erst entpuppt sich der Weg in den Traumberuf als überaus steinig, dann zerschellen die Erwartungen am tristen Alltag der Realität. Vermutlich wollen junge Frauen mittlerweile ohnehin lieber Influencerin als Schauspielerin werden, zumal der Beruf viel vom einstigen Glamour eingebüßt hat, aber sollten sie zufällig diesen Film sehen, werden sie sich bestätigt fühlen: Was die fünf Mitwirkenden über ihre Arbeit berichten, klingt eher abschreckend.

„Die Schule der Frauen“ hat Marie-Lou Sellem ihren Film genannt, mutmaßlich in Anlehnung an die gleichnamige Molière-Komödie, in der ein Mann dafür gesorgt hat, dass seine Zukünftige von klein auf zur Unterwürfigkeit erzogen worden ist. Die erfahrene Schauspielerin (Jahrgang 1966) porträtiert für ihr dokumentarisches Regiedebüt fünf einstige Kommilitoninnen, die wie sie ihr Metier Mitte der Achtziger an der Essener Folkwang Universität der Künste gelernt haben. Sie erwarteten einen Ort, an dem absolute Freiheit herrscht, und lernten eine patriarchalische und streng hierarchisch strukturierte Welt kennen, in der die überwiegend männlichen Regisseure Schauspielerinnen als ihr Eigentum betrachteten („Du gehörst mir!“), weshalb sexuelle Übergriffe an der Tagesordnung waren.

Natürlich wäre es interessant gewesen zu erfahren, wie das heute ist, aber der Nachwuchs, mit dem das Quintett schließlich beim Klassentreffen auf dem Campus ins Gespräch kommt, plaudert lieber über Diversität und Rollenbilder. Immerhin kommt nun ein Punkt zur Sprache, der zumindest den beiden, die nach wie vor als Schauspielerinnen arbeiten, erheblich zu Schaffen macht: Ab fünfzig werden die Rollenangebote rarer; nicht nur für Frauen, aber für sie ganz besonders.

Sellem hat auf einen Kommentar verzichtet; das gehört bei Dokumentarfilmen gewissermaßen zum guten Ton, um sich von TV-Dokumentationen abzuheben. Leider spart sie auch sonst mit Hintergrundinformationen; die Namen der fünf Frauen werden erst im Abspann genannt. Mit Ausnahme der bekannten Film- und Fernsehschauspielerin Karoline Eichhorn muss man sich ihre heutigen Tätigkeiten zusammenreimen: Jacqueline Kornmüller, die Älteste der Runde, ist eine gefragte und mehrfach ausgezeichnete Bühnenregisseurin. Kerstin Weiß hat als einzige des Quintetts Regie studiert und war an verschiedenen Theatern in unterschiedlichen Leitungsfunktionen tätig. Katharina Linder gehört zum Ensemble des Schauspiels Frankfurt. Einzig Cornelia Felden hat die Branche früh verlassen, als sich ihre vermeintliche Berufung als Irrtum entpuppte; sie ist Fachkraft für sprachliche Bildung geworden und hat unter anderem das Projekt „Sprache in Musik entdecken“ entwickelt.

Dank dieser fünf Persönlichkeiten wäre „Die Schule der Frauen“ vermutlich ohnehin fesselnd, aber natürlich haben auch die Blicke hinter die Kulissen ihren Reiz. Sellem (Buch und Regie) hüpft immer wieder von einer zur anderen, was dem durch die Redaktion des „Kleinen Fernsehspiels“ vom ZDF unterstützten Film eine episodische Struktur gibt. Wie es ihr gemeinsam mit Editorin Sonja Baeger gelungen ist, die Erzählungen dennoch wie aus einem Guss wirken zu lassen, ist gerade für ein Debütwerk sehr respektabel. Wohltuend ist auch der Verzicht auf offenkundige Appelle. Ihre Botschaft vermittelt Sellem zwischen den Zeilen: Frauen sollen raus aus der Opferstarre; der Film will dazu anregen, ein Bewusstsein für die eigenen Möglichkeiten zu wecken.


„Die Schule der Frauen“. D 2024. Buch und Regie: Marie-Lou Sellem. Kinostart: 5. September

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Grenzen der KI im Journalismus

Immer mehr Verlage und Medienunternehmen nutzen Künstliche Intelligenz ohne verbindliche Regeln. Immer mehr Redaktionen setzen generative KI im Arbeitsalltag ein. Die Bundesgeschäftsführerin der dju in Danica Besmail fordert daher einen verantwortungsvollen Umgang mit Künstlicher Intelligenz im Journalismus.
mehr »

Presseförderung mit Journalismus-Check

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) unterstützt die Förderung journalistischer Presseangebote. Vorrangig ist dabei die Entwicklung neuer digitaler Angebote. Der Bundesverband der Digitalpublisher (BDZV) verlangte dazu konkrete Zusagen der Bundesregierung sowie bei Gesetzesvorhaben einen „Presse-Check“. Für ver.di ist klar: Wer gefördert wird, muss auch einen Journalismus-Check absolvieren.
mehr »

Lokaljournalismus: Die Welt vor der Haustür

"Echte Reporter*innen sitzen nicht in der Bundespressekonferenz, sondern schießen um 11 Uhr Fotos beim Grillfest der Freiwilligen Feuerwehr, schauen sich nachmittags das Kindertheater in der Turnhalle an und schreiben am Abend bei der Hauptversammlung des Geflügelzuchtvereins mit.“ Wer nach einer Definition von Lokaljournalismus sucht: Das wäre eine.
mehr »

Wenn freie Medien „Lieblingsfeinde“ sind

Freie Medien als Garanten für Demokratie stehen im Fadenkreuz der Rechten. Was bedeutet das für einen Journalismus, der ausgewogen berichten will? Wie können antidemokratische Prozesse gestoppt und umgekehrt werden? Darüber wurde auf der diesjährigen Medienpolitischen Tagung „Lieblingsfeind Freie Medien – europäische und deutsche Erfahrungen“, von ver.di und DGB in Berlin diskutiert.
mehr »