Filmtipp: „Oeconomia“

Ganz so transparent, wie sich die Geldhäuser und globalen Unternehmen in ihrer Glasarchitektur geben, sind sie, was Auskünfte über das dahinterstehende Finanzsystem angeht, dann doch nicht, fand Filmemacherin Carmen Losmann in "Oeconomia" herausBild: Neue Visionen Filmverleih

Ganz so transparent, wie sich die Geldhäuser und globalen Unternehmen in ihrer Glasarchitektur geben, sind sie, was Auskünfte über das dahinterstehende Finanzsystem angeht, dann doch nicht, fand Filmemacherin Carmen Losmann in "Oeconomia" heraus
Bild: Neue Visionen Filmverleih

Carmen Losmanns Dokumentarfilm „Oeconomia“ begibt sich auf eine Reise in die strategischen Zentren des Banken- und Finanzsektors. Die Regisseurin fordert deren Akteur*innen mit einfachen Fragen heraus, stößt dabei nicht selten auf verschwiegene Zurückhaltung. Mit präziser Detektivarbeit macht sie die verborgenen Spielregeln des kapitalistischen Finanzsystems dennoch sichtbar – und spart auch den notwendigen Diskurs über eine neue Finanzwirtschaft nicht aus.

Oft verschließen sich die Türen für Losmann, so transparent sich die Geldhäuser und globalen Unternehmen in ihrer Glasarchitektur auch geben mögen. Drehgenehmigungen werden nicht erteilt und Meetings für die Kamera lediglich nachgestellt. Nicht wenige Verantwortungsträger*innen lehnen ein Gespräch ab oder möchten namentlich nicht genannt werden, die Filmemacherin behilft sich in diesem Falle mit nachgesprochenen Telefonprotokollen. Fachleute wie Peter Praet, ehemaliger Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), und Thomas Mayer, früherer Chefökonom der Deutschen Bank, sind jedoch bereit, sich Losmanns Fragen zu stellen. Von denen eine etwa lautet: „Wie entsteht Geld?“

Es stellt sich heraus, dass die Banknoten der EZB nur zehn Prozent des frisch erzeugten Geldes ausmachen. Vor allem private Geschäftsbanken schöpfen durch Vergabe von Krediten neues Geld. Man nennt es Buchgeld, da es nur virtuell auf den Konten existiert. Diese Geldschöpfung der Banken bleibt allerdings zeitlich begrenzt, denn mit der Tilgung von Schulden verschwindet das Buchgeld aus den Bilanzen und somit auch das Guthaben der Banken.

Es müssen also neue Schuldner*innen her. Handelt es sich um große Summen, spricht man etwas eleganter von „Investoren“. Schulden erweisen sich als eigentlicher Motor des neoliberalen Kapitalismus. Allerdings gibt es einen Haken, denn Banken gewähren Investoren nur Kredite, wenn sie mit ihren Projekten absehbar Profite erzielen. Ohne Gewinne von Unternehmen ist kein Wirtschaftswachstum möglich. Jetzt wird es für Losmann richtig interessant: sie möchte wissen, welches Verhältnis zwischen Wachstum, Verschuldung und Vermögenskonzentration besteht. Und was für eine Rolle spielen Staatsschulden in diesem System?

Wie bereits in Losmanns vielfach prämierten Debüt „Work Hard-Play Hard“ über die Optimierungsblüten in der „Schönen neuen Arbeitswelt“ fängt eine distanzierte Kamera die unterkühlte Architektur ökonomischer Machtzentren ein. Diesmal ist die Regisseurin hörbar als recherchierende Protagonistin in den gläsernen Büroräumen unterwegs. Ihre unverblümte Neugier lässt manche Interviewpartner*innen straucheln, sie können – oder wollen – das undurchsichtige globale Finanzsystem nicht adäquat erklären.

Der Film hält die Zuschauer*innen trotzdem geschickt bei Laune, auch weil er nach jeder neuen Erkenntnis mit computergenerierten Bildern das Abstrakte anschaulich und verstehbar macht. Der Diskurs über eine neue Finanzwirtschaft kommt nicht zu kurz, schließlich droht das aktuelle System zusammenzubrechen. Losmann inszeniert den Diskurs auf ungewöhnlicher Bühne: Mitten auf der Frankfurter Geschäftsstraße „Zeil“ spielt eine Runde von kritischen Expert*innen Monopoly, darunter die Wirtschaftspublizistin Samirah Kenawi.


„Oeconomia“, Dokumentarfilm von Carmen Losmann, Deutschland 2020, 89 Min.

Kinostart: 15. Oktober 2020

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