Bundesregierung ohne Exit-Strategie

Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid schüttelt einem Journalisten nach der ersten Pressekonferenz am 17. August 2021 in Kabul die Hand. Mujahid gelobt die Frauenrechte zu respektieren und für ein sicheres Afghanistan zu sorgen. Foto: AP/Rahmat Gul

Vor drei Jahren übernahmen die Taliban die Macht in Afghanistan. Während viele Menschen im Land heute angeben, die Situation sei sicherer, leben Journalisten fast nirgends gefährlicher. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (RSF) rutschte das Land mittlerweile auf Platz 178 von 180 Staaten. Ein Hoffnungsschimmer sollte das Bundesaufnahmeprogramm (BAP) für besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen sein. Doch nur sechs Journalist*innen konnten darüber gerettet werden. Und das BAP stehe vor dem Aus, beklagt RSF. 

Über das Programm wollte die Bundesregierung jeden Monat 1.000 bedrohte Menschen aus Afghanistan aufnehmen. Das wären bis Ende Juli 21.000 Menschen gewesen. Eine Einreise wurde allerdings nur 3.071 Menschen versprochen, von denen nach Aussage der Bundesregierung vom Juli nur 540 eingereist sind. 

Mit Stand vom 22. April 2024 befanden sich etwa 3.000 Menschen in Pakistan, die auf ihre Ausreise warteten, davon 750 im Rahmen des BAP. RSF hat die Fälle von 62 gefährdeten Medienschaffenden plus 222 Familienmitgliedern im BAP eingereicht. Und fragt nun, warum nur die sechs mit ihre Familien nach Deutschland kommen konnten und nicht die anderen?

Bis zum BAP-Start hatte RSF 163 Journalist*innen und ihre Familie und damit 649 Menschen nach Deutschland geholt. Und schon ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban beklagte RSF, dass es nicht mehr seien und nicht einmal Härtefälle bearbeitet würden. Die damalige Forderung: auch die Bundesländer sollten Aufnahmeprogramme auflegen und den Nachzug von Familienangehörigen ermöglichen.  

„Betroffene nicht dem Schicksal überlassen“

Die Bundesregierung habe im aktuellen Haushaltsentwurf 2025 die Mittel für das Programm radikal zusammengestrichen, konstatiert RSF. Es drohe, ungeordnet zu enden. Somit könnten tausende Menschen, darunter zahlreiche Journalist*innen, denen bereits eine Aufnahmezusage erteilt wurde, schutzlos in Afghanistan zurückbleiben oder aus Pakistan zurück in die Hände der Taliban ausgeliefert werden. RSF beklagt, dass es wie schon beim Sturz Kabuls vor drei Jahren kein Exit-Szenario der Bundesregierung gäbe. Die betroffenen Menschen wären ihrem Schicksal überlassen.

Vor dem Auslaufen des Programms sollte wenigstens noch den Menschen eine Perspektive geboten werden, die sich bereits im Aufnahmeprogramm befinden. Außerdem verlangt RSF eine kritische Aufarbeitung des BAP-Versagens. Und benennt Voraussetzungen für effektive und effiziente künftige Aufnahmeprogramme. 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Geteilte Öffentlichkeit zusammenführen

Eine Studie des Bundesverbands Wohnen und Stadtentwicklung (vhw) untersucht die Folgen des sozio-technischen Wandels für die lokale Öffentlichkeit und damit auch für die kommunale Politik. Die zentrale Feststellung: Das Informations- und Kommunikationsverhalten der Bevölkerung, was einmal auf einer gemeinsam geteilten Öffentlichkeit mit ähnlicher Informations- und Wissensbasis beruhte, basiert mittlerweile auf einer Vielzahl von (Teil-)Öffentlichkeiten. Mit dem Konzept des „Local Public Open Space“ sehen die Forschenden eine Möglichkeit, diese wieder zusammen zu führen.
mehr »

Undercover unter Nazis

Angelique Geray arbeitet als Investigativjournalistin für RTL und den stern. Für eine Fernseh-Dokumentation schleuste sie sich in die Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“ ein. Durch einen Hinweis von ihr wurden die Behörden auf die Gruppe und ihre Anschlagspläne auf eine Flüchtlingsunterkunft aufmerksam. Zu ihren Erfahrungen und Beobachtungen während der Recherche hat Geray das Buch „Undercover unter Nazis“ veröffentlicht.
mehr »

Rassismus in Redaktionen

Das Kitt Kollektiv hat 200 Menschen, die in Redaktionen arbeiten nach ihren Rassismuserfahrungen gefragt: 90 Prozent gaben an, ihn erlebt zu haben, erklärt Sarah Zaheer im Interview mit der taz. Journalismus in Deutschland hat ein Vielfaltsproblem - können einzelne Programme, die Medienhäuser und Organisationen inzwischen etabliert haben, das Problem tatsächlich verändern?
mehr »

Krasse Kürzungen bei ARD und ZDF

  Für 58 Cent bekommt man heutzutage beim Bäcker allenfalls ein Brötchen von gestern. Dennoch haben einige Bundesländer ARD und ZDF eine entsprechende Erhöhung der Rundfunkabgabe auf monatlich 18,94 Euro verweigert. Trotz einer Verfassungsbeschwerde der Sender wird der Beitrag erst 2027 steigen, und dann wohl nur um 28 Cent. Vor allem innerhalb der ARD muss daher noch mehr gespart werden. Das schließt auch einen weiteren Stellenabbau mit ein.
mehr »