Telepolis: Kein Zugriff mehr?

Auch Studierende aus journalistischen Studiengängen holen sich Informationen inzwischen vor allem bei Social Media - Nachrichten und klassische Medien spielen kaum eine Rolle. Foto: 123rf

Das Onlinemagazin Telepolis hat tausende Artikel offline gestellt. Seit Dezember werden demnach historische Artikel überprüft, um einer, wie es heißt, „Qualitätsoffensive“ Platz zu machen. Auch Verfasser*innen können momentan nicht mehr auf ihre Texte zugreifen. Einige Journalist*innen wehren sich dagegen, haben aber keine rechtliche Handhabe.

„Dieser Text wird von der Heise Medien GmbH & Co. KG nicht weiter zur Verfügung gestellt.“ Diesen Hinweis erhält seit kurzem, wer auf einen der tausenden vor 2021 für das Online-Magazin Telepolis verfassten Artikel zugreifen will. Auch den zwischen 2000 und 2021 für Telepolis tätigen Journalist*innen geht das so.

„Frei zugängig bleiben alle Beiträge seit Anfang 2021. Der Grund: Diese Texte werden von der aktuellen Chefredaktion verantwortet und entsprechen den journalistischen Ansprüchen, die wir im redaktionellen Leitbild im Jahr 2022 festgeschrieben haben“, heißt es in einer entsprechenden Erklärung des Telepolis-Chefredakteurs Harald Neuber.

In besagtem Leitbild wird die Rolle von Telepolis auf dem Medienmarkt ziemlich allgemein beschrieben. Zudem werden neun Kriterien aufgeschlüsselt, die zur Grundlage journalistischer Arbeit gehören. Dazu gehören unter anderem korrekte und vertrauenswürdige Inhalte, die sorgfältige Prüfung der Quellen, die verantwortungsvolle Recherche, die Vermeidung irreführender Überschriften.

Viele der Journalist*innen, die vor 2021 für Telepolis gearbeitet haben, sehen sich nun indirekt dem Vorwurf ausgesetzt, diese journalistischen Kriterien nicht eingehalten zu haben. Zumal schon vor der Offline-Stellung den nun ganz versteckten Texten ein Disclaimer vorangestellt wurde, der den „vorliegenden Beitrag“ als „möglicherweise in Form und Inhalt nicht mehr den aktuellen journalistischen Grundsätzen der Heise Medien und der Telepolis-Redaktion“ entsprechend kennzeichnete.

Vielbeachtet und mit Medienpreisen bedacht

Scharf kritisiert unter anderem Florian Rötzer diese Neuerungen. Er warnt davor, dass es sich hier um den Versuch handele, sich „fast 25 Jahre Geschichte, unter anderem der des Internets“ zu entledigen, „um sich dem Mainstream unkritisch und marktkonform“ anpassen zu können.

Der Philosoph und Medientheoretiker hatte Telepolis 1996 als eines der ersten deutschsprachigen Internet-Magazine gegründet und zu einem vielbeachteten Medium des kritischen Journalismus gemacht. Im Jahr 2000 erhielt Telepolis den Europäischen Preis für Online-Journalismus in der Kategorie Investigative Reporte, 2002 den Grimme Online Award in der Kategorie Medienjournalismus und 2004 den Lead Award für spezialisierte Onlinemagazine. Das war auch eine Auszeichnung für die vielen freien Journalist*innen, die dafür mit geringen Honoraren und noch weniger Rechten gearbeitet haben.

Keine juristische Handhabe

Sie wurden im übrigen nicht gefragt, ob sie mit der Offline-Stellung ihrer Artikel einverstanden sind. Zu ihnen gehört auch die freie Journalistin Birgit Gärtner, die auch über viele Jahre bei Telepolis Texte veröffentlichte. Sie wandte sich an die Verdi-Rechtsberatung und wurde von dort an das Beratungsteam für Selbstständige bei ver.di verwiesen. Dessen Kurzeinschätzung fasst Birgit Gärtner wie folgt zusammen: Demnach gibt es keine juristische Handhabe, mit der die Journalist*innen durchsetzen können, dass der Heise-Verlag ihre Artikel wieder online schaltet. Das liegt daran, dass es keine vertragliche Vereinbarung gibt, die dem Verlag die Pflicht zur Online-Archivierung der Artikel auferlegt.

Auch die Einrichtung des Disclaimers hält das Beratungsteam für grenzwertig, sieht aber auch hier keine juristische Möglichkeit, dagegen vorzugehen. Die Einschätzung der ver.di-Beratung, dass es sich hier nicht um eine juristische, sondern um eine medienpolitische Frage handelt, kann man vorbehaltlos zustimmen. Dabei sollte jedoch auch diskutiert werden, wie die Rechte von Journalist*innen gestärkt werden können, deren Texte nicht nur offline gestellt wurden, sondern die auch nach jahrelanger gering bezahlter Arbeit von einem Tag auf den anderen keine Aufträge mehr von Telepolis erhalten.


Hinweis: Der Autor hat als freier Journalist seit dem Jahr 2000 ebenfalls Texte bei Telepolis veröffentlicht.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Psychischen Belastungen im Journalismus

Immer mehr Journalist*innen fühlen sich in ihrem Beruf unwohl. Der Druck ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Zum einen werden Menschen, die journalistisch tätig sind, über Hasspostings in den sozialen Medien angefeindet. Zum anderen steigt der interne Druck durch Arbeitsverdichtung und Vorgesetzte. Mit Helpline bietet „Netzwerk Recherche“ seit einigen Jahren ein telefonisches Gesprächsangebot – anonym, vertraulich und kostenlos.
mehr »

Der WDR halbiert sich selbst

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hat heute weitreichende Pläne zur Verknappung des Programmangebots, Stellenstreichungen und Beschäftigungsabbau für freie Mitarbeiter*innen bekanntgegeben. Dies betrifft zunächst 76 noch nicht genannte Programmangebote und bis 2030 eine Halbierung der bisher 600 Programmformate. ver.di kritisiert die massiven Einschnitte.
mehr »

VG-Wort: Die fetten Jahre sind vorbei

In diesen Tagen bekommen Urheber*innen wieder Post der VG Wort: die Mitteilungen über die zweite jährliche Ausschüttung, der so genannte Mitteilungsbrief. Für Journalist*innen bedeutet das hauptsächlich die Tantiemen für im Internet veröffentlichte Texte, die sogenannte METIS-Ausschüttung.
mehr »

Drei Fragen: Zu news aktuell

Seit gestern streiken die Mitarbeitenden der dpa-Tochter news aktuell in Hamburg. Sie fordern einen eigenen Tarifvertrag analog zur Muttergesellschaft. Die Geschäftsführung lehnte Tarifverhandlungen mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di bisher allerdings ab. Wir sprachen darüber mit Simon Schmitz von der ver.di-Tarifkommission.
mehr »