Agenten treiben die „dicken Dollars“ ein

Millionengehälter von amerikanischen Fernsehjournalisten machen Schlagzeilen wie noch nie

Alfred Geller dirigiert seine Welt von seinem gut gepolsterten Bürosessel im 25. Stock eines New Yorker Bürohochhauses aus – und über den Lautsprecher seines Telefons. Als eine seiner drei Sekretärinnen ein wichtiges Gespräch aus Kalifornien anmeldet drückt er die entsprechende Taste, die die Stimme des Anrufers blechern enthüllt, faltet die Hände über seinem beträchtlichen Bauch und lehnt sich zurück. „Was kann ich für dich tun, mein Freund“.

Der Bittsteller ist ein Topmanager, dem er bei Steven Spielbergs Unternehmen Dreamworks begegnet ist. Es geht um eine von Gellers Klientinnen, ein aufsteigender Stern am Himmel der amerikanischen Medienwelt. Doch Geller, einer der bekanntesten und gefürchtetsten Agenten seines Fachs, vertritt weder Schauspieler noch Filmautoren. Er vertritt Journalisten.

Lukratives Werbegeschäft

Er begann sein Geschäft vor fast 40 Jahren. „Vor dem Vietnamkrieg gab es nichts zu repräsentieren“, sagt er. Erst als die ersten Bilder vom Krieg das Interesse des amerikanischen Massenpublikums an Fernseh-Nachrichten erweckten und aus den TV News allmählich ein lukratives Werbegeschäft wurde, entstand in den USA die Gattung der Agenten, die die Nachrichtenleute repräsentieren. Sie sehen sich im Auftrag ihrer Klienten nach neuen Jobs um, halten Augen und Ohren offen, was neue Programmschemata und Präsentationsflächen angeht. Und sie verhandeln ihre Gehälter, die im quotenorientierten TV-Business nicht selten in Millionenhöhe liegen. Der Lohn der Repräsentanten liegt zwischen sechs und zehn Prozent von dem, was die Kunden verdienen.

Lizenz zum Stehlen

Noch nie hat das Einkommen von Fernsehleuten so viel Schlagzeilen gemacht wie heute. Katie Couric, die langjährige Moderatorin der quotenträchtigen Morgenshow Today auf dem TV-Network NBC macht inzwischen 13 Millionen jährlich. CNN-Mann Larry King liegt bei sieben Millionen Dollar Jahresgehalt, Starreporterin Christiane Amanpour liegt nur knapp dahinter. Doch warum all die Millionen für einen Journalisten? Und noch dazu im Network-Fernsehen, das nicht direkt bekannt ist für seine hervorragende Hintergrundberichterstattung?

Für Geller hat dies schlichte Gründe: „Economics.“ Wer ein Millionenpublikum allein durch seine Ausstrahlung an einen Sender binden kann, habe ein Anrecht auf die dicken Dollars, die die Sender in jedem Jahr eintreiben. Geller nimmt kein Blatt vor den Mund. „Man redet von der Fernsehindustrie immer in dem Kontext, dass sie die Lizenz zum Stehlen hat“, sagt er. „Ein durchschnittlicher Top-100-Konzern würde Morde begehen, um einen Profit von nur fünf Prozent einzufahren. Seitdem ich im Fernsehbusiness bin, liegen die Profite nicht bei fünf Prozent, sondern bei 50. Ich habe keinerlei Mitleid mit ihnen, sie machen ihr verdammtes Vermögen auf dem Rücken meiner Kunden, und ich will dass meine Kunden dafür bezahlt werden.“

Die Agenten sind in den Vorstandsetagen der Sender naturgemäß nicht sehr beliebt. „Sie schämen sich nicht, den Mond zu verlangen und sie lassen dich so lange warten, bis du ihnen die Sterne gibst und die Sonne noch dazu“, sagte NBC Präsident Andrew Lack der Los Angeles Times. „Es stimmt mich traurig wenn ich mich erinnere, dass Journalismus eine Berufung sein soll.“ Geller und mit ihm seine Agenten-Kollegen haben das Spiel mitunter schon zu weit getrieben. Weil sie im Namen der Journalisten zu hoch gepokert haben, verloren die TV-Sender die Geduld, und die Moderatoren ihre Jobs. Nach Ansicht des New Yorker Medienkritikers Danny Schechter ist dies kein Wunder. „Alles in Amerika ist auf die eine oder andere Weise eine Ware. Das gilt auch für Menschen“, sagt er. „Es dreht sich alles darum, den Deal abzuschließen, und das hat nun auch das Nachrichtengeschäft infiziert.“

Starkult und Quotendruck

Vier Kanäle gibt es inzwischen in den USA, wo 24 Stunden täglich ausschließlich Nachrichten und Informationen gesendet werden, der bekannteste davon CNN. Eines der Mittel gegen den ständigen Quotendruck, dem sie ausgesetzt sind, ist der Starkult, der in Amerika latent auch im Journalismus vorhanden ist. Das Medium Fernsehen ist dafür nach Ansicht von Schechter besonders gut geeignet. „Leute, die bei Zeitungen arbeiten und da gut Geld verdienen, bekommen plötzlich eine halbe Million für ein Buch und das katapultiert sie in eine ganz andere Liga“, sagt er. Und wenn sie das Thema auch noch ans Fernsehen verkaufen können, gibt es noch mehr Geld. Das führt dazu, dass viele talentierte Reporter aus dem Journalismus rausgetrieben werden. „In unserer Gesellschaft dreht sich leider alles ums Geld. Das gilt auch für jene Journalisten, die genau diese Werte aufgegeben haben, für die sie eigentlich diesen Beruf gewählt haben.“

 

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