Arbeit ohne Maß und Ende

Redakteure und die Wahrnehmung ihrer Zeitinteressen

Arbeit ohne Maß und Ende nimmt das Leben vieler Redakteurinnen und Redakteure in einer Intensität in den Griff, wie dies früher nicht annähernd der Fall war. Diese subjektiv geprägte Erkenntnis wird jetzt auch durch eine wissenschaftliche Studie bestätigt.

Wie lange arbeite ich? Wie viele Stunden möchte ich arbeiten? Zu welchen Zeiten? Welchen Einfluss habe ich auf Lage und Länge meiner Arbeitszeit? Kann ich meine Freizeit verlässlich planen? Habe ich Zeit für mich selbst, für Freunde und Familie? Sind Arbeit und Leben noch in der Balance?

In den Streikwochen des vergangenen Frühjahrs, als quer durch die Republik zahlreiche Redakteurinnen und Redakteure an Tageszeitungen gegen die Zumutung der Verleger aufstanden, die tarifliche Wochenarbeitszeit unbezahlt um 3,5 Stunden verlängern zu wollen, wurden solche Fragen heiß diskutiert. Die Antworten fielen ernüchternd bis wütend aus.

Thomas Haipeter, Mitarbeiter des Instituts für Technik und Arbeit in Gelsenkirchen, hat auf Initiative von ver.di den Umgang mit der Zeit in Zeitungsverlagen untersucht – und eine gespaltene Realität entdeckt: Eine „Zone der Stabilität“ und daneben eine „Zone der Entkoppelung“ und „Entgrenzung“, wie Haipeter während einer Tagung der ver.di-Arbeitszeit-Initiative in Berlin formulierte.

Als „Zone der Stabilität“ beschreibt er die Abteilungen Druck und Verlag. Hier lägen die tarifvertragliche 35-Stunden-Woche und die tatsächlich geleisteten durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten (35,8 Stunden in der Technik, 37,7 Stunden im Verlagsbereich) erfreulich eng beieinander. Der Druck, den das Medienkapital durch Rationalisierung, Personalabbau und Auslagerung auf die Intensivierung der Arbeit ausübe, habe für das Gros der dort Beschäftigten nicht zu einer Ausdehnung der tatsächlichen Arbeitszeiten geführt. Dank wachsamer Betriebsräte hätten Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen diesem Druck auch dort stand gehalten, wo Arbeitszeiten (etwa über Zeitkonten oder Gleitzeitmodelle) flexibel geregelt seien.

Keine Zeiterfassung

Dramatisch anders sei die Lage in den Redaktionen: „In diesen Bereichen ist die Prägekraft kollektivvertraglicher Arbeitszeitnormen weitgehend erodiert“, ermittelte der Wissenschaftler. In den Redaktionen seien vertragliche und tatsächlich abgeleistete Arbeitszeiten entkoppelt. Im Durchschnitt lägen sie über 43 Stunden und damit „mehr als 6,5 Stunden über dem vertraglichen Niveau.“ In den seltensten Fällen seien dies beantragte Mehrarbeitsstunden. Hinzu komme, dass Zeiterfassung in den Redaktionen die Ausnahme sei: „Arbeitszeiten, die nicht erfasst werden, werden aber auch nicht oder nur zu geringen Teilen kompensiert.“ Der Verfall von Arbeitszeiten – und damit auch relative Gehaltsminderungen – seien deshalb „in den Redaktionsbereichen ohne Zeiterfassung gängige Praxis.“

Die einzige tarifliche Arbeitszeitnorm, die in den Redaktionen mehr oder weniger prägend sei, „ist die Regelung der freien Tage und der Urlaubstage“. Allerdings werde auch der im Tarifvertrag für Mehrarbeit und freie Tage vorgegebene Ausgleichszeitraum von drei Monaten häufig nicht eingehalten: „In einzelnen Unternehmen oder einzelnen Redaktionsbereichen schieben die Beschäftigten eine große Zahl freier Tage vor sich her.“ Für diese „gravierenden Probleme“ ermittelte Haipeter mehrere Ursachen. Redakteure wiesen – ähnlich wie andere hoch qualifizierte Beschäftigte – „eine hohe intrinsische Motivation hinsichtlich der Inhalte ihrer Arbeit“ auf. Dieser innere Antrieb werde von ihnen „als ausgeprägtes Interesse an fachlich guter Arbeit und als journalistisches Ethos“ thematisiert. Das inhaltliche Interesse könne sich mit „einer engen Verbundenheit mit dem Unternehmen und dem Unternehmenserfolg“ paaren. Aus der Kombination beider Faktoren lasse sich eine „grundsätzliche Bereitschaft schließen, im Interesse an der Qualität der eigenen Arbeit und am Erfolg des Unternehmens durchaus auch länger zu arbeiten.“

Dies sei in den Redaktionen auch traditionell geschehen. Heute habe sich aber vieles grundlegend geändert: Die langen Arbeitszeiten hätten einen anderen Umfang und vor allem eine andere Qualität bekommen: „Waren sie früher eher eine freiwillige Gabe der Beschäftigten an ihr Unternehmen, so sind sie heute zu einem fast unentrinnbaren Sachzwang für die Beschäftigten geworden“, erläutert Haipeter. Der scheinbare „Sachzwang“ ergebe sich aus Strategien des Medienkapitals. Wie andere Unternehmer auch, konfrontierten die Verleger ihre Beschäftigten immer stärker direkt mit den Anforderungen und Risiken des Marktes. Durch Auslagerungen, Rationalisierung und eine „Personalpolitik der untersten Linie“ würden „betriebswirtschaftliche Probleme der Unternehmen in unmittelbare Probleme der Beschäftigten“ verwandelt. Die müssten sich nun direkt mit Fragen auseinander zu setzen, „die vormals Probleme des Managements waren“. Zugleich würden die Redaktionen aber weiterhin „nach konventionellen Mustern organisiert“. Zwar seien Redaktionen – bedingt durch die Anforderungen an journalistische Arbeit – traditionell durch ein hohes Maß an Selbstorganisation der Beschäftigten charakterisiert. „Aber auch in den Redaktionen ist formale Partizipation ein Fremdwort. Personelle Kontrolle, beispielsweise in Form der Anwesenheitskontrolle durch den Vorgesetzten, spielt weiterhin eine große Rolle.“ Anwesenheit werde als Indikator für Leistungsbereitschaft positiv sanktioniert. Ein Rückzug der Hierarchie, wie er moderne Formen einer ,indirekten Steuerung‘ kennzeichnet, lasse sich „in den Zeitungsverlagen nicht erkennen“, urteilt Haipeter. So entstehe die Gefahr eines leistungspolitischen ,Double Bind‘ für die Beschäftigten, einer „Überlagerung von Leistungsanforderungen“ durch klassische hierarchische und durch marktförmige Steuerungsformen.

Betriebsräte als Anker

Die streikenden RedakteurInnen waren sich im Frühjahr 2004 bewusst, dass die abgewehrte Verlängerung der tariflichen Arbeitszeit ihnen nicht mehr als eine zweite Chance eröffnet hat: Statt die Verträge der schlechten Realität anzugleichen, können sie nun umgekehrt versuchen, ihre Arbeitszeiten zu begrenzen und auf ein menschliches und vertragskonformes Maß zu reduzieren. Dazu gilt es, in den Redaktionen entschiedene Initiativen zu ergreifen.

Haipeter gibt Hinweise, die aus Platzgründen hier nur teilweise skizziert werden können, woran diese Aktivitäten sich orientieren sollten. So weist er zu Recht darauf hin, dass den Betriebsräten eine „entscheidende Rolle“ zukomme. Sie seien eine Art „Anker“, müssten ihre Mitbestimmungsrechte ähnlich konsequent nutzen wie in der „Zone der Stabilität“.

Die Interventionen müssten am traditionellen Selbstverständnis von Hochqualifizierten einer zumindest in Grenzen selbst organisierten Arbeitsgestaltung ansetzen: „Arbeitszeit muss wieder als relevante Variable in das Entscheidungskalkül der Beschäftigten eingehen. Dies aber lässt sich nur realisieren, wenn die Beschäftigten selbständig ihre Arbeitszeitinteressen wahrnehmen. Dann werden sie zwangsläufig auch die Auswirkungen der Unternehmensreorganisation zu diskutieren beginnen, sofern diese als Problem für die Wahrnehmung ihrer Zeitinteressen in Erscheinung treten“, meint Haipeter. Er hofft, dass so Ansatzpunkte geschaffen werden, um in den Redaktionen „die Personalreduzierung und die Konfrontation der Beschäftigten mit den Marktrisiken als politische Probleme zu thematisieren und zu einem politischen Handlungsfeld für Beschäftigte, Betriebsräte und Gewerkschaften zu machen.“

Erfahrungsaustausch notwendig

Dies sei keine leichte Aufgabe, räumt Haipeter ein, doch wie die Kampagne „Arbeiten ohne Ende“ der Betriebsräte bei IBM gezeigt habe, sei sie auch nicht ohne Erfolgsaussicht. Vordringliche Aufgabe von dju und ver.di wird es sein, schleunigst den Erfahrungsaustausch über Durchsetzungsstrategien für Arbeitszeitbegrenzungen in den Redaktionen zu intensivieren. Zu hoffen ist, dass sich daran Redakteure und Betriebsräte möglichst vieler Zeitungen beteiligen. Klar sollte sein: Wird diese Aufgabe verfehlt, dann wird der Streikerfolg verspielt und eine dritte Chance wird es für lange Zeit nicht geben. Das träfe gerade viele junge Kollegen, die die Verleger dank der Arbeitswut der fest angestellten Redakteure bislang mit prekären Beschäftigungsverhältnissen abspeisen. Wer wagt es, weiterhin so unsolidarisch zu sein?

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Mehr über Haipeters Studie und die Zeitinitiative von ver.di findet sich in dem materialreichen Buch: Frank Bsirske u.a.( Hrsg.):

Es ist Zeit. Das Logbuch für die ver.di-Arbeitszeitinitiative
VSA-Verlag
Hamburg 2004
278 Seiten
19,80 Euro

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