Aufgeregte Zeiten!

Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue
Foto: Deutschlandradio/Christian Kruppa

Die Rufe gegen die „Lügenpresse“ und die „Fake News“ sind etwas weniger hysterisch, aber wir Medien sind weiterhin in einer Weise selbst Thema, wie wir es eigentlich nicht besonders schätzen. Harte Medienkritik gab es immer, wir erinnern uns an die Debatten über die Berichterstattung über die Golfkriege oder den Kosovokrieg, über die Rolle der Medien bei der „Agenda 2010“ oder in der Hochzeit der neoliberalen Wende. Doch so lautstark und so fundamentalistisch war der Ärger über uns Medienschaffende nie.

Wie konnte es so weit kommen? Natürlich, mit der AfD  ist eine politische Kraft auf die Bühne getreten, die mit ihrem Furor gegen die politische Berichterstattung kräftig Sturm sät. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass verhältnismäßig viele ehemalige Kollegen aus Print, Radio und TV die Seiten gewechselt haben und nun auf Seiten der AfD selbst Politik machen wollen. Doch das laute Geschrei kann nur wirken, wenn es von vielen aufgenommen und weitergetragen wird. Und das Echo auf diese Attacken ist größer als Pegida oder AfD.  Und das muss uns nachdenklich machen.

Halten wir uns den Spiegel vor: Der erste Blick in all die Umfragen und Studien könnte uns beruhigen. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung sieht weiterhin die Tageszeitungen und die öffentlich-rechtlichen Medien als seriöse Quellen und hilfreiche Wegbegleiter in allen Diskussionen, die eine lebendige Demokratie mit sich bringt. Diese Zustimmungswerte haben in den vergangenen Jahren auch nur wenig abgenommen, das ist angesichts der wütenden Behauptungen der großen Vertrauenskrise eine gute Nachricht.

Doch in den Detailergebnissen der zahlreichen Studien steckt auch Beunruhigendes. Bei aller Wertschätzung der Leitmedien ist unübersehbar, dass sich zwei Vorwürfe quer durch die Generationen halten, ja sogar deutlicher geworden sind. Die Medien seien nicht kritisch genug und, und das ist besonders bedenklich, sie seien zu nahe an der Macht, seien zu sehr ein Teil der „da oben“.

Nehmen wir diese Kritik ernst, zumal sie von Menschen geäußert wird, die den Wert freier Medien schätzen und unsere wichtige Rolle für das Funktionieren unseres Gemeinwesens nicht in Frage stellen. Diese Kritiker leben nicht in den Echokammern von Facebook und Co. Irgendetwas läuft schief, wenn derartige Einschätzungen so tief und quer durch die Generationen und sozialen Gruppen verankert sind. Diese Kritik gilt unserer Rolle und der Art und Weise, wie wir in dieser Rolle aufgehen. Was läuft konkret schief?  Vielleicht stellen wir uns in unserer Haltung zu häufig an die Seite der „alternativlosen Wahrheit“. Vielleicht geben wir uns zu häufig damit zufrieden, politische Debattenbeiträge und Entscheidungen zu transportieren, ohne sie in einen offenen Diskurs einzubetten, ohne Gegenpart im Auftrag unserer Leser, Hörer und Zuschauer zu sein. Und vielleicht glauben wir in einem Winkel unseres Herzens wirklich an unseren angeblichen Auftrag als „Vierte Gewalt“. In unserer Verfassung ist davon keine Rede, die Presse- und Meinungsfreiheit ist kein Mandat für die Medien, eine gestaltende Rolle im Rahmen unserer Gewaltenteilung einzunehmen. Unser Anspruch, „Vierte Gewalt“ zu sein, ist hybrid und eine Grenzüberschreitung. Eine „Vierte Macht“ müsste sich übrigens auch in eine gesamtstaatliche Verantwortung einfügen, wie es für die drei anderen „Gewalten“ gilt. Wollen wir unsere Berichterstattung tatsächlich dieser Rolle, dieser Aufgabe und dieser Verantwortung unterwerfen?

Doch die Rolle scheint verführerisch. Gerade bei der Diskussion über die Folgen der letzten Bundestagswahl ist in unseren Medien allzu häufig herauszuhören, was nun ganz dringend geschehen sollte, was unbedingt zu unterlassen sei, welches Koalitionsmodell die Zukunft darstellt und welches die angeblich triste Vergangenheit. Grenzüberschreitungen überall. Und wenn wir diesen Weg weiter gehen, wenn wir offensiv den Anspruch erheben, in diesem Land zu entscheiden, wer regiert und wer nicht, dann landen wir da, wo uns die kritischen Bürger in den Umfragen schon heute lokalisieren. Wir Medien als Machthaber, als Mitregierer, als „Wir da oben“, die den Bürgern vorschreiben, wie sie zu denken und zu handeln haben. Nein, die Kritik uns Medien gegenüber ist nicht nur Folge von Verblendung und Demagogie, unsere Rolle und unsere Funktionen sind vielen unklar und unheimlich geworden. Und das bereitet den Demagogen und Hetzern das Feld.

Stefan Raue ist seit Juni 2017 Intendant des Deutschlandradios.

nach oben

weiterlesen

„Starker Einsatz“ für starke Frauen

Regisseurin Barbara Rohm und Kamerafrau Birgit Gudjonsdottir sind am Freitagabend bei der feierlichen Gala des Deutschen Schauspielpreises mit dem ver.di-Preis „Starker Einsatz“ ausgezeichnet worden. Die ZDF/Arte-Serie „Bad Banks“ räumte in den Kategorien „Schauspielerin in einer Hauptrolle“ und „Schauspieler in einer Hauptrolle“ gleich zwei Mal ab. Gut lief es auch für die ARD-Produktionen „Gladbeck“ und „Babylon Berlin“. Am meisten Beachtung fanden die klaren Worte eines jungen Ausnahmetalents zur Spaltung und zum Rechtsruck innerhalb der Gesellschaft.
mehr »

Vom kleinen Klüngel auf die große Bühne

Egal, ob Talkshows oder Titelstorys: Die Neue Rechte setzt die Themen, bestimmt die Begriffe. „Vom kleinen Klüngel wurde sie auf die ganz große politische Bühne gespült“, sagt der Journalist Hanning Voigts von der „Frankfurter Rundschau“. Den Mainstream-Medien wird vorgeworfen, dabei mitgeholfen zu haben. Mit ihrer Berichterstattung rückten sie rechte Themen stark in den Fokus. Die Frage: Warum machen sie das und was lässt sich dagegen tun? stand beim „Runden Tisch für Interkulturellen Mediendialog“ zur Medienarbeit der Neuen Rechten in Frankfurt am Main im Mittelpunkt.
mehr »

Hakenkreuze gehören nicht in PC-Spiele

Die Entscheidung der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), Computerspiele mit Hakenkreuzen und anderen Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen freizugeben, ist falsch. Die USK und die Games-Branche verlangen eine Gleichstellung von Computerspielen mit Filmen. Diese Gleichstellung ist nicht gerechtfertigt. Denn die Wirkung von Gewalt in Games ist erheblich problematischer.
mehr »

Postfach im Darknet

Auf Basis der Software SecureDrop haben Medien wie die New York Times, die Washington Post und der britische Guardian abhörsichere Postfächer im Darknet installiert. Das schützt auch Whistleblower ohne größere IT-Kenntnisse vor Enttarnung. Er wusste, was er tat: Als Edward Snow­den im Jahr 2013 mit dem Journalisten Gleen Greenwald Kontakt aufnahm, befand er sich noch in dem Land, dessen Behörden ihn bald als Staatsfeind jagen würden. Anonymisierungstechnologien, die er virtuos beherrschte, ermöglichten ihm, selbst zu bestimmen, ob und wann er seine Identität offenbart.
mehr »