Beruf Bildredakteur – ein Auslaufmodell?

Proteste gegen Abbau bei WAZ und Lensing-Wolff

Zuerst mußten die Schriftsetzer und Metteure dran glauben. Als nächstes soll der Beruf des Bildredakteurs von der Bildfläche verschwinden – wenn es nach dem Willen der Zeitungsverleger an Rhein und Ruhr geht.

Mehr als 100 Kolleginnen und Kollegen der im Essener WAZ-Konzern (WAZ, „Westfälische Rundschau“, „Neue-Ruhr-Zeitung“, „Westfalenpost“) und im Dortmunder Verlag Lensing-Wolff („Ruhr-Nachrichten“, „Münstersche Zeitung“) erscheinenden Tageszeitungen versammelten sich auf einer gemeinsamen Veranstaltung von IG Medien und DJV (Deutscher Journalistenverband) in Dortmund. Anlaß sind konkrete Bestrebungen in beiden großen Verlagshäusern, den Tarifvertrag für Redakteurinnen und Redakteure an Tageszeitungen zu unterlaufen und das Berufsbild des Bildredakteurs zu demontieren.

So soll auf Anweisung der WAZ-Geschäftsführer Günter Grotkamp und Erich Schumann bei der „Westfälischen Rundschau“ die Planstelle eines Bildredakteurs künftig mit einem „angestellten Bildberichterstatter“ besetzt werden. Anstelle des geltenden Tarifvertrags für Redakteure soll die Vergütung des „Bildberichterstatters“ nach dem Tarifvertrag für kaufmännische Angestellte in Zeitungsverlagen erfolgen. Das angebotene Einstiegsgehalt liegt gerade einmal 100 Mark über dem Volontärsgehalt.

Bei der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ sollen neue Stellen demnächst durch freie Fotografen besetzt werden.

Und auch im Verlag Lensing-Wolff scheren sich die Verleger gleich ganz um jede tarifliche Eingruppierung. Dort wurde den bislang redakteursähnlich arbeitenden Foto-Pauschalisten die Übernahme in eine neue „Lensing-Wolff Media Service GmbH“ angeboten. Das Vertragsangebot sieht ein Festgehalt ohne die im Tarifvertrag üblichen Gehaltsanpassungen und Sozialleistungen (Presseversorgung, Lohnfortzahlung, Kündigungsschutz etc.) vor.

Demontage des Berufsbilds

Im Namen der in Dortmund versammelten Kolleginnen und Kollegenverfaßten der Landesvorsitzende der IG Medien NRW, Franz Kersjes, und Heike Lambertus, Geschäftsführerin des DJV-Landesverbandes NRW, einen Offenen Brief an die Adresse der Verleger. Darin heißt es: „Die Teilnehmer der Versammlung in Dortmund und die sie vertretenden Gewerkschaften sehen in diesem Vorgehen der WAZ-Gruppe und des Verlags Lensing-Wolff einen klaren Verstoß gegen geltendes Tarif- und Arbeitsrecht und einen Bruch der Vereinbarungen zur sozialen Partnerschaft, der nicht hingenommen werden kann.“ Ohne wirtschaftliche Not und ohne besonderen Anlaß werde das journalistische Berufsbild demontiert, die Scheinselbständigkeit gefördert und würden der Solidargemeinschaft Beiträge zur Sozialversicherung in Millionenhöhe entzogen.

IG Medien und DJV rufen die Mitglieder im Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und die politischen Instanzen daher auf, diesen Versuchen schnellstens einen Riegel vorzuschieben.

Die in der WAZ-Gruppe und im Verlag Lensing-Wolff arbeitenden Kolleginnen und Kollegen wissen im übrigen um ihre Vorreiterrolle in der bundesdeutschen Presselandschaft. „Heute werden es ,nur‘ fotografierende Kolleginnen und Kollegen aus unseren Pressehäusern an Rhein und Ruhr sein, denen die tariflichen und sozialen Rechte vorenthalten werden sollen“, sagte ein Betriebsrat. „Es braucht jedoch nicht viel Phantasie, zu sehen, daß der soziale Kahlschlag auch vor schreibenden Journalisten und anderen Verlagen nicht haltmachen wird.“

Konkurrenz

Die beiden WAZ-Geschäftsführer Grotkamp und Schumann reagierten zwischenzeitlich mit einem Antwortschreiben auf den Offenen Brief der Journalistengewerkschaften und meinen, er gehe an der Realität vorbei. In den Antwortschreiben heißt es: „Die Verfasser des Offenen Briefes vernachlässigen die Tatsache, daß die Tätigkeit festangestellter Bildredakteure in zunehmenden Maße von ehemals festangestellten Bildredakteuren konkurrenziert wird, die sich selbständig gemacht haben und mit Erfolg mit eigenen Agenturen und durch in diesen angestellten Mitarbeitern die Versorgung der Redaktionen der Zeitungen und Zeitschriften betreiben. Es ist zwar davon auszugehen, daß diese Veränderungen am Markt längerfristig auch Auswirkungen auf die Bedarfsstruktur der Bildberichterstattung der Zeitungen und Zeitschriften haben. Wir haben uns jedoch unabhängig davon stets ausdrücklich zu den bestehenden Strukturen und geltenden Regelungen bekannt. Die gegen uns erhobenen Vorwürfe sind daher unbegründet.“ Dazu der Betriebsrat der „Westfälischen Rundschau“ an die Adresse der Geschäftsführer: „Lasset den Worten Taten folgen!“

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