Blick auf die Top Ten der vergessenen News

Zeitungen

Foto: pixabay

Was haben die schleichende Abschaffung der Lernmittelfreiheit, fehlender Krankenversicherungsschutz oder das Thema Pflegende Kinder und Jugendliche gemeinsam? Sie finden sich unter den Top Ten der vergessenen Nachrichten 2022. Die Liste veröffentlicht die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) gemeinsam mit der Nachrichtenredaktion des Deutschlandradios einmal im Jahr.

Seit 25 Jahren will die INA aufzeigen, welche relevanten Themen es noch links und rechts des Nachrichtenmainstreams gibt, sagte Geschäftsführer Hektor Haarkötter. Für das Aus- und Weglassen wichtiger Themen gebe es mehrere Ursachen, so Haarkötter wie auch Deutschlandfunk-Nachrichtenchef Marco Bertolaso bei der Vorstellung der aktuellen Aufstellung. So würden viele Themen durch andere verdrängt. Dazu zählten derzeit vor allem die Corona-Pandemie und der russische Angriff auf die Ukraine. Hinzu kämen strukturelle Gründe in den Redaktionen, durch die viele Nachrichten wegfielen. Darauf könne die Initiative nur hinweisen, ändern könne sie diese nicht.

Das vergessene Topthema ist aus Sicht der auswählenden Jury von Wissenschaftler*innen und Journalist*innen die um sich greifende Abschaffung der Lernmittelfreiheit. Obwohl immer wieder gefordert werde, dass Schulbildung nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen dürfe, gebe es bereits in vier Bundesländern gar keine Lernmittelfreiheit wie etwa kostenlose Schulbücher mehr. Der wirtschaftliche Druck auf die anderen Bundesländer steige, hier nachzuziehen.

Beim fehlenden Krankenversicherungsschutz auf Platz zwei hatte die Jury ehemalige Selbstständige oder „illegale“ Einwanderer im Blick, die trotz Notlagentarif und anderen gesetzlichen Regelungen durchs Raster fielen. Den dritten Platz belegt das Thema Pflegende Kinder und Jugendliche. In Deutschland seien knapp eine halbe Million Kinder und Jugendliche an der Pflege ihrer Angehörigen beteiligt. Die fehlende Thematisierung und das Fehlen einer Interessenvertretung berge das Risiko eines Zusammenbruchs des deutschen Pflegesystems.

Zu den Top Ten gehören weiter die fehlende Palliativversorgung von Wohnungslosen, das Betriebsrätemodernisierungsgesetz, nachhaltige Autobahnen aus Asche oder der Sexismus in politischen Parteien. Letzteres sei gerade durch die Sexismusvorwürfe bei der Partei Die Linke ins Blickfeld geraten. Die Jury verwies aber auf eine Studie, wonach vier von zehn Politikerinnen aller Parteien Sexismuserfahrungen machen mussten.

Haarkötter, der auch Professor für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt politische Kommunikation an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ist, stellt trotz Rangfolge klar, dass alle zehn Nachrichten gleichrangig sind.

Aufruf zur Mitarbeit

Die Suche nach den „Vergessenen Nachrichten“ müsse eigentlich tägliche Aufgabe einer Nachrichtenredaktion sein, konstatierte Bertolaso. Viele Vorschläge kommen aus der Bevölkerung, erklärte Haarkötter. Studierende und Wissenschaftler*innen an mehreren Hochschulen recherchierten dann weiter. Der INA-Geschäftsführer sprach von Sisyphos-Arbeit. Er räumte ein, dass die so an die Oberfläche kommenden Themen nicht nachhaltig aufgegriffen würden. Das beschränke sich zumeist auf die Berichterstattung über die Top Ten in den Folgetagen. Nur einmal habe man weitergehenden Erfolg gehabt. Vor Corona sei die fehlende Fachausbildung von Infektiologen unter den Top Ten gewesen. Mit der Pandemie habe der Bundestag das Thema aufgegriffen. Doch auch die fehlende Nachhaltigkeit in der Berichterstattung hier führte Haarkötter auf die strukturellen Probleme in den Redaktionen zurück.

Gerade deswegen ist die INA, eine Nicht-Regierungsorganisation, an einem stärkeren Diskurs zu den Themen interessiert. Alle interessierten Bürger sollten die Initiative ergreifen und über die Website Themenvorschläge für vernachlässigte Themen einsenden. „Wir sind sicher, jedem fällt auf Anhieb eine Geschichte ein, die es wert wäre, einem breiten Publikum erzählt zu werden. Die Einreichungen aus der Bevölkerung sind wichtig für die Arbeit der INA“, appellierte Filiz Kalmuk, Vorstandsmitglied der INA.

Nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause veranstaltet die INA gemeinsam mit dem Deutschlandfunk und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg am 19. Mai das 6. Kölner Forum für Journalismuskritik. Dabei wird zum sechsten Mal der Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik vergeben. Das Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro stiftet RTL. Günter Wallraff ist Ehrenmitglied der INA und feiert in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Politik zwingt MDR in die Knie

Der MDR muss weiter massiv sparen und geht dabei ans Eingemachte. Nach "MDR um 2" und "Mittagsmagazin" trifft es jetzt "Tatort" und "Polizeiruf". Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) stellt sich hinter die Beschäftigten und fordert eine verlässliche Finanzierung des Senders sowie einen verantwortungsvollen Umgang mit den angekündigten Sparmaßnahmen.
mehr »

Bayern bessert Rundfunkgesetz nach

Eingriff in die Programmautonomie und in das Gebot der Staatsferne – so lautete übergreifend die deutliche Kritik am ersten Entwurf der bayerischen Staatsregierung von CSU und Freien Wählern, das Rundfunkgesetz zu novellieren. Es ist die Rechtsgrundlage für den Bayerischen Rundfunk (BR). Nun reagiert die Regierung und kündigt an, die Gesetzesnovelle entschärfen zu wollen.
mehr »

ORF: Jetzt reden die Mitarbeitenden

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk Österreichs (ORF) steckt in einer tiefen Krise. Es geht demnach um mutmaßliche sexuelle Belästigung seitens des ehemaligen Generaldirektors, um ein toxisches Arbeitsklima, politische Einflussnahmen. Nach der Aktion "Nicht mit uns" fordern in der Aktion "Mit uns" nun zahlreiche Mitarbeitende Maßnahmen hin zu einer nachhaltigen und tiefgehenden Veränderung.
mehr »

DW: Mehr Protest gegen Kürzungen

Nun hat auch der Fachbeirat der Deutsche Welle Educational Programs (DW Deutsch lernen) laut dwdl.de in einer Stellungnahme die geplanten Kürzungen im Deutsch-Angebot des Auslandssenders kritisiert und vor massiven Schäden für den Sender gewarnt. Die DW hatte angekündigt, das Budget halbieren zu wollen, was zu großen Protesten geführt hatte.
mehr »