Das sprachliche Monopol durchbrechen

Stephan Hebel ist seit zwei Jahrzehnten Leitartikler, Kommentator und politischer Autor für die FR und andere Medien. Foto: Alex Kraus Al

Deutschland muss „fit für die Zukunft“ gemacht werden, wir brauchen „Reformen“, das ist „alternativlos“! Solche Sprüche hören wir Tag für Tag, mit vermeintlichen Gewissheiten wird Politik gemacht. Doch was ist dran? In ihren „Gute-Macht-Geschichten” untersuchen Daniel Baumann und Stefan Hebel die Floskeln der Macht. Sie haben ein „Wörterbuch der Irreführung” zusammengestellt, übersetzen häufig auftauchende politische Phrasen in leicht verständlichen Klartext. Thomas Gesterkamp sprach mit den Autoren über „Politische Propaganda und wie wir sie durchschauen können”.

In einem „Wörterbuch der Irreführung” übersetzen Sie häufig auftauchende politische Phrasen in leicht verständlichen Klartext. Um welche Begriffe geht es?

Stefan Hebel | Zum Beispiel um die „Eigeninitiative“, die hervorgeholt wird, wenn es um den Abbau von Sozialleistungen geht. Oder um einen Begriff wie „sozial Schwache“, der Armut indirekt zur persönlichen „Schwäche“ der Armen erklärt. Wir dachten: Wenn „Wettbewerbsfähigkeit“ nichts anderes heißt als Kostensenkung und mit „Bürokratieabbau“ fast immer der Abbau von Schutzrechten gemeint ist, dann kann das nicht einfach so stehenbleiben.

Daniel Baumann ist Ressortleiter Wirtschaft der Frankfurter Rundschau (FR). Foto: peter-juelich.com
Daniel Baumann ist Ressortleiter Wirtschaft der Frankfurter Rundschau (FR).
Foto: peter-juelich.com

Daniel Baumann | Unser Buch ist nach Art eines Lexikons aufgebaut, und es enthält fast durchweg Begriffe, die von Lobbygruppen und ihnen gewogenen Politikern in die Öffentlichkeit lanciert und leider auch von Medien oft allzu bereitwillig aufgenommen werden.

Der Soziologe Niklas Luhmann nannte die manipulative Sprache einst „Lingua Blablativa” – als sei der Wörternebel leicht zu durchschauen. Wozu dann ein erklärendes Lexikon?

Hebel | So einfach ist das Durchschauen nicht. Nehmen Sie mal die „schwäbische Hausfrau“. Dass der Staat anders als die „Hausfrau“ auch seine Einnahmen steuern kann – deshalb heißen Steuern ja Steuern –, wird gezielt unterschlagen, um das ideologische Tabu gegenüber einer gerechteren Besteuerung am oberen Ende wie ein Naturgesetz erscheinen zu lassen. „Lingua Blablativa“ ist eine schöne Wortschöpfung, aber sie birgt auch eine Gefahr: dass sich viele Menschen achselzuckend oder gar wütend von dem ganzen „Blabla“ abwenden und gar nicht versuchen, die Codes zu knacken, mit denen eine Politik auf Kosten der Mehrheit verkauft wird.

Gute-Macht-Geschichten, das klingt einschläfernd – was ist damit gemeint?

Baumann | Es geht darum, dass im politischen Diskurs mit bestimmten Begriffen operiert wird, bei deren Verwendung in den Köpfen der Bürger sofort eine bestimmte Geschichte losrattert. „Demografie“ ist so ein Beispiel. Die allermeisten Menschen assoziieren damit ein Niedergangsszenario, obwohl das überhaupt nicht angebracht ist. Folglich können Sie mit der Demografie alle möglichen sozialen Grausamkeiten begründen. Es handelt sich um einen dieser Begriffe mit sedierender Wirkung.

Hebel | Wir meinen, dass es vielen Politikern sehr recht ist, wenn die Mehrheit die Augen vor der sozialen Ungerechtigkeit verschließt. So lässt sich Sozialabbau durchsetzen, ohne Protest befürchten zu müssen – denken Sie zum Beispiel an die Zusatzbeiträge der Krankenkassen. Wir zitieren im Buch den Politologen Martin Greiffenhagen, der sagt: „Wer die Dinge benennt, beherrscht sie.“ Das heißt: Wie über Wirklichkeit gesprochen wird, das verändert auch die Wirklichkeit. Wenn es gelingt, die Verarmung von Millionen Griechen als Steigerung der „Wettbewerbsfähigkeit“ darzustellen, ist die politische Stimmung auch bei uns eine andere, als wenn der politische Imperativ der Armutsbekämpfung, also der Gerechtigkeit, die Hegemonie in der Debatte erobern würde. Wir wollen dazu beitragen, das sprachliche Monopol, mit dem der Neoliberalismus sich für „alternativlos“ erklärt, zu durchbrechen.

Warum sind die Medien so anfällig für politische Propaganda?

Baumann | Ich würde nicht pauschal von „den Medien“ sprechen. Das wird der großen Vielfalt der Publikationen nicht gerecht und fördert den Verdruss. Es gibt weiterhin sehr gute Informationsangebote – Blogs im Internet eingeschlossen. Man muss sich aber auch die Mühe machen, die Titel zu finden und zu lesen, die sich durch eine kritische Herangehensweise auszeichnen.

Warum verwenden viele Journalisten regelmäßig die von Lobbyisten lancierten Begriffe?

Baumann | Journalisten sind natürlich ebenfalls Ziel politischer Lobbyarbeit. Diese Geschichten, die da in ständiger Wiederholung an einen herangetragen werden, erscheinen in den meisten Fällen inhaltlich erst einmal schlüssig. Es erfordert Mühe, sie zu durchschauen. Sicher gibt es Kollegen, die sich diese Mühe nicht machen – oder die mit diesen Geschichten schlichtweg einverstanden sind. Man muss aber auch sehen, dass durch die Ausdünnung der Redaktionen immer häufiger die Zeit für Recherche und Reflektion fehlt. Auch mir sind solche Gute-Macht-Geschichten in der Hektik schon durchgerutscht. Man muss sich ein Immunsystem dagegen zulegen, das automatisch Alarm schlägt.

In der Debatte um die Agenda 2010 wurde der ursprünglich emanzipatorisch gemeinte Begriff “Reform” umdefiniert und mit dem Abbau von Sozialleistungen in Verbindung gebracht. Was erklärt den Erfolg solcher Sprachmanipulationen auch im Umfeld rotgrüner Politik?

Baumann | Ich sehe es so, dass diese Umdeutung eines Begriffs letztlich das Symptom eines neuen politischen Programms war. Als die SPD mit Gerhard Schröder auf einen neoliberalen Kurs eingeschwenkt ist, war es strategisch natürlich sehr vorteilhaft, unter dem Mantel eines positiv besetzten Begriffs wie dem der Reformen nun Sozialabbau zu betreiben. Letztlich haben die Sozialdemokraten mit der Adaption einer anderen politischen Agenda eben auch das dazugehörige Vokabular übernommen. Die SPD hat ja sogar mal versucht, den Begriff Gerechtigkeit durch Fairness zu ersetzen. Das ist aber gescheitert.

Was kann man, neben einem solchem Mythen-Lexikon, gegen politische Propaganda tun?

Hebel | Das Erste ist: Nicht weghören, sondern zuhören mit kritischer Distanz. Und zwar auch, aber nicht nur als Journalistin oder Journalist. Wir hoffen, dass unser Buch dabei hilft, aber es gibt auch noch andere sprachkritische Initiativen. Denken Sie an die Aktion „Unwort des Jahres“, bei der ich neben vier Sprachwissenschaftlerinnen und –wissenschaftlern in der Jury sitze. Da findet jedes Jahr eine tolle Diskussion über die manipulative Kraft von Wörtern statt, und die Unwörter, die dabei herauskommen, sollen Anregung zum kritischen Hinhören geben.


 

„Gute-Macht-Geschichten. Politische Propaganda und wie wir sie durchschauen können.“ Westend Verlag, Frankfurt/Main 2016. 248 Seiten, 16 Euro.

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