Der Chefsessel bleibt frauenfrei

Mit Blick auf Inhalte einige Klischees beiseite geschafft

„Der Journalismus wird weiblich.“ So titelte unlängst die Fachzeitschrift für Journalismus message. Und leicht ängstlich fragt sie dabei im Untertitel: „Wenn Frauen sich durchsetzen: Ändert sich der Inhalt?“ Droht im Journalismus also das, was in der PR schon länger als ‚velvet ghetto’ diskutiert wird? Eine Profession wird weiblich und verliert zugleich an Status, Prestige und Einfluss.


Schauen wir uns die Fakten an: Von etwa 48.000 Menschen, die 2005 in Deutschland hauptberuflich journalistisch tätig sind, sind 37 Prozent Frauen. Das hat das Forschungsteam um den Hamburger Professor Siegfried Weischenberg in der repräsentativen Befragung „Journalismus in Deutschland II“ ermittelt. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass Ende der 1970er Jahre ca. 17 Prozent Frauen im Männerberuf Journalismus tätig waren, zeigt sich hier eine beachtliche Steigerung. Während der Anteil von Frauen in der Profession fortlaufend steigt, vor allem junge, hochqualifizierte Kolleginnen via Studium, Volontariat und freier Mitarbeit in den Journalismus einsteigen, tut sich in den höheren Etagen weiterhin wenig bis nichts. Auf der Ebene der Chefredaktionen findet sich eine Frau neben vier Männern, 29 Prozent der Ressortleitungen und CvDs nehmen Frauen wahr. Es sind die „alten Medien“, allen voran die Tageszeitungen und Nachrichtenagenturen, in denen Frauen dramatisch unterrepräsentiert sind. Vergleichsweise gut vertreten sind Journalistinnen dagegen in Hörfunk und Fernsehen – sowie in den Zeitschriften. Mit dem Blick auf die inhaltlichen Zuständigkeiten von Frauen und Männern im Journalismus müssen ein paar Klischees beiseite geschafft werden. Es sind nicht die Frauen, die in softe Randressorts ausweichen und damit die Chance zum Aufstieg verspielen. In den zentralen Ressorts Aktuelles, Politik, Wirtschaft und Lokales sind Journalistinnen entsprechend ihrem Anteil in der Profession vertreten. Als hochgradiger Männerjob erweist sich noch immer das Sportressort, mehr Frauen arbeiten im Feuilleton. Journalistinnen sind im Schnitt besser ausgebildet, verdienen zum Ausgleich dafür deutlich weniger Geld (ca. 700 Euro Differenz total, gut 500 Euro allein aufgrund des Geschlechts). Was läuft falsch?

Veränderte Rollenverteilung

Journalismus hat in dem, was heute als Mediengesellschaft bezeichnet wird, einen grundlegenden Funktions- und Strukturwandel durchlaufen. Die geschlossene politisch-publizistische Elite, die das Bonner Glashaus gekennzeichnet hat, ist in Berlin einer „Meute“ gewichen. Eine Beschreibung, die für viele Akteure mehr als kränkend ist. Tissy Bruns, Parlamentsredakteurin des Tagesspiegel, schreibt: „Politiker und politische Journalisten gehören zu den Verlierern der Mediengesellschaft.“ Sie konstatiert einen Verlust gegenüber dem Boulevard und den elektronischen Medien. Die Macht der Welterklärung, Weltdeutung und auch Weltgestaltung, die politischer Journalismus für sich beansprucht (hat), ist damit in Gefahr.
Wenn die Festung derart bedroht ist, dann rücken die Ritter noch enger zusammen. So lässt sich die Haltung des ehemaligen Spiegel-Chefredakteurs Stefan Aust nachvollziehen: Er erklärt politische Berichterstattung in Printmedien zur Männersache. Das „Sturmgeschütz der Demokratie“ bleibt auf verlässlichem Posten. Während Spiegel TV und Spiegel online im Personal, der Themenstruktur und den Präsentationsweisen längst eine Öffnung zwischen Politik und Lebenswelt vollzogen hat, gründet der Mythos des Spiegel noch immer auf der normativen Trennung. Auch wenn Alpha-Weibchen die Titelseite längst erobert haben, die Chefsessel an der Brandstwiete bleiben frauenfrei.
Bleibt die Frage, ändert sich der Journalismus, wenn er weiblich wird? Schon die Frage ist falsch gestellt, denn hier werden Ursachen und Wirkungen bunt durcheinander gewürfelt. Als Erstes gilt es festzuhalten: Gesellschaft hat sich mit Blick auf die Arbeits- und Rollenverteilung von Männern und Frauen grundlegend verändert. Der Journalismus vollzieht diese Entwicklungen nun mit deutlicher Zeitverzögerung nach. Zweitens: Journalismus hat sich unter ökonomischen und technologischen Vorgaben grundlegend gewandelt. Diese Prozesse der Kommerzialisierung und Digitalisierung bringen Umbrüche und Öffnungen mit sich, die vor allem Frauen den Zutritt in das Feld erleichtert haben. Drittens: Journalismus ist mehr und vielfältiger geworden. Die Programmvervielfachung hat das unangefochtene Primat des Informationsjournalismus unwiderruflich ins Gestern befördert. Peoples-Journalismus steht neben Ratgeber-Journalismus, Auslandsberichterstattung neben PR-verdächtigen Reiseberichten, Vereinsberichterstattung neben investigativen Recherchen. Diese Vielfalt journalistischer Berichterstattungsmuster lässt sich nicht nach ‚weiblich’ versus ‚männlich’ sortieren. Frauen schreiben nicht per se einfühlsam, Männer recherchieren nicht qua Geschlecht knallhart. Die Vielfalt wird aber durchaus vielfältigen Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten gerecht. Die Forderung nach einer alltagsweltlichen Berichterstattung, die sich nicht in der Innensicht der politischen und ökonomischen Eliten verliert, ist alt – auch im Spiegel. So schrieben 1998 die beiden Redakteurinnen Angelika Gattersburg und Marianne Wellershoff: „Politik wird erst dann interessant, wenn sie in ihren Auswirkungen auf den Bürger/die Bürgerin journalistisch vermittelt wird – und nicht als Bonner Hahnenkampf.“ Eine solche Forderung ist keineswegs ‚weiblich’, sie nimmt aber in besonderer Weise Lesebedürfnisse von Frauen ernst. Bei schrumpfenden Auflagen dürften Verlage hier ihren Blick schärfen.

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