Der Journalist beim BND

Aufgeflogener Agent Wilhelm Dietl rechtfertigt sich publizistisch

Er interessierte sich für das Leben der Anderen, bis zum Hindukusch. Jetzt hat Geheim­agent „Dali“, alias Wilhelm Dietl, Journalist aus der Oberpfalz, seine Weltreisen als Agent des Bundesnachrichtendienstes (BND), in einer surrealistischen Lebensbeichte auf den Markt gebracht. Als BND-Emissär mit Presseausweis wähnt er sich noch immer als Patriot: „Es war ein Arbeitsverhältnis und zu alledem“, so will er es verstanden sehen, „diente es der Sicherheit Deutschlands.“

Schon 1984 hatte Ex-Stern-Redakteur Manfred Bissinger auf einer Tagung der Deutschen Journalistinnen und Journalisten-Union (dju) zum Thema „Massen­medien und Geheimdienste“ die plumpe Bauernfängerei des BND skizziert. Bei so genannten Chef-Gesprächen zu denen der Pullacher Dienst immer wieder namhafte Vertreter der Medien einlud, war immer wieder, so Bissinger, „von den gemeinsamen Interessen“ die Rede, das Wort „Deutschland“ fiel sehr häufig, man „ziehe doch am gleichen Strang.“ Der Schnittmusterbogen traf wohl in diesen Jahren punktgenau auch auf den BND-Einsteiger Dietl zu. Wieder entstand jene unerfreu­liche Symbiose, vor der nicht oft genug gewarnt werden kann. Erst jüngst hat die dju in Ergänzung ihrer Charta ausdrücklich unterstrichen: „Journalismus ist mit Tätigkeiten für Geheimdienste nicht vereinbar.“
Rund ein Dutzend Pressevertreter war dieser Tage der Einladung zur Buchvorstellung des Geheimdienst-Journalisten Wilhelm Dietl ins Berliner Hotel Albrechtshof gefolgt. Als Ouvertüre gab es etwas Asche auf’s eigene Haupt: Er sei zwar im Kontext mit der Journalistenbespitzelung des BND enttarnt worden, er sei daran jedoch nie beteiligt gewesen.

Vergeltung gewittert

Die Zahl der Agenten des Bundesnachrichtendienstes, die allein darauf angesetzt seien, Journalisten auszuhorchen, siedelt Dietl „im zweistelligen Bereich“ an. Hinter seiner Enttarnung in dieser Affäre durch die Chefriege der Pullacher Schlapphüte wittert Dietl eine „Vergeltung“ für die Publikationen, die er mit dem Ex-BND-Agenten Norbert Juretzko verfasst hat.
Begonnen hat seine Laufbahn einst in ostbayerischen Provinzredaktionen, dann war Dietl „der Sprung zur Süddeutschen Zeitung und schließlich zur Illustrierten Quick“ gelungen, dort eröffnete sich ihm „der Zugang zur Welt“. Er interessiert sich für den Nahen Osten, besonders für Syrien. Dietls Sichtweise der internationalen Lage musste dem BND gefallen: „Syrien verstand sich als sozialistischer Staat …“ Da galt es Einfluss zu nehmen.
1982 war der BND auf Dietl aufmerksam geworden, so erzählt er – und verdeutlicht einmal mehr, wie präzise der ­Geheimdienst die Presseleute im Visier hat – als Zuträger oder als Objekte der Be­spitzelung. Politisch bleibt er auf der Wellenlänge der alten Auftraggeber, auch wenn er 1993 – aus Animosität zum Geheimdienstkoordinator Bernd Schmid­bauer – den Dienst quittiert hat.
Zu oft, um es ironisch zu verstehen, greift Dietl ins Vokabular jüngster Wa­shingtoner Mobilmachungsrhetorik, wie „Schurkenstaat“ oder diverse Floskeln von „Terrorismus“.
Vom Nahen Osten bis Afghanistan liegt seit langem begehrtes Terrain – auch für den BND, als dieser vor 25 Jahren Dietl ins Geschirr nahm. Mit einem bestens ausgestatteten finanziellen Polster konnte er daran gehen, Informanten zu werben, von denen einige tatsächlich in dem Glauben gehalten wurden, sie hätten es mit einem Journalisten zu tun.
Der Schaden für den ganzen Berufsstand ist längst gegeben, gesteht selbst Dietl ein. Misstrauen nämlich schlägt den Pressevertretern vielerorts entgegen, begründet darauf, dass eben „viele Journa­listen aus zahlreichen Ländern“, so der Experte, an der Leine der Geheimdienste laufen, „aber da gibt es keine Statistik, da kann man keine Zahlen nennen.“ Müsste man nicht schon aus sprachhygienischen Gründen sagen: Viele Agenten verstecken sich hinter der Fassade eines unabhängigen Journalisten? Und auch Dietl muss eingestehen, dass die Gefahren für Leib und Leben der Journalisten in den letzten Jahren erheblich gewachsen sind.

Selbstkritische Bilanz – Fehlanzeige

Dietl selbst traf, so sagt er, in seiner aktiven Agentenlaufbahn „genug Kollegen“ – bezogen auf Journalisten –, bei denen er „das Gefühl hatte, dass sie auf beiden Schultern tragen.“ Keine ermutigende Aussage zum Thema, welcher Wert der ­Berichterstattung aus Krisenregionen beigemessen werden kann, wenn sich dort halbe Armeen geheimdienstbesoldeter Lohnschreiber tummeln.
Wie sehr der BND die intime Nähe zur Presse sucht, weiß Dietl aus seiner Kenntnis. So könne er bestätigen, dass Journalisten, die mit dem BND „sprechen“, einen Decknamen bekämen, damit ihr Klarname „nicht in den Akten auftaucht.“ Auch wenn sie noch nicht auf der Gehaltsliste erscheinen.
Dietl selbst sucht, nachdem er vom einstigen Dienstherren dekonspiriert ­wurde, die Öffentlichkeit. Er beklagt, wie ­„lebensgefährlich“ für ihn nunmehr Reisen in den arabischen Raum oder den Iran geworden sind. Das tatsächlich Beklagenswerte, die Gefahr, die durch geheimdienstliche Journalisten-Mimikry für unabhängige Vertreter des Standes heraufbeschworen wird, bleibt ausgeblendet. Darauf zu antworten wäre dann wohl auch eher Aufgabe des Bundesnachrichtendienstes oder des zuständigen Ministers. Dietl setzt sich mit dieser Praxis des BND in seinem Buch „Deckname ‚Dali‘“ nicht substantiell auseinander. Selbstkritische Bilanz – Fehlanzeige! Dem Geheimdienst prophezeit er nur weitere Skandale, „solange der ganz ‚normale‘ Bürger ein gestörtes Verhältnis zu Nachrichtendiensten“ habe.

 
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