Die Mär von der gemäßigten AfD

Ulrich Hottelet ist freier Journalist.
Foto: privat

Die rechtsradikalen Zitate führender AfD-Politiker füllen inzwischen ganze Bibliotheken. Doch viele Medien bis hin zur Tagesschau scheuen davor zurück, die Partei rechtsradikal zu nennen. Stattdessen schwadronieren sie von einem „gemäßigten“ Flügel und von „bürgerlich-konservativen“ Kräften in der AfD. Damit verharmlosen sie eine in weiten Teilen rechtsextreme Partei und deren rassistische Hetze.

Von Gaulands „Vogelschiss“ über die von Höcke geforderte „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ bis zum Schusswaffeneinsatz gegen Flüchtlinge an der Grenze, den von Storch anregte – die rechtsextremen und volksverhetzenden Aussagen von AfD-Spitzenpolitikern sind zahllos geworden. Sie unterscheiden sich fundamental vom Werteverständnis des Grundgesetzes, zu dem die Religionsfreiheit, die Pressefreiheit und das Grundrecht auf Asyl gehören. Entnervt und entmachtet durch den sukzessiven Rechtsruck der AfD warfen erst Parteigründer Bernd Lucke und später Frauke Petry politisch das Handtuch. Dennoch ziehen sich durch die AfD-Berichterstattung beschönigende Begriffe wie rechtspopulistisch, bürgerlich-konservativ und die verschwurbelte Bezeichnung „rechtskonservativ“ (gibt es auch linkskonservativ?). In Beiträgen über den Machtkampf in der Partei zwischen dem Höcke-Flügel und dessen Gegnern wird gar von einem „gemäßigten“ Flügel gesprochen.

Um es klar zu sagen: In einer radikalen Partei gibt es keinen gemäßigten Flügel, der ja in der Mitte des politischen Spektrums zu verorten wäre. Ähnlich abstrus wäre es wohl, von einem marktliberalen Flügel in der KPdSU zu fantasieren. Teile der AfD als konservativ-bürgerlich zu bezeichnen heißt zudem, die von der Partei taktisch gewählte Eigendefinition zu übernehmen, mit der man in diesem politischen Lager auf Stimmenfang geht.

Woher rührt die Hemmung, die Dinge klar beim Namen zu nennen? In erster Linie herrscht in den Redaktionen die Angst davor, mit einer klareren Sprache diejenigen Leserinnen/Zuschauer/Zuhörerinnen zu verprellen, die der AfD nahestehen. Das gilt naturgemäß gerade für Medien, die im Spektrum rechts der Mitte zu verorten sind. Gibt es doch neben dem zweistelligen Prozentsatz der AfD-Wähler auch so manchen Unionswähler, dem die Flüchtlingspolitik der AfD sympathischer ist als die der Kanzlerin. Gerade Männer machen ihrem Unmut in den sozialen Medien und in den Online-Leserkommentaren der Zeitung Die Welt und des Focus gerne lautstark Luft. Mit diesem Klientel will man es sich nicht verscherzen.

Zweitens gleicht der Sprachgebrauch einer Selbstbeschwichtigung. Nach dem Motto „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ herrscht die Überzeugung, die größte Oppositionspartei im Bundestag könne schon deswegen nicht rechtsradikal sein, weil sonst die Quote der Rechtsradikalen und Rassisten in der Bevölkerung ja deutlich größer wäre als man sich Jahrzehnte lang so gerne eingeredet hat. Diese Einschätzung übersieht geflissentlich die Hetztiraden, die täglich massenweise im Internet kursieren.

Drittens ist es schlicht Gedankenlosigkeit im Sprachgebrauch. Journalisten übernehmen einfach die Vokabeln, die sie in anderen Medien gelesen und gehört haben, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Reflektieren und Sorgfalt in der Wortwahl gehören aber zum journalistischen Handwerkszeug. Ebenso dazu gehört Rudolf Augsteins Leitspruch „Sagen, was ist“: Die AfD ist eine rechtsradikale Partei.

 

 

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