Die Zeit ist reif für eine Intendantin

Jubiläumstreffen der Medienfrauen ARD / ZDF in Potsdam – Männerdominanz in Nachrichten erneut unter der Lupe

>25 Jahre Herbsttreffen der Medienfrauen aus ARD und ZDF. Das waren 25 Jahre Kampf um Gleichstellung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, um geschlechtergerechte Präsenz in den Führungspositionen der Sender, in der Berichterstattung und um ein realistisches Frauenbild auf dem Bildschirm.

Einiges ist erreicht worden in diesem Vierteljahrhundert, dennoch, an Ausruhen kein Gedanke. Jetzt geht es darum, die erarbeiteten Chancen so zu gestalten, dass sie zur dauerhaften Norm eines demokratischen Rundfunks werden. „Chancen gestalten“ war deshalb das Motto der dreitägigen Veranstaltung, an der etwa 220 Medienfrauen, darunter auch Gäste aus Österreich, teilnahmen.

Nur Talkshow-Musen?

Die Kolleginnen vom ORB hatten die letzte Chance genutzt, ein Medienfrauentreffen auszurichten, bevor sie zusammen mit den SFB-Frauen vor der gemeinsamen Aufgabe stehen, eine aktive Frauen- und Gender-Politik in die neue Anstalt RBB einzubringen. Begonnen wurde damit sofort: Bei der Wahl der künftigen Führungspersönlichkeit des RBB soll der neue Rundfunkrat auch solche Kriterien wie Kommunikations- und Integrationsfähigkeit, soziale Kompetenz, innovative Management-Qualitäten, einschließlich Gender-Kompetenz und politische Unabhängigkeit für seine Entscheidung nutzen. Die Zeit für die erste Intendantin der ARD sei überreif. Und sie wäre ein Signal in Richtung Geschlechtergerechtigkeit.

Dieser Auffassung war auch die Ministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Renate Künast, in ihrer Eröffnungsrede. Auch ihre Berufung sei ein solches Signal gewesen, das einen „Kulturwandel“ sichtbar gemacht habe. Mit neuen Schwerpunktsetzungen, die konsequent auch die Frauen auf dem Lande in den Blick nehmen, ist sie dabei, Strukturen in Richtung Geschlechterdemokratie zu verändern. Das „neue Zauberwort“ Gender Mainstreaming muss „in unserem Werkzeugkasten“ zu einem „durchsetzungsstarken Instrument“ werden, meinte die Ministerin. Nicht nur in der Landwirtschaft! Auch in der „Bastion“ Privatwirtschaft, wo endlich ein Gleichstellungsgesetz verabschiedet und konstruktiv umgesetzt werden muss. Und auch in den Medien! Frauen „in der ersten Reihe“, so die Ministerin, dürfen sich nicht darauf beschränken, die „Musen der Talkshows“ zu sein, sondern müssen angesichts der „Macht der Medien“ darauf hinarbeiten, traditionelle Rollenmuster zu überwinden und – vor allem – neue zu prägen.

Wie aber kommt Gender in den Medien-Mainstream? Patentlösungen gibt es hier ebenso wenig wie anderswo. Am Anfang steht die Analyse des Ist-Zustandes, um angesichts der eindeutigen Benachteiligung von Frauen ein veränderungsorientiertes Bewusstsein zu entwickeln. Untersuchungen, wie die vom Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen des Landes Brandenburg in Auftrag gegebene zum Thema „Gender Mainstreaming in den Medien Brandenburgs“, vorgestellt von Autor Günther Rager und Referatsleiterin Marion Lührig, bieten hier wertvolle Grunddaten. In Dreiviertel aller Beiträge, ob TV, Hörfunk, Zeitung oder auch im Internet-Portal der Landesregierung, tauchen Frauen überhaupt nicht auf, alternative Rollenbilder gibt es kaum. Auch sprachlich werden Frauen negiert. Gender-Perspektive? Fehlanzeige.

Medien, vor allem das Fernsehen, spielen aber bei der Herstellung und Konstruktion von Geschlechterbildern, die das Bewusstsein der Menschen und damit unserer Gesellschaft prägen, eine zentrale Rolle.

Gender-Trainings, wie das von der Kommunikationswissenschaftlerin Margret Lünenborg und Sabine Stadtmüller vom Journalistinnenbund, auf dem Treffen unter reger Beteiligung durchgeführte, können hier außerordentlich erhellend wirken. Schon die Analyse einer x-beliebigen „Tagesschau“ vermag sinnlich manifest zu vermitteln, wie Männerdominanz in Fernsehnachrichten funktioniert und wie Frauen, auch hochrangige Politikerinnen, demontiert und nachrangig behandelt werden. Gender-Sensibilisierung, so die Forderung, muss deshalb zentrales journalistisches Qualitätskriterium werden.

Diskriminierte Männer

Wie man(n) es nicht machen soll, belegt alljährlich die Verleihung der âSauren GurkeÔ, die immerhin gewährleistet, dass das Treffen in den Medien eine gewisse Berücksichtigung findet. Zum Muster-Beispiel frauenfeindlichen Fernsehens wurde in diesem Jahr ein Beitrag des Bayerischen Rundfunks aus der Fernseh-Magazinreihe âFamilienzeitÔ gekürt. Unter dem Titel „Männer – das diskriminierte Geschlecht“ durfte Buchautor Paul-Hermann Gruner sich umfangreich zu seinen Thesen von der gravierenden Benachteiligung des männlichen Geschlechts, verantwortet vom „organisierten Feminismus“, auslassen. Gegenfragen oder Kritik gab es nicht. Ein Beitrag, der, wie nach dem Treffen zu lesen war, angeblich ironisch gemeint war. Irgendwie muss das missglückt sein. Gelacht haben die Medienfrauen trotzdem.


„Saure Gurke“

Die „Saure Gurke“ für:„Männer – das diskriminierte Geschlecht?“ Redaktion: Gerd Niedermayer. Moderation: Wolfgang Binder.

Entlang des Buches „Frauen und Kinder zuerst“ von Paul-Hermann Gruner, stellt die Sendung dar, dass „Jungen ins Hintertreffen geraten“ und Männer „ auf der Verliererstraße“ sind. Tatsache sei: Mädchen machen Abitur, Frauen haben eine gute Ausbildung und sind im Beruf erfolgreich. Jungen hingegen seien die schulischen Sorgenkinder und Männer würden ihre Jobs in der Produktion verlieren. Den Ton für die Sendung setzt die Eingangscollage aus Bildern von Models und Schminkszenen, vom Bomberstaffeln, Dominas und Müllmännern. Der zentrale Satz dazu: „Sind die subtileren Waffen der Frau weniger tödlich als die der Männer?“

 

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